Sieg im Elfmeterschießen:Martinez pariert Argentinien ins Halbfinale

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Sieg im Elfmeterschießen: Freude bei den Argentiniern, Trauer bei Oranje: Die Szene nach dem entscheidenden Elfmeter.

Freude bei den Argentiniern, Trauer bei Oranje: Die Szene nach dem entscheidenden Elfmeter.

(Foto: PAUL CHILDS/REUTERS)

Am Ende eines dramatischen Spiels ist der Torwart der Argentinier der Held des Abends. Die Niederlande und Louis van Gaal verabschieden sich trotz eines beeindruckenden Comebacks von der WM.

Von Javier Cáceres, Lusail

An einem Abend, der lange Zeit von den Genialitäten des Lionel Messi lebte, wurde ein Torwart namens Damián "Dibu" Martínez zum neuen Helden Argentiniens. Im Elfmeterschießen eines dramatischen Viertelfinalspiels hielt er die Elfmeter von Virgil van Dijk und Steven Berghuis - und brachte die Argentinier ins Halbfinale gegen Kroatien (Dienstag). Zuvor hatten die Niederländer eine 2:0-Führung der Argentinier in der 11. Minute der Nachspielzeit durch den zweiten Treffer des spät eingewechselten Wout Weghorst ausgeglichen. Bei den Argentiniern flossen Tränen der Erleichterung, bei den Niederländern Tränen der Wut.

"Es ist unglaublich. Wir haben am Ende sehr gelitten. Am Anfang lief es noch gut. Aber wir haben es doch geschafft. Wir sind eine Mannschaft, die weiß, was sie tut. Wir haben Lust zu gewinnen", sagte Messi und war nach dem Elfmeterschießen erleichtert: "Wir dachten nicht, dass es so weit kommen würde. Das war schon schwierig für uns. Wir wussten, wenn es zum Elfmeterschießen kommt, müssen wir vereint sein."

Das Lusail-Stadion, wo Argentinien zum Auftakt die blamable 1:2-Niederlage gegen Saudi-Arabien hinnehmen musste, war von Menschen in weiß-blauen Hemden bevölkert, den Farben Argentiniens. Dazwischen ein paar orangefarbene Farbkleckse. Als die Hymnen gesungen wurden, konnte man fast die Meinung gewinnen, die von argentinischen Medien lancierte Zahl von 50 000 eigens angereisten Landsleuten in Lusail könnte doch stimmen.

Messi war sofort präsent. Noch ehe die Argentinier zur 10. Minute ihre Hommage an die ewige Nummer "10", Maradona, anstimmen konnten ("oé, oeoeoee, Diegooo, Diegooo"), hatte Messi mit zwei, drei Soloaktionen die Aufmerksamkeit von drei, vier, fünf Niederländern auf sich gezogen. Sie bedrängten ihn, sobald er den Ball an seinen linken Fuß nähte - ein Zeichen dafür, dass er mit seinen 35 Jahren noch immer imstande ist, Panik auszulösen.

Sieg im Elfmeterschießen: Martinez pariert den ersten Elfmeter von Virgil van Dijk.

Martinez pariert den ersten Elfmeter von Virgil van Dijk.

(Foto: Peter Byrne/dpa)

Es war, als wäre er die Panzerung, unter der eine im Grunde limitierte argentinische Mannschaft positiver, optimistischer, mutiger als der Gegner auftrat. Die Niederlande hingegen? Geizten so sehr mit Fußball, dass man nicht wusste, ob die Ansprache in der Oranje-Kabine von Louis van Gaal gehalten worden war - oder von einem der Austeritäts-Fetischisten, die in den letzten Jahren das Finanzministerium der Niederlande bekleidet haben.

Sieg im Elfmeterschießen: Lionel Messi verwandelte seinen Elfmeter sicher.

Lionel Messi verwandelte seinen Elfmeter sicher.

(Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

Die Führung der Argentinier, die vollauf verdient war, entsprang in der 35. Minute einer kleinen Genialität. Messi erhielt im Halbfeld den Ball von Rechtsverteidiger Nahuel Molina. Messi beschleunigte, zog wieder Niederländer auf sich - und fand eine Passlinie, die in seiner Vorstellungskraft existierte, nicht aber vor den Augen der 90 000 Zuschauer. Der Ball landete im Strafraum, wo Molina wieder auftauchte. Und er spitzelte im Stile eines Futsal-Spielers am niederländischen Torwart vorbei zum 1:0 ins Tor. Das Lusail-Stadion durchlebte eine Transformation. Denn auf den Rängen wurde Messi gehuldigt wie einst im Camp Nou zu Barcelona, der alten Heimat des heutigen Paris-Profis. "Meeessi, Meeessi", riefen die Zuschauer, und verbeugten sich mit ausgestreckten Armen.

