Umbruch bei AS Rom Einmal kurz durchlüften

Claudio Ranieri, neuer Roma-Coach, führte in England Außenseiter Leicester zum Titel.

(Foto: AP)
  • Bei AS Rom herrscht nach dem unglücklichen Aus in der Champions League gegen Porto großer Frust.
  • Der Präsident entlässt das Führungspersonal und holt einen Trainer, der 2016 in England ein kleines Wunder vollbrachte.
Von Birgit Schönau, Rom

Der Schlusspfiff war kaum verklungen, das Ausscheiden der Römer aus der Champions League nach dem 1:3 in Porto gerade besiegelt, da brach Kapitän Daniele De Rossi eine Lanze für seinen Trainer: "Eusebio Di Francesco hat noch eine Chance verdient." Aus Boston wütete Präsident James Pallotta via Twitter gegen den Schiedsrichter: "Man hat uns bestohlen!" Der Schiedsrichter sei der Dieb. Einen Elfmeter für Porto in der 117. Minute und keinen für die Roma in der 120. Minute. Di Francesco sagte nichts. Auch den Rückflug nach Rom absolvierte er schweigend. Und am nächsten Mittag war er entlassen. Der Abschied von der Mannschaft soll dem Vernehmen nach eisig gewesen sein. So ist Rom. Wenn ein Papst gestorben ist, wählt man halt den nächsten.

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Der nächste ist ein alter Bekannter und dazu noch einer, der seine Spieler tatsächlich wie ein Papa behandelt, was das italienische Wort für Papst ja bedeutet. Claudio Ranieri war nicht nur schon einmal Roma-Trainer (2009 - 2011) und hätte dabei fast einmal die Meisterschaft gewonnen - was dann Inter Mailand gelang -, aber die Roma gäbe heute schon ein Königreich für Platz zwei.

Ranieri ist überdies erklärter Romanista, sozusagen von Geburt an, und diese Geburt ereignete sich 1951 auch noch in unmittelbarer Nachbarschaft jenes Ortes, wo der Klub selbst aus der Taufe gehoben wurde: Testaccio, das ehemalige Schlachthofviertel. Ranieris Vater betrieb dort eine Metzgerei, was dem Sohn bis heute den nur in Rom schmeichelhaften Beinamen er fettina bescherte - das Schnitzel. Wobei der extrem populäre Trainer, wiewohl zwischenzeitlich ins Reichenviertel Parioli umgesiedelt, eigentlich schon zum Divo Claudio avanciert ist, zum vergöttlichten Imperator, seitdem er auf den Spuren des alten Claudius Britannien erobert hat.

Seit dem sensationellen Meistertitel mit Leicester City 2016 hat Ranieri bei den nächsten Stationen Nantes und Fulham nicht mehr ganz so viel Lorbeer einheimsen können. Bei dem Londoner Klub wurde er nach drei Monaten schon wieder weitergeschickt, nachdem Fulham gegen Hinz und Kunz immer nur verloren hatte. In Rom kriegt er jetzt auch drei Monate, bis zum Saisonende. Mehr will Ranieri nicht. Einmal kurz durchlüften und Schluss. Und ein Platz für die Champions League soll es bitte auch sein. Derzeit ist die Roma auf Rang fünf.

Im Sommer soll dann Maurizio Sarri kommen, der derzeit beim FC Chelsea leidet. Sarri ist bei Weitem nicht so gemütlich wie Ranieri, er ist sogar ziemlich ungemütlich. In Italien fiel er unter anderem dadurch auf, dass er einen Trainerkollegen als "Schwuchtel" beschimpfte. Vielleicht überlegt sich James Pallotta die Personalie noch mal. Es gibt durchaus Kandidaten, die man bedenkenloser in ein Fernsehmikrofon sprechen lassen darf - was ja heutzutage auch zu den Aufgaben eines Übungsleiters gehört.

Die Entscheidung, Di Francesco zu entlassen, soll der Präsident schon lange vor Porto gefasst haben. Dass die Luft raus war nach der überragenden Vorjahressaison mit dem Einzug ins Champions-League-Halbfinale, war tatsächlich seit Monaten spürbar. 23 Gegentore hat die Roma im neuen Jahr kassiert, davon allein sieben beim Pokalspiel am 30. Januar gegen den AC Florenz. Mit dem 1:7 stand Di Francescos Rauswurf im Raum, mit der 0:3-Klatsche im Derby gegen Lazio am vergangenen Samstag war er besiegelt.

Wenn die Roma sich ins Viertelfinale gehangelt hätte, wäre vielleicht noch ein Postskriptum drin gewesen. Nicht die Schludrigkeit des Schiedsrichters, der am Ende der Verlängerung auf die Konsultation des Videoassistenten verzichtete, sondern Alessandro Florenzis Trikotzupfer drei Minuten zuvor bedeutete das Ende. Ohne diese irre Aktion, die den Portugiesen den siegbringenden Strafstoß bescherte, wäre wenigstens noch das Elfmeterschießen möglich gewesen.

Neben Di Francesco geht Sportdirektor Ramón Rodríguez Verdejo alias Monchi, der für schuldig befunden wurde, eine schlechte Transferpolitik betrieben zu haben: zu viel Geld für zu viele überschätzte Junge. Wie das in naher Zukunft anders laufen soll, weiß niemand so genau. Seit Jahren verkauft die Roma ihre besten Spieler, von Mohamed Salah über Torwart Alisson Becker (beide Liverpool) über Miralem Pjanic (Juventus) bis Radja Nainggolan (Inter Mailand).

Pallotta will Kasse machen, und dazu würde er am liebsten auch endlich ein eigenes Stadion bauen - aber bis das so weit ist, wird wohl noch viel Wasser den Tiber hinabfließen. In dieser Saison ließ sich der Präsident in Rom noch seltener blicken als zuvor. Ein abwesender Patron aber macht den Neuanfang noch schwieriger, wenn nicht unmöglich. Claudius, der Britannien-Eroberer, hat bei seinen Feldzügen auch nicht vom Palatin getwittert.

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