Atlético-Pleite in der Champions League:"Er ist Gott für uns"

Sicher, mit ein bisschen Überhöhung wäre das Double für Atlético die hübsche Geschichte von der Revanche des kleinen Mannes in der Krise gewesen, die Geschichte vom Willen, der alles kann. Zum Beispiel, sich über die Macht des Kapitals erheben, das im Fußball kaum ein Klub so idealtypisch verkörpert wie Real Madrid. Simeone hat seinen Männern diesen Willen sehr tief eingetrichtert, wie tief, das hat sein Mittelfeldspieler Tiago in Lissabon so formuliert: "Er ist Gott für uns, er hat hier alles verändert. Wenn er sagt: Springt von der Brücke, springen wir von der Brücke."

Diego Costa spielte trotz Faserriss. Nur neun Minuten lang

Mit dieser Selbstgewissheit waren sie ins Spiel gegangen, flink mit Ball und Gedanken, garstig und kompromisslos beim frühen Anlaufen des Gegners. Manchmal sah es so aus, als spiele hier die Maus mit der Katze ein Spiel namens "Maus und Katz" und nicht umgekehrt.

Aber nach 93 Minuten und Ramos' Ausgleich war zunächst der Glaube weg, und als Marcelo in der 118. Minute von Cristiano Ronaldo den Ball in den Fuß gespielt bekam, konnte kein Atlético-Spieler auch nur noch einen entschlossenen Schritt machen, um die Verfolgung aufzunehmen. Marcelo marschierte wie ein Westernheld durch eine Kulisse aus Pappindianern zum 3:1.

Vielleicht hätte Simeone sich nicht auf das Wagnis mit Diego Costa einlassen sollen. Der beste Atlético-Stürmer spielte trotz Muskelfaserriss, schon nach neun Minuten musste er vom Feld. "Mein Fehler", sagte Simeone. Oder mal angenommen, Atlético hätte die Meisterschaft schon am vorletzten Spieltag klargemacht - dann hätten sich Costa und der fürs Kollektiv ebenfalls wichtige Arda Turan nicht im letzten Spiel gegen Barcelona verletzt . . .

Hätte, wäre, könnte. Es hilft nichts, Simeone weiß das. Alle bei Atlético wissen das. Hätte Katsche Schwarzenbeck im 1974er-Finale nicht in der letzten Minute den Ausgleich für die Bayern erzielt und ein Wiederholungsspiel erzwungen, das die Bayern 4:0 gewannen, wäre vielleicht auch der FC Bayern heute ein anderer Klub.

Da kann Diego Simeone noch so oft betonen, dass dieses Spiel "uns größer gemacht hat". Er ahnt wohl noch gar nicht, wie viel größer er Atlético gemacht hätte, wenn das Spiel mit dem runden Ball wirklich nur 90 und nicht 95 Minuten dauern würde.

© SZ vom 26.05.2014/jbe
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