Süddeutsche Zeitung

Aufstieg von Arminia Bielefeld:Das Ende einer düsteren Epoche

Nach elf Jahren Abstinenz freut sich Bielefeld auf das Comeback in der Bundesliga. Die Arminia ging durch die Hölle - und landet nun im Paradies.

Von Ulrich Hartmann

Nach dem Schlusspfiff erinnerte die kollektive Missachtung der Hygienevorschriften schon fast an bandenmäßige Ordnungswidrigkeiten. Aber sei's drum. In jenem Moment, in dem sich der Traditionsklub Arminia aus der Traditionsstadt Bielefeld nach elf Jahren seiner Rückkehr in die Fußballbundesliga sicher fühlte, konnte man sich nicht einfach nur an den Ellbogen anstupsen. Das wäre unmenschlich gewesen. Als der Sky-Reporter vom Oberrang herab den Trainer Uwe Neuhaus interviewte und den daneben anstoßenden Spielern zu verstehen gab, dass nun ein guter Moment für eine Bierdusche wäre, da rief der Ruhrgebietswestfale Neuhaus zum TV-Mann hinauf: "Hömma, Bürschchen, ich hol dich gleich da runter, und dann bist du hier mittendrin!"

In Westfalen, auch im östlichen Ausläufer, ist solch ein Umgangston eine Liebeserklärung, und Liebe lag wahrlich in der Luft, nachdem Bielefeld durch einen klaren 4:0-Sieg gegen Dynamo Dresden seinen Vorsprung an der Zweitligaspitze derart ausgebaut hatte, dass niemand mehr am Aufstieg zweifelte. Nach elf Jahren Bundesliga-Abstinenz, von denen drei Jahre in der dritten Liga verbracht wurden und acht in der zweiten, freut sich die Arminia auf ihre 18. Bundesliga-Saison.

(Der Hamburger SV sicherte dies am Dienstag durch einen Patzer gegen Osnabrück (1:1)

ab.) Bielefelds Freude erscheint umso größer, als die aktuelle Belegschaft mit der Bundesliga bislang ungefähr so viel zu tun hatte wie Laiendarsteller mit Hollywood: Samir Arabi war noch nie Sportdirektor in der Bundesliga, Neuhaus war noch nie Cheftrainer im Oberhaus, Stefan Ortega war noch nie Erstligatorwart, Andreas Voglsammer noch nie Stürmer und Fabian Klos noch nie Torjäger in der Bundesliga. Von den elf Spielern, die am Montagabend gegen Dresden in der Startelf standen, sind zehn noch nie auch nur ein einziges Mal in der höchsten Spielklasse aufgelaufen. Nur der Spielmacher Marcel Hartel hat acht Mal in der Bundesliga gespielt, für den 1. FC Köln. Weil die Sehnsucht bei ihm groß ist, bereitete er diesmal zeitig das 1:0 vor.

Arminia war mehrfach beinahe insolvent

Zu einem gemeinsamen Interview standen nach Abpfiff die beiden Arminia-Torjäger Klos und Voglsammer vor der Kamera, und weil im TV-Studio als Experte die Bielefelder Ikone Ansgar Brinkmann saß, fühlte sich Klos zu großer Rhetorik herausgefordert. Sein Nebenmann Voglsammer, der erstmals seit einem Fußbruch im Januar wieder in der Startelf stand und prompt das 2:0 schoss, gilt als Gesundheitsapostel und Asket, er soll bei Arminias Aufstiegssause aber, bitte schön, nicht als Spaßbremse fungieren. "Der Vogi", sagte Klos darum breit grinsend zum Kollegen, "hat seine Warnweste schon bereitgelegt. Der ist stärker am Glas, als viele denken."

Allgemeine Erwartungen nach oben zu durchbrechen, das war überhaupt eine Bielefelder Maxime für diese Saison. Die Arminen waren stärker am Ball, als viele dachten. Der Trainer Neuhaus, 60, schaffte es mit einem bisweilen lockeren Umgangston und unprätentiösen Albereien dennoch sehr gut, den Spielern taktische und technische Seriosität einzuimpfen. Nur zwei der bislang 31 Saisonspiele gingen verloren. Bielefeld war deutlich konstanter als die Ligafavoriten Hamburger SV und VfB Stuttgart. "Es war ein überragendes Jahr", sagt Neuhaus, er schwärmt von einer nahezu perfekten Stimmung in seiner Mannschaft. Da sieht man, was ein gutes Klima in einer Arbeitsgemeinschaft von Berufsfußballern bewirken kann.

Nach dem Abstieg vor elf Jahren war die Arminia am Boden zerstört gewesen - mit Betonung auf: zerstört. Mit dem fußballerischen Niedergang ging eine kapitale Verschuldung einher, die mehrfach beinahe zur Insolvenz geführt hätte, ehe ein Dutzend regionaler Unternehmen als "Bündnis Ostwestfalen" den Klub vor zwei Jahren entschuldete. Dass zeitnah auch der Fußball wieder derart gut funktioniert, dass Bielefeld nun zum achten Mal in die Bundesliga aufsteigt und damit den Aufstiegsrekord des 1. FC Nürnberg egalisiert, damit aber konnte niemand rechnen.

Erst die Hölle, dann das Paradies

Die Euphorie beendet eine düstere Klubepoche, die mit einem 13. Platz am Ende der Saison 2011/12 in der dritten Liga ihren Tiefpunkt fand - und in der Relegation 2014, die mit dem Abstieg endete, eines der dramatischsten Spiele der Klubhistorie. Als Zweitliga-Drittletzter gewann Bielefeld damals das Hinspiel beim Drittliga-Dritten Darmstadt 3:1, verlor aber das heimische Rückspiel 2:4, weil Darmstadts Elton da Costa den entscheidenden Treffer in der zweiten Minute der Nachspielzeit der Verlängerung erzielte. In der dritten Minute jener Nachspielzeit traf Bielefelds Arne Feick nur den Pfosten.

Schon damals im Bielefelder Trikot spielten mit: der Stürmer Klos und der Torwart Ortega. "Gegen Darmstadt am Donnerstag schließt sich für uns ein Kreis", sagt Ortega mit Blick auf das rasche nächste Heimspiel. Der Torwart ist mit der Arminia durch die Hölle gegangen - und kommt jetzt im Paradies Bundesliga an.

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SZ vom 17.06.2020/ska
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