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Argentinien:"Wir sind keine Versuchskaninchen"

Boca Juniors v Gimnasia y Esgrima La Plata - Superliga 2019/20

Donnernder Appell: Diego Maradona, 59, der körperlich geschwächte Cheftrainer von Gimnasia y Esgrima La Plata, mahnt zur Vernunft.

(Foto: Marcos Brindicci/Getty Images)

In Argentinien zwingen die Profis die Regierung zur Absage des Fußballs. Die Mannschaft von River Plate führt den Protest an, mit Zustimmung von Diego Maradona.

Von Javier Cáceres

Montagabend saß der frühere Nürnberger Abwehrspieler Javier Pinola, 37, daheim in Buenos Aires - und fühlte sich auf bittere Weise bestätigt. "Die Zeit hat uns recht gegeben", sprach der Kapitän von Argentiniens Spitzenklub CA River Plate ins Telefon.

Am Samstag hatte seine Mannschaft mit einer beispiellosen Aktion für ein Erdbeben gesorgt. River hatte gemeutert und war am ersten Spieltag der Copa de la Superliga, des argentinischen Ligapokals, gegen Atlético Tucumán nicht angetreten. Der Grund: Thomás Gutiérrez, 19 Jahre alt und Abwehrspieler wie Pinola, habe Symptome aufgewiesen, die "kompatibel mit dem Coronavirus" seien; ein Fußballspiel stelle unter diesen Voraussetzungen ein erhebliches Gesundheitsrisiko "für das Profiteam und alle Beteiligten" dar, teilte der Klub mit. Zuvor hatte die Ansage gelautet, dass die Partie ohne Publikum stattfinden sollte, in Anbetracht der überschaubaren Gefahr rückte vor der Begegnung auch nur eine Hundertschaft der Polizei an. Die Beamten kamen nicht allein: Der Verband schickte einen Gerichtsschreiber vorbei. Er beglaubigte, dass Atlético Tucumán und die Schiedsrichter angetreten waren, aber nicht ins Stadion Monumental vorgelassen wurden, und bereitete damit den Boden für mögliche Sanktionen gegen River.

Doch wer weiß, ob diese eingeleitet werden. Am Montag nämlich kam es zur Wende: Argentiniens Regierung stoppte den Fußballbetrieb wegen der Corona-Krise - als letztes Land Südamerikas, nachdem wenige Stunden vorher auch Bolivien und Chile ihre Meisterschaften ausgesetzt hatten. Eine Entscheidung, die letztlich das Team von River Plate adelte - eine Mannschaft, die durch viele Titel in den letzten Jahre genug Macht errungen hat, um sich mit Ansinnen durchzusetzen, die sie für unabdingbar hält.

"Es war eine Entscheidung, die im Einklang mit dem steht, was uns (als Mannschaft) charakterisiert", sagte Pinola. "Es war eine Entscheidung, die in jedem Land der Welt normal wäre, weil hier die Gesundheit auf dem Spiel steht. Wir wollten unseren Beitrag dazu leisten, dass hier das Gleiche wie in Europa passiert. Wir haben das in dem Wissen getan, dass uns Repressalien drohten. Aber wir waren davon überzeugt, dass das, was wir taten, auch das Richtige war." Auch wenn im Land des zweimaligen Fußballweltmeisters hinter vorgehaltener Hand geraunt wurde, die Mannschaft von River habe gut reden.

Maradona ist Fan des Erzrivalen Boca, doch diesmal hat River seinen "Rückhalt bis in den Tod"

Denn: Der relativ junge und schon wieder in Abwicklung befindliche Ligapokal interessiert River Plate tatsächlich nur am Rande. Die reguläre Saison ist vorbei, Meister wurde Boca Juniors - vor dem Erzrivalen River Plate. Akut ist der Ligapokal vor allem bei den Entscheidungen zum Beispiel über Abstiege aus der ersten Liga wichtig. Denn: Die Ligapokalergebnisse fließen zusammen mit den Resultaten der herkömmlichen Liga in einen über Jahre hinweg erstellten Punktekoeffizienten ein. Wobei gerade keiner so genau weiß, wie viele Mannschaften ab- oder aufsteigen: Argentiniens Fußball hat sich im mathematischen Chaos verzettelt. Aber River Plate erhielt auch viel Zustimmung - von keinem so einflussreich und donnernd vorgetragen wie vom Säulenheiligen des argentinischen Fußballs schlechthin, von Diego Armando Maradona.

Mit River habe er, ein glühender Fan von Boca Juniors, wirklich nichts am Hut, "aber für diese Entscheidung haben sie meinen Rückhalt bis in den Tod", erklärte Maradona beim Sender ESPN. "Man muss die Gesundheit der Mitglieder, der Angestellten, der Stadionbesucher wahren." Das schließt ihn selbst mit ein. Denn unterzöge man den 59-Jährigen, derzeit Trainer beim Abstiegskandidaten Gimnasia y Esgrima La Plata, einer Anamnese, so würde er aufgrund von Lebenswandel und Vorerkrankungen wohl als Teil einer Risikogruppe eingestuft werden. Zu dieser zählt auch Julio Falcioni, 63, Trainer des Erstligisten Banfield, er fand beklemmende Worte: "Ich habe eine Lungenentzündung und Krebs hinter mir, war in Chemotherapie. Ich bin ein Hochrisikopatient, und am Freitag sollte ich trotzdem arbeiten. Welche Notwendigkeit bestand denn, Spieler und Alte wie mich so einem Risiko auszusetzen?", fragte der frühere Profi. Und auch Pinola hielt das am Montag aufgehobene Festhalten am Dogma "The Show must go on" für fahrlässig: "Das ergab keinen Sinn", sagt er. "Die Verantwortlichen haben nicht an unsere Gesundheit gedacht, sondern daran, dass das Spektakel weitergeht. Jämmerlich."

Mit dieser Einschätzung stand Pinola nicht allein da, im Gegenteil. Die Absage des Fußballs wurde erzwungen vom starken Arm - oder besser: von den starken Füßen - der Profigewerkschaft Agremiados Argentinos. Die Fußballer waren aufgebracht - nicht nur, weil der linke Staatspräsident Alberto Ángel Fernández vergangene Woche in einer Pressekonferenz für eine Fortführung des Fußballs hinter verschlossenen Türen geworben hatte. Sondern vor allem, weil er dabei gesagt hatte, dass der Fußball nun noch wichtiger sei als sonst, da alle zu Hause bleiben müssen: "Der Fußball ist ein Divertimento."

Ein Spieler von San Martín, Gonzalo Prósperi, veröffentlichte umgehend einen offenen Brief, in dem er wetterte, dass der Fußball "nicht ein römischer Zirkus zum Jux einiger weniger" sein dürfe. Auch Pinola war über Argentiniens Präsidenten erzürnt. Dessen Worte hätten ihn geschmerzt, sagte er der SZ: "Als Präsident der Republik hätte er eine andere Botschaft senden müssen. Wir sind keine Versuchskaninchen oder Marionetten. Wir sind Menschen. Wie jeder andere auch."

Jetzt gehe es nur noch darum, Lösungen zu finden und der eigenen Gesundheit wegen vorsichtig zu sein. Und darum, die Ungewissheit zu besiegen, die regiert auch in Argentinien. "Mal sehen, wie das alles weitergeht", sagt Pinola.

© SZ vom 22.03.2020

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