Man sollte meinen, Michael Mutzel habe beim Fußball schon alle Intensitäten an Emotionalität erlebt. Der Allgäuer hat bei den Traditionsklubs Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart und Karlsruher SC in der Bundesliga gespielt und war Sportdirektor beim Hamburger SV. Seit 20 Monaten ist der 45-Jährige nun aber Sportgeschäftsführer beim Drittligisten Arminia Bielefeld und stößt ausgerechnet in den Niederungen des Fußballs in ungeahnte Gefühlswelten vor. „Bielefeld ist eine extreme Fußballstadt“, sagt Mutzel. In Ostwestfalens glühendstem Fußballklub gibt es eine direkte Verbindungstür zwischen Himmel und Hölle. „Die Emotionalität in dieser Schnelligkeit und Ausgeprägtheit, im Positiven wie im Negativen, kannte ich so noch nicht – aber das macht den Verein aus“, sagt Mutzel.
Einen ultimativen Eindruck von seinem neuen Job hatte Mutzel bereits fünf Tage vor seinem Dienstantritt gewonnen. Am 2. Juni 2023 sah er abends vor dem Fernseher, wie Bielefeld in Wiesbaden Relegation spielte und kurz vor Schluss 0:4 zurücklag. Die Arminia-Fans im Gästeblock zündeten Feuerfontänen, schossen Raketen in die Luft, warfen Rauchtöpfe aufs Feld und versuchten, ein Tor zum Innenraum aufzubrechen. Der völlig verzweifelte Arminen-Kapitän Fabian Klos stand weinend vor der Tribüne und versuchte die Fans zu beruhigen. Das Spiel wurde für 20 Minuten unterbrochen. Vier Tage später verlor Bielefeld auch das Rückspiel mit 1:2 und stieg in die dritte Liga ab. Das Publikum war deprimiert, und die Verträge nahezu aller Spieler erloschen. Bielefeld hatte keine Mannschaft mehr, kein Trainerteam. Und zwei Monate später würde die neue Saison beginnen. In dieser Konstellation trat Mutzel seinen Dienst an. „Wir mussten bei null anfangen und hatten nur einen Spieler unter Vertrag“, erinnert er sich, „das waren sicher nicht die besten Voraussetzungen.“

Ein solch apokalyptisches Einstiegsszenario hatte Mutzel noch nie erlebt, nahm die Herausforderung aber an: „Ich bin sehr rational an die schwierige Aufgabe herangegangen und habe mich direkt in die Arbeit gestürzt.“ Mit dem neuen Trainer Mitch Kniat und einem unter zeitlichen und finanziellen Zwängen zusammengestellten Kader war in der Saison 2023/24 nicht viel mehr möglich als der Klassenerhalt. In der aktuellen Saison aber orientiert sich die Arminia nach oben: Platz vier in der dritten Liga mit Kontakt zu den Aufstiegsplätzen.
Überregionales Aufsehen erregt die Arminia derzeit im DFB-Pokal. An diesem Dienstag (20.45 Uhr, ZDF) empfängt sie als einzig verbliebener Drittligist im Viertelfinale den Bundesligisten Werder Bremen. Den Zweitligisten Hannover 96 (2:0) sowie die Bundesligisten Union Berlin (2:0) und SC Freiburg (3:1) hat Bielefeld bereits eliminiert. Ganz Ostwestfalen träumt vom ersten Halbfinale seit 2015, als die Arminia, auch damals Drittligist, in der Vorschlussrunde 0:4 gegen den VfL Wolfsburg verlor.
Dass man in dieser Saison im Pokal gegen höherklassige Mannschaften erfolgreicher ist als in der Liga, findet Mutzel nicht so unerklärlich: „Viele Drittligisten legen den Fokus aufs Verteidigen, die höherklassigen Teams hingegen wollen das Spiel kontrollieren, dadurch haben wir mehr Räume nach Ballgewinnen.“ Mit diesen Räumen wussten die kecken Arminen richtig viel anzufangen. Das ist gut fürs Image und die Finanzen. Die etwa drei Millionen Euro an Prämien, die sie bislang im Pokal eingesammelt haben, helfen dem Verein. Er war im Mai 2022 und im Juni 2023 zweimal nacheinander abgestiegen von der Bundesliga bis in die dritte Liga.
„Gegen Bremen brauchen wir wieder einen Tag, an dem die Dinge für uns laufen“, sagt Mutzel
An Parabelflüge rauf und runter durch die Ligen sind die Bielefelder Fans längst gewöhnt. Seit Einführung der Bundesliga 1963 hat der Klub 23 Mal die Liga gewechselt. Er hat zusammengerechnet 19 Jahre in der ersten und 31 Jahre in der zweiten Liga gespielt und spielt jetzt gerade sein zwölftes Jahr in der dritten Liga. Der nächste Aufstieg ist anvisiert.
„Ich sehe unsere Leistungen in der aktuellen Saison sehr positiv“, sagt Mutzel, „wir haben eine junge, hungrige Mannschaft, die unser Trainer Mitch Kniat mit seinem Team hervorragend weiterentwickelt.“ Diese Einschätzung teilen allerdings nicht immer alle Fans. Nach verlorenen Spielen gab es immer mal wieder „Kniat raus“-Rufe, und einmal fühlte sich der Kapitän Mael Corboz derart provoziert, dass er Fans den Vogel zeigte. Das löste tagelange Empörung aus.
Mutzel, der das Glas gern halb voll sieht, musste in Bielefeld lernen, dass viele Ostwestfalen eine gewisse Skepsis tief verinnerlicht haben. Umgekehrt können die leidenschaftlichen Fans eine Mannschaft aber genauso berauschen, etwa an Pokalabenden, wie sie sie in dieser Saison schon dreimal erlebt haben. „Gegen Bremen brauchen wir wieder einen Tag, an dem die Dinge für uns laufen“, sagt Mutzel – dann aber sehe er Chancen.

Prägender fürs Lebensgefühl indes wird in der extremen Fußballstadt das weitere Abschneiden in der Meisterschaft sein. Trotz des Abstiegs 2023 mit dem emotionalen Zusammenbruch von Fans und Verein kamen in der darauffolgenden Saison im Schnitt 18 800 Zuschauer zu den Heimspielen. In der aktuellen Saison sind es sogar mehr als 20 000. Die Menschen in Bielefeld feiern oder verteufeln ihre Arminia – aber sie können nicht von ihr lassen.
„Wir brauchen ein bisschen Geduld“, sagt Mutzel, noch fehle dem Team in der Liga die Konstanz. „Es wäre vermessen zu erwarten, die Mannschaft müsse dieses Jahr aufsteigen – aber natürlich wollen wir schnellstmöglich raus aus der dritten Liga und arbeiten hart dafür.“ Und so steigt die Bielefelder Sehnsucht mit jeder Pokalrunde auch deshalb, weil die Begegnungen mit den Bundesligisten die Arminen daran erinnern, dass sie dort droben in der höchsten Liga irgendwann wieder mitspielen wollen.

