Kombiniererin Nathalie ArmbrusterSchanze, Loipe, Schule

Lesezeit: 4 Min.

Premiere im Schnee: In Seefeld gewinnt Nathalie Armbruster als erste deutsche Kombiniererin ein Weltcup-Rennen. Inzwischen stehen sogar drei Siege zu Buche.
Premiere im Schnee: In Seefeld gewinnt Nathalie Armbruster als erste deutsche Kombiniererin ein Weltcup-Rennen. Inzwischen stehen sogar drei Siege zu Buche. David Geieregger/Gepa/Imago

Die Nordische Kombiniererin Nathalie Armbruster meistert eine ungewöhnliche Dreifachbelastung. Die 19-Jährige geht als Weltcup-Führende in die WM in Trondheim. „Verrückt!“, findet sie selbst.

Von Barbara Klimke

SZ bei Google bevorzugen

Die Tage sind lang, die Nächte kurz. Zu kurz manchmal. Es kommt vor, dass sie die Bücher erst um ein Uhr zuklappt und zur Seite legt. Kaum ideal, wenn der Schultag um 7.35 Uhr beginnt, das weiß sie selbst. „Der Schlaf leidet schon darunter, das muss ich zugeben“, sagt Nathalie Armbruster.

Sie lernt vor dem Training. Sie lernt nach dem Training. Sie lernt im Flugzeug, beim Warten, im Auto, im Bus. Bundestrainer Florian Aichinger, bei dem sie häufig Beifahrerin ist, erzählt, dass es keine drei Minuten dauert, bis Nathalie Armbruster nach dem Anschnallen das iPad aus der Tasche zieht, um sich Vokabeln oder Formeln zu widmen. Er habe großen Respekt vor diesem Pensum: „Keine Ahnung, wie sie das schafft.“

Fitness und Nahrungsergänzungsmittel
:„Proteinpulver können weder Wunder vollbringen noch heilen“

Braucht man bei Krafttraining Proteinshakes? Was hat es mit dem Hype um Whey-Produkte auf sich? Und kann man bedenkenlos Kreatin einnehmen? Ernährungsexpertin Anja Carlsohn erklärt Risiken beliebter Nahrungsergänzungsmittel – und den Nutzen von Früchtequark.

SZ PlusInterview von Lilli Heim

Das Erstaunliche an Nathalie Armbruster, 19 Jahre alt, aus Kniebis bei Freudenstadt im Schwarzwald, sind nicht nur ihre famosen Läufe in der Loipe und Sprünge vom Schanzentisch. Was noch mehr verblüfft, ist der Umstand, dass sie Rekorde in einer Phase ihres Lebens meistert, in der sie in der Schule maximal beansprucht wird. Die Abiturprüfungen stehen in wenigen Wochen bevor, sie steckt mitten in den Vorbereitungen für ihre schriftlichen Prüfungsfächer Mathematik, Spanisch und Sport. Und trotzdem hat sie Anfang Februar erstmals einen Weltcup-Wettbewerb in der Nordischen Kombination gewonnen – eine Premiere für eine deutsche Athletin. Einen Tag später folgte in Seefeld der zweite Sieg, in Otepää in Estland am 9. Februar der dritte. Wenn sie am Donnerstag in Trondheim in Norwegen zum Auftakt der Nordischen Weltmeisterschaften durch die Luft fliegt und im Massenstartrennen durch den Schnee spurtet, ist sie die Beste der Saison, Führende im Weltcup. Eine überraschende Entwicklung? „Ja, verrückt!“, sagt sie.

Trotzdem war es ihr gar nicht unrecht, dass der Weltcup der Nordischen Kombinierer in den beiden Wochen vor der WM eine Pause einlegte. Den meisten Athletinnen gab das Gelegenheit zum Durchatmen. Für sie hingegen, sagte Nathalie Armbruster, sei es gut gewesen, „noch einmal ein bisschen in die Schule zu gehen vor dem Abitur“. Klausuren standen ebenfalls an. Nathalie Armbruster, auch das ist bemerkenswert, besucht ein normales Gymnasium in Freudenstadt, kein Sportinternat wie andere jugendliche Spitzenathleten.

Von der Schule wird sie unterstützt, zum Beispiel wenn sie um Freistellung bittet, sagt sie, das sei nicht selbstverständlich. Ansonsten gälten die üblichen Regeln. Wenn sie am Tag einer Klassenarbeit auf Wettkampfreise ist, habe sie diese „in Präsenz in der Schule in irgendeinem kleinen Kämmerchen“ vor- oder nachzuschreiben: „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Online-Klausur geschrieben.“ Ihre schulischen Leitungen sind, auch wenn sie es nicht gern erwähnt, gut. Das eine, so vermutet sie, bedingt womöglich das andere: „Würde es in der Schule nicht funktionieren, dann könnte ich ja auch nicht so viel fehlen.“

