Argentinien Reise in den Abgrund

0:3 gegen Kroatien - und Lionel Messi hat eine Halbzeit lang nur 20 Ballkontakte: Argentinien scheitert konsequent daran, ein System zu schaffen, in dem der Weltklassespieler seine Kunst entfalten kann.

Von Javier Caceres, Sotschi

Natürlich greift auch unter Latinos die Weisheit, dass für den Spott nicht zu sorgen braucht, wer den Schaden hat. Und so müssen die Argentinier nun ertragen, dass die brasilianischen Fans das alte italienische Partisanen-Kampflied "Bella Ciao" verfremdet haben: "O Di María, o Mascherano, o Messi chau, Messi chau, Messi chau, chau, chau ...", heißt es da, und: "der Argentinier/der muss grad' weinen/bei der WM ist er schon raus".

Ganz so weit ist es nicht; die Möglichkeit einer Qualifikation für das Achtelfinale besteht noch. Aber wer will daran glauben? Nach einer Vorstellung, die den schlimmsten Auftritten Argentiniens der WM-Geschichte den Rang abläuft?

Mit 0:3 unterlagen die Argentinier am Donnerstag in Nischni Nowgorod gegen Kroatien, der Abgrund, der sich nun auftut, ist nur vergleichbar mit dem Scheitern in der Vorrunde 2002 unter Marcelo Bielsa oder der 0:4-Blamage unter Diego Maradona gegen Deutschland in Südafrika 2010. Am Dienstag muss Argentinien in Sankt Petersburg gegen Nigeria gewinnen - und darauf bauen, dass Kroatien und Island mitspielen. Doch die Nigerianer haben dem Weltmeister von 1978 und 1986 schon zweimal Traumata zugefügt: Bei der WM 1994 siegte Argentinien zwar 2:1. Aber Diego Maradona fiel beim Dopingtest durch. Bei Olympia 1996 verlor Argentiniens Auswahl gegen die "Super Eagles" das Finale. Und das letzte Freundschaftsspiel ging im November mit 2:4 verloren. Nach einer 2:1-Führung.

Schon jetzt ist abzusehen, dass bei den Argentiniern kein Stein auf dem anderen bleiben wird. Unmittelbar nach der Niederlage tauchten Gerüchte auf, Trainer Jorge Sampaoli stehe vor der sofortigen Ablösung. Als Nachfolgekandidat könne Jorge Burruchaga einspringen, Weltmeister von 1986 und in Russland Delegationsmitglied. Einem Radiosender wurde eine Audionachricht zugespielt, in der Diego Simeone, der argentinische Trainer von Atlético Madrid, die Elf seines Heimatlandes als Gefangene der "Anarchie" beschreibt: "Diese Mannschaft ist verloren." Dass Simeones Suada in den Medien landete, dürfte kein Zufall sein, sondern ist eher als gezielt lancierte Bewerbung zu werten.

Dass es zwischen Team und Coach Sampaoli nicht stimmt, wurde vermutet. Nun herrscht Gewissheit. "Der soll sagen, was er will", ätzte Stürmer Sergio Agüero, als ihm ein Reporter ein - falsches - Zitat Sampaolis aus der Pressekonferenz überbrachte. Agüero war schon vorher in Rage: Er war ausgewechselt worden, nach der Partie blieb er lange auf der Ersatzbank sitzen, bis ihn ein Teammitglied in die Kanine holte. Es war das perfekte Bild der Fassungslosigkeit, die bei den Beobachtern schon vor Spielbeginn geherrscht hatte.

"Getreu seinen Prinzipien, die er permanent ändert", wie die Sportzeitung Olé schrieb, stellte Sampaoli auf ein System um, das er nie hatte einstudieren lassen. Er beließ Sturmhoffnung Cristian Pavón zunächst auf der Bank, weil er ihn nicht mit Verantwortung überfrachten wollte - um ihm dann, als alles verloren war, die Vaterlandsrettung zu überantworten.

Wobei: Ganz so schlimm begann Argentinien gar nicht. Das Desaster vollzog sich, als Torwart Willy Caballero, der bei Manchester City von Pep Guardiola aussortiert worden war, weil er nicht mit dem Fuß spielen kann, der Schnapsidee erlag, im Strafraum den Ball über Eintracht Frankfurts Ante Rebic zu lupfen. Rebic wurde des Balls habhaft und traf zum 1:0. Danach verkleidete sich Luka Modric als Lionel Messi - und erzielte einen Traumtreffer (80.). In der Nachspielzeit schlug noch Ivan Rakitic zu. "Nach dem ersten Tor brach die Mannschaft emotional zusammen. Wir hatten dann keine Argumente mehr, um die Geschichte zu ändern", sagte Sampaoli. Er nahm alle Verantwortung auf sich ("Mein Projekt ist nicht aufgegangen") - und Caballero in Schutz: "Es wäre inhuman, alles auf ihn abzuwälzen."

Das kann man wohl sagen, die Reise in den Abgrund begann vor langer Zeit. In der WM-Qualifikation wurden drei Trainer verschlissen, Argentinien schaffte es erst in letzter Sekunde nach Russland; dank Messi. "Argentinien frisst schon seit langem Scheiße", schrieb Olé in der gleichen distinguierten Sprache, mit der Trainer Sampaolis Matchplan gewürdigt wurde: "Er hat's verkackt." Was sich unter anderem darin zeigte, dass "Argentinien spielte, als würde Messi nicht existieren", so entsetzte sich Jorge Valdano, der argentinische Weltmeister von 1986, im spanischen TV - zur Halbzeit der Partie gegen Kroatien. In Zahlen: Messi kam in den ersten 45 Minuten auf 20 Ballkontakte, zwei weniger als Willy Caballero im Tor. Und in der zweiten Halbzeit kamen unwesentlich mehr Kontakte hinzu.

Bizarr ist gar kein Ausdruck dafür. Wer Messi je hat spielen sehen, weiß, dass er im permanentem Kontakt mit dem Ball sein muss. Mittlerweile hat es schon vier Weltmeisterschaften gegeben, an denen es kein Coach schaffte, eine Struktur zu schaffen, in der der Nationalelf-Messi an den Messi vom FC Barcelona erinnert. Zuletzt hatte Argentinien mit Messi drei Finals verloren; 2014 bei der WM in Brasilien gegen Deutschland, 2015 und 2016 gegen Chile bei der Copa América. Diesmal war Argentinien mit Messi, wie man neudeutsch sagen würde, messy. "Heute glaube ich nicht mehr an Wunder. Nicht mal, wenn wir Kerzen anzünden, werden wir uns für die nächste Runde qualifizieren, wenn wir mit der gleichen Elf spielen", sagte Mario Kempes, Weltmeister von 1978.

Was Messi denkt? Gute Frage. Er ging wortlos, in sich gekehrt, deprimiert. Apropos Messi: Das Hotel, in dem die Argentinier leben, hat für Sonntag eine 3,5-Kilo-Torte in Form des WM-Pokals vorbereitet, Messi wird 31. Man kann darauf wetten, dass er die Torte, wenn sie ihm wirklich überreicht wird, dem Nächstbesten ins Gesicht klatscht. Wie bei Laurel und Hardy. Denn verlieren kann er nicht.