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Atalanta Bergamo in der Champions League:Bittere Erinnerung an Spiel null

Supporters of Atalanta during the UEFA Champions League Round of 16 match between Atalanta and Valen; Atalanta Bergamo

Fataler Fehler: Atalanta Bergamos 4:1 im Februar 2020 gegen Valencia fand im Mailänder San Siro statt - vor voller Kulisse.

(Foto: Zuma/Imago)

Vor einem Jahr feierte Atalanta eine Glanzstunde in der Champions League, heute gilt das 4:1 gegen Valencia als Super-Spreading-Event. Nun gastiert Real Madrid in Bergamo - und es hat sich vieles geändert im Klub.

Von Oliver Meiler

Real Madrid ist in der Stadt, das große Real Madrid. Und wenn man sich in Bergamo auch allmählich an märchenhafte Namensklänge des Weltfußballs gewöhnt, so ist diese Paarung halt doch noch immer eine Sensation. Nie zuvor in ihrer langen Geschichte hat die Stadt ein Spiel auf diesem Niveau erlebt und beherbergt, man spielt ja auch noch nicht so lange da oben mit: Königsklasse, Achtelfinale, Hinspiel. Der Fußballverein Atalanta Bergamo, den die Bergamasken "Dea" nennen, weil er im Wappen eine Göttin mit wallendem Haar trägt, laborierte seit seinem Bestehen oft und mühselig an der Bruchstelle zwischen Serie A und Serie B.

Im vergangenen Jahr aber hatte es Atalanta schon ins Viertelfinale der Champions League geschafft und sollte sich dann Paris Saint-Germain erst in den Nachspielminuten mit 1:2 beugen. Qualifiziert hatte sich Bergamo für das Finalturnier in Lissabon mit einem Torrausch gegen den FC Valencia, mit einer memorabel überragenden Leistung - und mit einer Euphorie, für die man später teuer bezahlte. Jenes 4:1 vom 19. Februar 2020 fand nicht in Bergamo statt, das eigene Gewiss Stadium genügte nämlich noch nicht den europäischen Standards. Sondern im Mailänder San Siro: 44 000 Zuschauer, eng an eng, der dritte Ring war geschlossen. Die Seuche war schon da, nur wusste man es noch nicht.

Das Spiel gegen Valencia gilt seither als Spiel null, als "Partita zero". Super-Spreading-Event.

Viele angereiste Fans sollen sich damals angesteckt haben, im Stadion, in der Mailänder Metro, in den Pubs, und das Virus dann zurück nach Bergamo gebracht haben. Vergessen ist nichts, auch nicht verarbeitet. In Bergamo gedenken sie in diesen Tagen, da sich der Beginn der Seuche im Norden Italiens zum ersten Mal jährt, der vielen Toten aus der Region, die damals ohne Bestattung aus der Stadt weggebracht wurden. Meistens in der Nacht. Die Zeitung L'Eco di Bergamo titelte zum Wochenanfang auf der ersten Seite: "Stunde der Erinnerung". Dazu ein Foto mit einem Militärtransporter und zwei Männern in weißen Schutzanzügen, die einen Sarg verladen. Es ist zum Symbolbild geworden, es ging um die Welt.

Real Madrids Auftritt eine Attraktion: Auch wenn die Spanier ohne Sergio Ramos und Karim Benzema anreisen

Bergamo und seine Täler rundherum, das Val Seriana vor allem, wurden während der ersten Pandemiewelle besonders dramatisch getroffen, so sehr, dass der Name Bergamo nun unweigerlich und wohl für einige Zeit an das Drama gemahnt. Ein Jahr ist also vergangen. In der Zwischenzeit ist das Gewiss Stadium umgebaut, es erfüllt die Kriterien des europäischen Fußball-Verbandes Uefa, es darf Bühne sein für das Großereignis. Aber natürlich wird die Arena leer sein. Vergessen? Geht gar nicht.

Die "Dea", Platz vier in der italienischen Meisterschaft, soll nun mal wieder den Stolz der ganzen Region nähren, europäisch eben. Real Madrid also! Stark geschwächt zwar, ohne Sergio Ramos, Karim Benzema, Eden Hazard, Dani Carvajal, Federico Valverde, Marcelo. Aber es ist eben doch Real Madrid.

