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Atlético Madrid:Bitteres Drama für Anheizer Simeone

Real Madrid vs Atletico Madrid

Kurz vor dem Elfmeterschießen feuert Diego Simeone ein letztes Mal die Atlético-Fans an.

(Foto: dpa)

Atléticos Trainer macht im Finale vieles richtig - und verliert dennoch alles. Trotzdem zeigt Diego Simeone Größe.

Im Moment des bitterst möglichen Scheiterns ging Diego Simeone aufrecht zu den Fans von Atlético Madrid. Er klatschte in die Hände, er applaudierte den Menschen, die in diesem Moment nur noch Schmerz empfanden. Im Mittelkreis weinte Fernando Torres hemmungslos, Juanfran heulte mit rotem Gesicht, er hatte den entscheidenden Elfmeter verschossen. Diego Simeone ging zu seinen Spielern, er legte Antoine Griezmann die Hand auf die Schulter. Der Anheizer wurde zum Seelentröster. Der, der immer mit allen Mitteln gewinnen will, zeigte Größe in der Niederlage.

Vor zwei Jahren war Simeone ja schon einmal an diesem Punkt gewesen. Auch im Champions-League-Finale, auch gegen Real Madrid, nur in Lissabon statt in Mailand. Geschlagen worden war der Herr der Krieger damals vom größten Krieger der anderen Mannschaft. Von Sergio Ramos in der dritten Minute der Nachspielzeit, der das 1:1 köpfte. "Dieser Abend hat uns größer gemacht", sagte Simeone damals nach dem Spiel, die Fans sollten bitte "nicht eine Sekunde verschwenden mit Traurigkeit."

Immer wieder Ramos

Diesmal könnte er wieder genau das gleiche sagen. Wieder traf Ramos. Diesmal aber zum 1:0. Und diesmal kam seine Mannschaft zurück. Aber der Schmerz ist der gleiche. Vielleicht sogar ist er noch ein bisschen größer. Wegen dieser Niederlage im Elfmeterschießen. "Was wirklich weh tut, ist, unsere Fans so traurig zu sehen. Ich bin verantwortlich für diese Mannschaft und konnte den Fans nicht geben, was sie sich so gewünscht und was sie verdient hätten. Und das tut mir am meisten weh", sagte er eine Stunde nach der Niederlage

Es gab drei Diego-Simeone-Momente in diesem Finale. Der erste muss in der Halbzeit-Pause gewesen sein. Man hat ihn nicht gesehen, aber es muss ihn gegeben haben. Atlético spielte in der ersten Halbzeit schlecht bis mies, sie spielten ohne Leidenschaft, ohne Kampfeswillen. Etwas Schlimmeres gibt es für Simeone nicht.

Aus der Halbzeit kam eine verwandelte Mannschaft. Eine, die nach zwei Minuten einen Elfmeter bekommt, den Antoine Griezmann an die Latte knallt. Simeone, das war der zweite Moment, schritt danach zu Griezmann, nahm sein Gesicht in beide Hände und redete auf ihn ein. Im Elfmeterschießen trat Griezmann erneut an. Er traf.

Von seinen Spielern verlangt Simeone Hingabe, Leidenschaft und Kampfeswille. "Wir wissen, dass unsere Gegner zuweilen besser sind als wir", sagt er gerne und oft, "aber unsere Stärke besteht darin, dass wir uns selbst in der Lage sehen, es mit ihnen aufzunehmen." Arbeit ist alles bei Simeone. Siegeswille ist entscheidend und so kam Atlético nach dem Rückstand, nach dem verschossenen Elfmeter wieder zurück. Carrasco traf nach wunderbarer Vorarbeit von Juanfran.

Simeone erklärt den Fußball

Der letzte Simeone-Moment war vor dem Elfmeterschießen. Er ging zur Fankurve. Im Elfmeterschießen zählt normalerweise, noch mehr als sonst, vor allem der Glaube an die eigene Stärke. Die letzten Extra-Prozente wollte Simeone von der Tribüne holen. Am Ende aber zählte nicht Glaube. Am Ende entschied ein Pfosten. Juanfran setzte seinen Elfmeter, den neunten des Schießens, an ebendiesen. Und Simeone war wieder der Verlierer.

"Im Fußball gibt es keine Revanche, es gibt lediglich neue Möglichkeiten und Chancen. 'Revanche' ist ein negatives Wort, weil es auf eine Niederlage zurückgreift. Das Wort 'Chance' dagegen beinhaltet Optimismus und Zuversicht ", sagte Simeone vor dem Spiel.

Er muss den Glauben wieder zurückbringen

Er selbst trägt den Spitznamen "El Cholo", ein in Argentinien eigentlich abschätziger Name für Menschen indigener Abstammung. Er bekam ihn, weil er einem anderen Fußballer mit diesem Namen ähnlich sah. Seine Art, eine Mannschaft zu führen, heißt darum Cholismo. "Cholismo, wenn man es so nennen will, bedeutet einfach, dass man an den Erfolg glaubt, wie man an seinen Gott glaubt. Und von meinen Spielern erwarte ich, dass sie mir in diesem Glauben folgen. Denn genau darum geht es beim Fußball", erklärte er mal.

Den Glauben muss Atlético nun behalten. Dieser Verein, der sich seit Jahrzehnten über jenen Schmerz definiert, den die Fans manchmal Pupa nennen, das spanische Wort für Aua. 1974 eliminierte Bayerns Katsche Schwarzenbeck Atlético in letzter Sekunde im Finale des Europapokals der Landesmeister, 2014 Sergio Ramos in der 93. Minute, jetzt der Pfosten und am Ende Cristiano Ronaldo.

Aber wenn es einer schafft, Atlético weiter den Glauben zu geben, dann Diego Simeone.

© SZ vom 29.05.2016/ebc

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