Die deutschen Kombiniererinnen profitieren auch davon, dass in ihrer Sportart die Männer mit den Frauen trainieren

Doch es bleibt eine Dreifachbelastung aus Loipe, Schanze, Schule, besonders an den Tagen, an denen der Unterricht erst am Spätnachmittag endet. Der Deutsche Skiverband (DSV) versucht deshalb, ihr so weit wie möglich entgegenzukommen. Es ist eine fortschrittliche Gruppe, die in der Sparte Nordische Kombination zusammenfindet, die Männer und Frauen des Verbands trainieren seit anderthalb Jahren regelmäßig zusammen. „Am Anfang war es Zufall“, erzählt Frauen-Bundestrainer Aichinger, „dann haben wir gesehen, dass es gut funktioniert, und seitdem wird es immer mehr.“ Allerdings setze dieser einheitliche Ansatz eine sorgfältige Planung über das gesamte Jahr voraus. Zum einen, weil man „die Männer nicht unterfordern und die Frauen nicht überfordern darf“. Zum anderen, weil auf Schülerinnen wie Nathalie Armbruster Rücksicht genommen wird und Lehrgänge deshalb nicht mehr wie früher bei den männlichen Profis von Montag bis Freitag angesetzt werden, sondern am Wochenende stattfinden, von Donnerstagabend bis Sonntag. „Jeder muss etwas geben, damit er etwas nehmen kann“, sagt der Trainer.

Die Frauen, denen überhaupt erst vor vier Jahren, in der Saison 2020/21, der Zugang zu Weltcup-Wettbewerben gestattet wurde, profitieren von der Erfahrung der Männer, denen das Springen von Schanzen in der Sportgeschichte nie verwehrt war. Was das konkret bedeutet, erklärt Aichinger so:  Wenn Johannes Rydzek, 33, Doppelolympiasieger und sechsmaliger Weltmeister, den jungen Athletinnen erklärt, dass er schon dreimal vor einem bestimmten Problem gestanden hat, wenn er ihnen Ratschläge gibt und sagt: ‚Bleibt cool!‘, dann sei der Lerneffekt enorm. Im Umkehrschluss färbe auf die Männer der „jugendliche Spirit“ des Frauenteams ab, das Lachen, die Lockerheit: „Bei einem gemeinsamen Training herrscht einfach eine andere Stimmung.“ Ganz abgesehen davon, dass sich sogenannte Synergien ergäben, wie der Leitende Trainer Eric Frenzel betont, etwa beim Service- und Technikteam. Und, ebenfalls vorteilhaft: „Es gibt gemeinsam Medaillen zu gewinnen, da freut man sich zusammen.“ Der Mixed-Teamwettbewerb der WM in Trondheim steht am Freitag auf dem Programm.

Vor zwei Jahren bei der WM in Planica, als die Mixed-Kombination erstmals im Programm war, spielte Nathalie Armbruster, damals 17 Jahre alt, schon eine Hauptrolle: Mit Vinzenz Geiger, Jenny Novak und Julian Schmid gewann sie die Silbermedaille hinter Norwegens Team. Und sogar noch eine zweite im damals einzigen Frauen-Solo-Wettbewerb. Jetzt in Trondheim gestattet der Weltverband Fis den Kombiniererinnen immerhin drei Wettbewerbe. Umso größer ist der Ärger über das Internationale Olympische Komitee, das die Kombiniererinnen 2026 von den Winterspielen in Cortina weiter aussperrt, was im krassen Widerspruch zum Gleichstellungsideal steht, das das IOC seit Jahren in die Welt posaunt.

Auch Nathalie Armbruster kritisiert das IOC

Nathalie Armbruster hat wiederholt erklärt, weshalb diese Verweigerungshaltung des IOC die Sorge über die Zukunft der Nordischen Kombination verstärkt. Denn sie sieht nicht nur ihre Ziele, sondern auch das Gemeinwohl der Sportlerinnen gefährdet: Vom Olympiastatus einer Sportart, gibt sie zu bedenken, hängt im deutschen Fördersystem die Höhe der öffentlichen Zuwendungen ab, ebenso die Zahl der Förderstellen etwa bei der Bundeswehr. „Und ich möchte diesen Sport schon noch eine Weile weitermachen.“

Zunächst aber konzentriert sie sich auf die nahen Ziele: erst die WM. Dann der Weltcup-Abschluss in Oslo mit dem für die Frauen noch seltenen Springen von der Großschanze. „Und dann ist drei Wochen intensives Abi-Lernen angesagt.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Franziska Preuß bei der Biathlon-WM
:Ihre Zeit ist da

Als Magdalena Neuner 2012 zurücktrat, hatten die Trainer schon ihren Namen im Kopf – doch Franziska Preuß musste lange darauf vertrauen, dass sie ihr Potenzial noch entfalten wird. Mit 30 ist sie die weltbeste Biathletin, die nichts mehr dem Zufall überlässt.

Von Saskia Aleythe

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: