Bielefeld in der zweiten Liga:Ein Mosaik des Schreckens

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Immer gefährlich: Trotzdem reichen die Treffer von Robin Hack (links) der Bielefelder Arminia bisher noch nicht. (Foto: Ulrich Hufnagel/Imago)

Der Arminia droht nach dem Abstieg aus der Bundesliga der direkte Sturz in die dritte Liga. Über einen Verein, der das Leiden perfektioniert hat.

Von Ulrich Hartmann, Bielefeld

Die Fans von Arminia Bielefeld gelten als besonders sturmerprobt. Sie haben einfach schon viel mitgemacht. Allein in den vergangenen 15 Jahren ist ihr Klub drei Mal auf- und vier Mal abgestiegen. Er hat in dieser Zeit drei Mal in der ersten, drei Mal in der dritten und neun Mal in der zweiten Liga gespielt. Bevor am Sonntag gegen den SV Sandhausen die Rückrunde beginnt, steht der ostwestfälische Traditionsklub, im Sommer aus der Bundesliga abgestiegen, auch in der zweiten Liga bereits wieder im Tabellenkeller.

Arminias Sportvorstand Samir Arabi, 43, bald zwölf Jahre im Amt, will die oft zitierte Leidensfähigkeit der Bielefelder Fans nicht überstrapaziert wissen. "Dieses Etikett stört mich", sagt er, "was ist denn Leidensfähigkeit bei einem Fußballverein? Ich kann damit, ehrlich gesagt, nichts anfangen." Die Euphorie anlässlich der Aufstiege war schließlich auch nicht zu verachten. Zurzeit benötigt die Arminia unbedingt Aufbruchstimmung. Sie hat ein schmerzhaftes Jahr hinter sich.

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Auf ihrer Mitgliederversammlung sollten sie bei der Arminia darüber nachdenken, 2022 aus der Vereinschronik zu löschen. Es war ein Jahr zum Vergessen. Dabei hatte es so gut begonnen: Nach sechs Spielen mit nur einer Niederlage und nach einem 1:0-Sieg gegen Union Berlin am 19. Februar 2022 stand Bielefeld in der Bundesliga auf 14. Platz, sieben Punkte vor der Abstiegszone. Doch ausgerechnet als die Hoffnung am größten war, ein zweites Mal nacheinander in der Bundesliga zu verbleiben, ging plötzlich nichts mehr.

Ernüchtert denken Arminia-Sympathisanten an das vergangene Jahr zurück

"Es gab damals nicht das eine entscheidende Negativereignis, es war vielmehr ein Mosaik aus Einzelteilen", sagt Arabi im Rückblick. Erst ging das trügerische Gefühl, dem Klassenverbleib nahe zu sein, nach hinten los, dann setzte es einige knappe Niederlagen mit Pech bei einzelnen Fifty-fifty-Entscheidungen. Und schließlich erlitten gleich drei Spieler (Fabian Klos, Cedric Brunner und Fabian Kunze) nacheinander schwere Kopfverletzungen. All das hinterließ Spuren in der Mannschaft.

Von den restlichen elf Spielen der vergangenen Bundesliga-Saison gewann Bielefeld keines mehr. Als Vorletzter ging es in die zweite Liga. Doch statt des ersehnten Neubeginns eröffnete der Klub die Saison dort dann mit vier Niederlagen und stand schnell auf dem vorletzten Platz. Die Arminia hat zwischen dem 19. Februar und dem 26. August 2022 keines der 16 Meisterschaftsspiele gewonnen und ist in diesem halben Jahr vom 14. Platz der Bundesliga auf den 17. Platz der Zweiten Liga abgestürzt. "Das war brutal", sagt Sportvorstand Arabi.

Von oben sieht man besser: Sportdirektor Samir Arabi (rechts) guckt bei einem Testspiel der Arminia gegen Mönchengladbach zu. (Foto: Team2/Imago)

Als besonders belastend empfand er die so voller Hoffnung begonnene Hinrunde in der zweiten Liga, in der aber offenbar noch nicht alle Wunden im Kader verheilt waren. Spieler wie Amos Pieper (nach Bremen), Patrick Wimmer (Wolfsburg) und Stefan Ortega (Manchester City) hatten den Klub verlassen, und einige andere wären womöglich auch gerne fortgegangen, haben aber keinen neuen Verein gefunden. Sie mussten sich erst wieder auf die Arminia einlassen. Unter dem neuen Trainer Uli Forte gelang das allerdings überhaupt nicht. Nach vier Niederlagen wurde er schon beurlaubt. Stabilisieren konnte sich die Mannschaft erst unter Fortes Nachfolger Daniel Scherning.

2022 hat sich das mulmige Arminia-Gefühl verdichtet. Seit dem bis dahin letzten Bundesliga-Abstieg 2009 hat die Arminia eine 14 Jahre währende Achterbahnfahrt durch alle drei Profiligen hingelegt. Binnen dieser Zeit beschäftigte der Klub 17 Trainer, darunter Christian Ziege, Ewald Lienen, Norbert Meier und Uwe Neuhaus. Keiner war länger im Amt als Stefan Krämer mit zwei Jahren und fünf Monaten. Forte blieb nur sieben Wochen.

Mitte August verpflichtete der Klub vom benachbarten Drittligisten VfL Osnabrück den Trainer Scherning. Der 39-Jährige war beim SC Paderborn einmal vier Jahre lang Assistent von Steffen Baumgart gewesen. Die letzten beiden Spiele 2022 wurden gewonnen, die Arminia ging mit einem guten Gefühl in die lange Winterpause. Noch ist sie Drittletzter, aber bis Platz zehn sind es nur drei Punkte.

Das Publikum hält dem Klub die Treue: 21 500 Zuschauer kommen zu den Heimspielen

Beim Blick auf die eine oder andere Statistik mag man kaum glauben, dass Bielefeld in der Tabelle so weit unten steht. Robin Hack ist mit acht Treffern der viertbeste Schütze der Liga, Masaya Okugawa mit sechs Assists der fünftbeste Vorlagengeber. Die Arminen sind die drittbesten Zweikämpfer und die fünftbesten Kilometerzähler - aber die Mentalität musste erst wieder aufgebaut werden.

Arabi wünscht sich für die Rückrunde, dass die Mannschaft früh den Klassenerhalt sichert. Zur Verstärkung hat er von den U21-Wolves aus Wolverhampton den kanadischen Flügelspieler Theo Corbeanu ausgeliehen. Außerdem ist der Klub offenbar an Osnabrücks Mittelfeldmann Sven Köhler interessiert.

Die Fans halten der Arminia trotz aller Herausforderungen die Treue. 21 500 kommen im Schnitt zu den Heimspielen. Für sie - und um ein Image loszuwerden - wünscht sich Arabi, dass Bielefeld in nicht allzu ferner Zukunft in die Bundesliga zurückkehrt. "Wir können uns dazu aber keine Mannschaft zusammenkaufen", sagt er. "Wir müssen sie kontinuierlich entwickeln." Glücklicherweise ist Geduld ein weiterer Charakterzug, den Arminias Anhang für sich kultiviert hat.

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