Leverkusen-Gegner Atalanta Bergamo:Der größte Kleine in Italien

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Gian Piero Gasperini (Foto: Spada/AP)

Bergamo, das war einst Fußballprovinz in Norditalien - inzwischen ist Atalanta Stammgast im Europapokal. Verantwortlich für den Aufstieg ist auch Trainer Gian Piero Gasperini. Jetzt fehlt nur noch ein Pokal.

Von Felix Haselsteiner und Thomas Hürner, Mailand

Es war nur eine kleine Szene, aber womöglich steht sie für eine ganze Karriere. März 1989, ein Ligaspiel der SSC Napoli bei Pescara Calcio: Diego Maradona empfängt den Ball, lupft ihn hoch, dann ein feiner Pass aus dem Fußgelenk. Eine wundervolle Aktion, nur nicht nach jedermanns Geschmack: Der Ball war kaum weg, da bekam Maradona, Lichtgestalt des Calcio, ein funkelndes Accessoire gegen seine Lippe geschlagen - den Ehering von Gian Piero Gasperini, damals beinharter Mittelfeldmann in Diensten von Pescara. Eher kein Versehen war das. In Neapel konnte sich Gasperini noch Jahre danach kaum blicken lassen, derart derb wurde er beschimpft. Und seine liebe Mamma gleich mit.

Lange her ist das und nur ein Schnipsel aus einer eher mittelprächtigen Spielerlaufbahn. Und doch: Nicht wenige behaupten, dass diese Sequenz einiges über Gasperini erzählt, der nun seit acht Jahren Trainer von Atalanta Bergamo ist. Gasperini kann austeilen und scheint eine Art Schadenfreude zu empfinden, wenn er sich mit dem Establishment anlegt. Er ist ein Aufwiegler, der es immer wieder schafft, die Großen mit Mitteln zu bezwingen, von deren Einsatz diese absehen. Und trotzdem hat er ein Gespür für die Feinheiten des Spiels, auch für die Ästhetik. Nur: Einstecken konnte er nie, kann er bis heute nicht. "Wenn er gewinnt, ist er brillant", schrieb La Repubblica einmal über ihn: "Wenn er verliert, ist er eine Heulsuse."

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An diesem Mittwoch, im Finale der Europa League gegen Bayer Leverkusen, kann er nun seinen ersten großen Sieg erringen: Gasperini, 66, gilt in Italien längst als Innovationstreiber, als Anführer einer kleinen Kulturrevolution. Unter anderem sein Einfluss war es, der die Lehre des Catenaccio, der altitalienischen Riegeltaktik, in vielen Kollegenköpfen obsolet machte. Ein ideeller Triumph, immerhin. Doch davon abgesehen, ist seine Vita eher mit Kleinkram ausgeschmückt: Zweimal ist Gasperini mit seinen Teams aufgestiegen, zweimal wurde er zu Italiens Trainer des Jahres gewählt.

Gegen Juve gab es die Chance auf einen Titel, aber dann reichte es nicht für Atalanta

Einen echten Titel gewann er noch nie - bisher auch nicht in diesem Jahr, in dem sich jüngst eine herausragende Chance geboten hatte. Ein vergleichsweise leicht zu schlagendes Team von Juventus Turin begegnete Atalanta vorige Woche im Finale der Coppa Italia, am Ende reichte ein frühes Tor zum Titel für die Juve, während Gasperini in seine bekannte Rhetorik zurückfiel. "Alles gegeben" habe seine Mannschaft, er könne ihr keine Vorwürfe machen. Und überhaupt, ergänzte er im Hinblick auf das Finale der Europa League: "Ein Pokal ist nicht immer der entscheidende Parameter, an dem man Erfolg messen sollte."

