Süddeutsche Zeitung

Jürgen Klinsmann in Südkorea:In der Laschet-Falle

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Darf man lächeln, wenn man in einem Wettbewerb ausgeschieden ist, der dem Land viel bedeutet? Nach dem Aus beim Asien-Cup debattiert Südkorea über den Nationaltrainer Jürgen Klinsmann - laut wird dabei auch ein alter Vorwurf.

Von Felix Haselsteiner

Südkoreas Nationalmannschaft war gerade im Halbfinale des Asien-Cups gescheitert, das Land trauerte - und Jürgen Klinsmann lächelte. Es war ein freundliches, respektvolles Lächeln, das er bei der Gratulation an den jordanischen Nationaltrainer Hussein Ammouta zeigte. Man hätte das einfach nur als Höflichkeit werten können, nur taten das die größten Zeitungen in Südkorea nicht. Und seitdem wird so viel über den Gesichtsausdruck des Nationaltrainers gesprochen, dass Klinsmann allmählich nach Armin Laschet zum zweitbekanntesten Deutschen wird, der mit einem kurzen Lächeln zum falschen Zeitpunkt möglicherweise eine Karrierechance vertan hat.

0:2 endete die Partie Südkoreas gegen Jordanien im Halbfinale dieses Kontinentalturniers, an dem Klinsmann zum ersten Mal teilnimmt. Aber natürlich hatte er davor schon mitbekommen, worum es für ihn persönlich und seine Mannschaft auf dem Feld gehen würde: Denn seit seinem Amtsantritt im März des vergangenen Jahres stand hauptsächlich dieser Wettbewerb im Fokus, bei dem die Südkoreaner seit 66 Jahren auf einen Titel warten. Was England für die Weltmeisterschaft ist, ist Südkorea für den Asien-Cup: eine favorisierte Nation, die dem Titel oft genug nahe war - und am Ende doch immer noch ein ganzes Stück davon entfernt.

Nun stellt sich also eine den Engländern altbekannte Frage: Kann an diesem Fluch überhaupt jemand schuld sein? Im südkoreanischen Verband haben sie über die Jahre zahlreiche gute Spieler eingesetzt und die verschiedensten Varianten auf der Trainerbank ausprobiert: einheimische Trainer, mehrere Niederländer, darunter den großen Guus Hiddink, dazu Uli Stielike, zuletzt auch einige Jahre mit verhältnismäßig großem Erfolg den Portugiesen Paulo Bento. Und nun eben seit einigen Monaten Klinsmann als Alleingestalter mit einem deutsch/österreichisch/koreanischen Trainerteam, das unter anderem aus Andreas Köpke, Andreas Herzog und dem ehemaligen Bundesligaspieler Du-ri Cha, Sohn des großen Bum-kun Cha, besteht.

Eine große Zeitung macht Klinsmanns "Nicht-Taktik" für die Niederlage verantwortlich

Klinsmann und sein Team haben sich mit dem verpassten Titel nun in eine lange Reihe von Trainern einsortiert, die die hohen südkoreanischen Ambitionen enttäuscht haben. Auf eine durchwachsene Vorrunde (ein Sieg, zwei Unentschieden), in der Klinsmann schon einmal mit einem Lächeln auffiel, folgten Siege im Achtelfinale gegen Saudi-Arabien im Elfmeterschießen und im Viertelfinale gegen Australien nach Verlängerung. Die zwei späten Siege hatten der Mannschaft und ihrem Trainer zwischendurch positive Schlagzeilen eingebracht, allerdings immer versehen mit dem Zusatz, dass eigentlich nur der Titel ausreichen wird, um größere Debatten zu vermeiden. Gegen Jordanien, die Überraschungsmannschaft des Turniers, waren die Südkoreaner dann so beachtlich chancenlos, dass ein anderes altbekanntes Thema wieder zum Vorschein kam.

"Es war ein Spiel, in dem Klinsmanns 'Nicht-Taktik' voll zur Geltung kam", schrieb die Zeitung Hankook Ilbo, es ist ein Muster in Klinsmanns Trainerkarriere: Auch bei den Nationalmannschaften in Deutschland und den USA sowie beim FC Bayern wurden ihm meist ein erfreuliches Menschenfängertum sowie eine hohe Motivationsgabe nachgesagt - aber eben auch fußballerisch-taktische Begrenzungen. Die haben sich in diesem Halbfinale besonders bemerkbar gemacht: So war das Fehlen des gelbgesperrten Abwehrchefs Min-jae Kim nicht zu kompensieren, wenngleich sich dahinter eine gute Nachricht für den FC Bayern verbirgt. Kim ist bereits aus Katar abgereist und dürfte rechtzeitig zum Spiel gegen Bayer Leverkusen am Wochenende einsatzbereit sein.

Vorteil für den FC Bayern: Min-jae Kim kehrt zurück und könnte in Leverkusen spielen

Ob er später im Jahr noch einmal unter Klinsmann auflaufen wird, steht hingegen infrage. Zurücktreten wird der Trainer wahrscheinlich nicht, erst einmal reiste er mit der Mannschaft nach Südkorea, dort sollen Besprechungen mit dem Verband stattfinden. Klinsmann hat an der südkoreanischen Nationalmannschaft durchaus Gefallen gefunden, hört man, trotz der kulturellen Differenzen, die auch ein Mannschaftsgefüge beschäftigen. Südkoreas Team vertraut auf eine starre, altersgeprägte Hierarchie, die Jungen haben sich unterzuordnen - was nicht unbedingt Klinsmanns Philosophie entspricht.

Die hatte er nach seinem Antritt damals in recht einfachen Worten erklärt, die ihn elf Monate später nun allerdings auf geradezu ironische Weise heimsuchen: "Ich möchte, dass sie Spaß haben und dass sie mit einem Lächeln auf den Lippen auflaufen", sagte Klinsmann damals über seine Spieler, die das Feld am Dienstagabend mit einem auffällig traurigen Gesicht verließen - genauso wie ihr Trainer, der später auf der Pressekonferenz noch mal klarstellte, er sei als verantwortlicher Trainer der Hauptschuldige für den ungenügenden Vortrag gegen Jordanien. Mit seinem Lächeln habe das allerdings nichts zu tun gehabt, das sei nur eine unglückliche Momentaufnahme gewesen. "Ich bin enttäuscht und wütend", versicherte er.

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