Bei Atalanta ist unterdessen viel passiert, vor allem das: Der "Papu" ist weg. Der Argentinier Alejandro "Papu" Gómez, erste Geige im atalantinischen Wunderorchester der vergangenen Jahre, hat den Verein nach einem sagen- und gerüchteumwundenen Zerwürfnis mit Trainer Gian Piero Gasperini im Januar verlassen. Er spielte vorige Woche schon mit dem FC Sevilla beim 2:3 im Achtelfinal-Hinspiel gegen Borussia Dortmund. Bevor er ging, versprach Gómez seinen Fans über die sozialen Medien Aufklärung: "Ich wollte euch nur sagen", schrieb er in einem Post, "dass ihr die ganze Wahrheit erfahren werdet, wenn ich weg bin. Ich liebe euch, euer Kapitän." Geredet hat er bis heute nicht.

Was war da nur geschehen? Nach dem Spiel gegen den dänischen FC Midtjylland kam es zwischen dem "Papu", 33, und Gasperini, 63, in der Umkleide zu einem heftigen Streit, die zwei sollen dabei sogar handgreiflich geworden sein. Vorausgegangen war eine Szene im Spiel. "Gasp" hatte Gómez einen Rollenwechsel verordnet, wie er das in Vergangenheit oft tat: Der "Papu" ist ein "Tuttocampista", einer, den man fast überall einsetzen kann: auf der Zehn, auf der Neun, als falschen Neuner, als linken Flügel, als tief stehenden Playmaker. Er ist so polyfunktional, dass seine Verschiebung auf dem Feld auf einen Schlag die Dynamik eines Spiels verändert. Ein Traum von einem Spieler, für jeden Trainer. Und für die Fans, der "Papu" wurde zum Mythos, vielleicht erwuchs daraus auch ein bisschen Hybris, kommt schon mal vor. Die Zurechtweisung im Spiel gegen die Dänen mochte er nicht hinnehmen, der Trainer sah ihn zu wenig engagiert.

Plötzlich standen Gasperini und Gómez also unversöhnlich im Clinch - mit sturen, stolzen Köpfen. Er oder ich! Der Präsident des Vereins, der frühere Spieler und Unternehmer Antonio Percassi, schlug sich auf die Seite des Trainers, wie konnte es auch anders sein. Gasperini hat aus seinem mittelprächtigen, aber wirtschaftlich gesunden Verein, der sich auf Scouting und Nachwuchsarbeit verlässt, binnen viereinhalb Jahren eine kleine Macht gebastelt, ein Team mit innovativem Fußball und klarer Identität.

Atalanta Bergamo - SSC Neapel

Die neue Nahtstelle bei Bergamo: Matteo Pessina, jung, scheu, clever, hält Sturm und Mittelfeld zusammen.

(Foto: Stefano Nicoli/dpa)

Atalanta greift oft schwarmartig an, über die Flügel, durch die Mitte, alles gleichzeitig. Neuerdings stürmen auch die Innenverteidiger mit, was hinten natürlich zuweilen groteske Räume öffnet für den Gegner, aber das nimmt man in Kauf. Das Spektakel nach vorne ist es wert. Egal, wer spielt, die Matrix ist verinnerlicht.

"Papu" war also die erste Geige. Man dachte: Ohne ihn ist es vorbei. Dann aber kam Matteo Pessina, ein junger, scheuer Mann, den man für eine Million Euro vom AC Mailand geholt hatte: Wirtschaftsstudent, 23, eine Schwäche für lateinische Sprichwörter, für Van Gogh und für Toni Kroos, bei dem er sich inspiriert. Und dieser Pessina, den nun wirklich niemand kannte, gibt nun den "Papu". Er näht die Abteilungen Mittelfeld und Sturm zusammen, damit die beiden unerhört formstarken Kolumbianer Luis Muriel und Duvan Zapata da vorne genügend Bälle erhalten. Er bewegt sich dafür zwischen den Linien, als hätte er nie etwas anderes getan.

Es ist eben schon so: Spieler kommen und gehen. Trainer bleiben schon mal länger, so sie Erfolg haben. Und eine Spielidee. Von Gasperini sagt man, er sei der "Ferguson Bergamos". Zu Alex Ferguson, dem langjährigen Dompteur von Manchester United, fehlen aber noch so einige Dienstjahre.

Und über allem thront die Göttin, ewig, das Haar wallt.

© SZ/khoe/bkl
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