In der Mehrheit der großen Fußballvereine Europas dürfte man dieser These widersprechen, nicht aber in Bergamo. Bevor Gasperini 2016 bei Atalanta anheuerte, hatte "La Dea", wie man den Klub wegen der langhaarigen Göttin im Wappen nennt, nur vier Mal in europäischen Klubwettbewerben mitgespielt. Bergamo war Provinz, zumal im Vergleich mit den benachbarten, norditalienischen Großmächten Mailand und Turin. Inzwischen ist Atalanta längst der größte Kleine in der Serie A, ein Ausbildungsklub mit der Ambition, immer wieder in geradezu unerhörte Tabellenregionen vorzustoßen. Für die kommende Champions League hat sich Bergamo in dieser Saison bereits qualifiziert. Auch deshalb kann die Vereinsgeschichte Atalantas in zwei Sinnabschnitte unterteilt werden: in eine Zeit vor Gasperini und in eine Ära mit Gasperini.

Gian Piero Gasperini mit dem Abwehrspieler Davide Zappacosta. (Foto: Marco Bertorello/AFP)

Teil der Gasperini-Ära ist die Philosophie, dass es nicht die größten Namen braucht - sondern dass man aus Spielern das meiste herausholen kann, wenn man ihnen das richtige Umfeld bietet. Das galt einst für den deutschen Nationalspieler Robin Gosens, der in Bergamo die Blütephase seiner Karriere erlebte, so wie es nun auch für die vielerorts gescheiterten Offensivspieler Ademola Lookman und Charles De Ketelaere gilt.

Im Zentrum des Teams stehen aber vor allem zwei Akteure: zum einen, in der Abwehr, der erst 20-jährige hochtalentierte Giorgio Scalvini, den man in Italien zum legitimen Nachfolger der Generation Bonucci/Chiellini erklärt hat und den halb Europa gerne verpflichten würde. Zum anderen der offensive Gianluca Scamacca, der vor der Saison ein Angebot von Inter Mailand ausschlug, um zum Spielerentwickler Gasperini zu wechseln, nach einer eher enttäuschenden Spielzeit bei West Ham in England. Es funktionierte: Scamacca erzielte allein auf dem Weg ins erste europäische Finale der Vereinsgeschichte sechs Tore in zehn Spielen.

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Er passt perfekt in Gasperinis System, das vornehmlich auf einer zentralen Lehre beruht, dem permanenten Angriff. Nach Ballverlusten wird Mann gegen Mann verteidigt, die Spieler sollen immer vertikal denken, jede Millisekunde ist wichtig in diesen aufreibenden Rückeroberungsversuchen. Bei Gasperini dreht sich alles um Druck: Ob mit oder ohne Ball, sein Fußball ist eine technische, physische und strategische Detailarbeit, die den Gegner in permanenten Stress versetzt. Daraus ergibt sich Dominanz gegen kleinere Teams - oder eine hungrige Underdog-Mentalität gegen Ballbesitzmannschaften wie Leverkusen.

Gasperini schätzt die Ruhe, mit der er bei Atalanta arbeiten kann, er will nirgendwo anders hin

Sein System ist riskant, die drei Verteidiger sind mitunter in erstaunlichen Zonen unterwegs. Doch abseits des Platzes hat der Piemonteser dem Chaos längst abgeschworen. Gasperini schätzt die Ruhe, mit der er bei Atalanta arbeiten kann. Angebote aus der Premier League soll er immer wieder abgelehnt haben. Möglicherweise auch wegen seiner Vergangenheit? 2011 wurde er überraschend als Trainer von Inter Mailand vorgestellt, wo er mit einer satten, kritikunfähigen Mannschaft arbeiten musste, die im Jahr zuvor das Titel-Triple gewonnen hatte. Gasperini scheiterte, nach gerade einmal fünf Spielen wurde er entlassen. Eine Demütigung war das. Noch heute reagiert er gereizt, wenn er auf diese Zeit angesprochen wird.

Doch dieses Intermezzo war ihm auch eine Lehre. Er hat seitdem seine eigenen Kriterien etabliert, an denen er Erfolg misst. Und unabhängig davon, wie das Finale von Dublin ausgeht: Gasperini sieht diese Saison bereits als Erfolgsgeschichte - genauso wie die Bergamaschi seine Ära.

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