Zur Halbzeit stellte sich bereits die Frage, ob der immer schon wichtigtuerische Schiedsrichter Mateu Lahoz aus Spanien seiner altbekannten Neigung nachgeben würde, die Objektive der Kameras auf sich zu ziehen. Am Freitag schaffte er es vor der Halbzeit unter anderem durch Karten an Argentiniens Assistenztrainer Walter Samuel und den früheren Wolfsburger Wout Weghorst, als der noch als Ersatzspieler auf der Bank saß. Und noch keiner TV im Stadion ahnte, dass von Weghorst noch die Rede sein würde.

Anfangs war die zweite Halbzeit von argentinischer Zurückhaltung geprägt. Sie ließen Ordnung und Kontrolle walten und überließen den Niederländern weitgehend den Ball. Kaum zu glauben, aber wahr: Ein Team, das in den traditionsreichen Oranje-Trikots steckte, war nicht in der Lage, auch nur eine valide Idee zu entwickeln.

Im Gegensatz zu Messi, der jedes Mal orgiastische Schreie im Stadion hervorrief, wenn er sich durch die niederländischen Reihen hindurchtrippelte, seine Szenen hatte. Oder: Als er bei einem Freistoß aus 18 Metern von halblinks auf den rechten oberen Winkel zielte. Was eigentlich eine sagenhaft absurde Idee war, weil die Aussichten auf einen Treffer kleiner nicht sein konnten. Aber es war halt Messi. Und so landete der Ball um ein Haar bloß auf dem Netz, und nicht darin. Kurz danach fiel dann aber doch das 2:0 - auf eine andere, nicht minder absurde Weise.

Sieg im Elfmeterschießen: Nach einer ungewöhnlichen Freistoß-Variante trifft Wout Weghorst zum späten 2:2.

Nach einer ungewöhnlichen Freistoß-Variante trifft Wout Weghorst zum späten 2:2.

(Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

Ausgerechnet Linksverteidiger Acuña, der nicht umsonst "el Toro" genannt wird, der "Stier", hatte seinen Gegenspieler Denzel Dumfries mit einem Haken im Strafraum ausgehebelt, der fast schon an Cruyff 1974 erinnerte. Dumfries zog den Fuß über den Boden, Acuña fiel, Lahoz pfiff - und deutete auf den Strafstoßpunkt. Messi verwandelte zum 2:0 (73.). Er breitete die Arme zu einem Kreuz aus und verschwand unter einer Traube Kameraden, die sich aus nachvollziehbaren Gründen im Halbfinale wähnten. Doch das Spiel war nicht vorbei.

Van Gaal hatte für die letzte Viertelstunde unter anderen Weghorst und Luuk de Jong eingewechselt - zwei Stürmer, die ideal sind, wenn man nur noch das älteste Mittel der Welt auspacken will: die sogenannte Brechstange. Und sie zeigte Wirkung. Weghorst traf in der 83. Minute per Kopf zum 1:2. Kurz danach jagte Berghuis den Ball ans Außennetz.

Kurz vor Ende drohte das Spiel zu entgleiten, auch wegen der katastrophalen Leistung von Schiedsrichter Lahoz: Einem rüden Foul an Nathan Aké ließ Argentiniens Leandro Paredes einen Schuss auf die niederländische Bank folgen - und löste damit einen Tumult aus: Die Niederländer stürmten von der Bank aufs Feld, sannen auf eine Rauferei, die Argentinier hielten dagegen. Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, setzte die dramatische Nachspielzeit ein: zehn Minuten wurden angezeigt. Es folgte eine Dauerbelagerung des argentinischen Sechzehners, mit Innenverteidiger van Dijk als Aushilfsmittelstürmer.

Eine fein herausgespielter Standard in der elften Minute der Nachspielzeit sorgte für den Ausgleich - und die Verlängerung, vor der es ebenfalls Schubsereien gab. Der Rest war Nervensache. Die größten Chance hatte Lautaro Martínez (115.), sein Schuss aus sieben Metern wurde geblockt; ein Fernschuss von Enzo Fernández flog abgefälscht aufs Netz, in der 119. versuchte es nochmals Martínez aus 15 Metern, in der 120. traf Fernández aus 20 Metern den Pfosten. Doch es kam zum Elfmeterschießen - mit dem besseren Ende für den zweimaligen Weltmeister Argentinien.

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