Argentinien Im Messi-Land steht der Fußball still

In Argentinien streiken über 200 Mannschaften wegen ausstehender Löhne - auch Staatschef Macri kann die Krise nicht lösen, die er mit verursacht hat.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Vor einigen Tagen hat der argentinische Fußballprofi Santiago Bianchi, 33, seine Karriere beendet. Dreiunddreißig ist kein schlechtes Alter, um aufzuhören. Bianchi aber hätte gerne noch weitergemacht, er begründete seinen Rückzug nicht mit zwickenden Muskeln oder knackenden Knochen. Sondern mit der Angst, in die Armut abzurutschen. "Ich muss meine Familien ernähren", sagte er.

In seinen besten Zeiten stürmte Bianchi für die argentinischen Erstligisten Vélez Sársfield und Quilmes. Zuletzt war er in der dritten Liga bei Comunicaciones gelandet. Sein Grundgehalt betrug dort rund 700 Euro. Darauf wartet er aber seit Monaten. So oder so ähnlich geht es Tausenden Fußballern der vier höchsten argentinischen Ligen. Man hört jetzt von Abwehrspielern, die nebenbei auf dem Bau arbeiten, von Flügelspielern, die Pizza austragen, von Mittelfeldstrategen, die selbstgemachte Sandwiches in der Nachbarschaft verkaufen, von Torjägern, die sich in einer Bäckerei über Wasser halten. Bis endlich das Geld vom Fußballklub kommt. Einige warten schon fast ein halbes Jahr lang.

Zeit für Nebenjobs haben die argentinischen Profis genug. Über 200 Mannschaften streiken derzeit wegen ausstehender Löhne. Laut der Spielervereinigung FAA sind die Vereine insgesamt 500 Millionen Pesos (gut 30 Millionen Euro) an Gehältern säumig. Die Klubs wiederum verweisen auf ihre Schulden, die sich aufgrund ausbleibender Fernsehgelder angehäuft hätten. Deshalb steht im Land von Messi und Maradona jetzt der Fußball still.

Und das ist nur ein Teil des Debakels. Derzeit gibt es auch keinen Verbandspräsidenten, keinen gültigen TV-Vertrag und vor allem keine schlüssige Idee, wie all diese Probleme gelöst werden könnten.

Der Ball ruht im Land von Messi und Maradona. Es geht ums liebe Geld.

(Foto: Juan Mabromata/AFP)

Argentinien, das ist auch das Land von Mauricio Macri, dem Sportfunktionär, der es zum Staatschef brachte. Von 1995 bis 2007 war er Präsident von Boca Juniors, dem beliebtesten Klub weit und breit. Es ist eine groteske Pointe, dass der argentinische Fußball ausgerechnet unter seiner Regierung im Chaos versinkt.

Laut Plan hätte die Rückrunde der Primera Division bereits am zweiten Februarwochenende beginnen sollen. Schon vor dem aktuellen Spielerstreik wurde der erste Spieltag mehrfach verschoben, weil die Vereine, der nationale Fußballverband AFA sowie die Regierung Macri um die TV-Rechte stritten. Jeder gegen jeden. Unter Macris Vorgängerin Cristina Kirchner hatte der argentinische Staat die Fernsehvermarktung übernommen und in einem ebenso populären wie populistischen Programm namens Fútbol para todos (Fußball für alle) die kostenlose Ausstrahlung der Spiele garantiert. Der liberal-konservative Macri kündigte diesen Vertrag vorzeitig auf, das war auch im Sinne der größeren Klubs, die sich von einer Re-Privatisierung der Übertragungsrechte höhere Gewinne versprachen. Wegen der strukturellen Desorganisation und der chronischen Korruption in der AFA kam bislang aber kein neuer Vertrag zustande.

Der argentinische Verband wird seit Monaten von einem kommissarisch eingesetzten "Normalisierungs-Komitee" der Fifa regiert. Normalisiert hat sich aber wenig. Im Gegenteil. Der Weltverband in Zürich drohte Argentinien vergangene Woche sogar mit einer internationalen Sperre. Zwei Wochen vor den wegweisesenden Qualifikationsspielen der Nationalelf gegen Chile und Bolivien hat die Sportzeitung Olé deshalb eine ganze Seite freigeräumt, um sich mit der nächsten potenziellen Eskalationsstufe der Krise zu befassen: einer WM in Russland ohne Messi. Vordergründig geht es in diesem Fall um die Eignungsprüfung der Kandidaten für die Wahl zum AFA-Vorstand, die am 29. März stattfinden soll. Nach Ansicht der Fifa verstoßen die frisch abgesegneten Durchführungsbestimmungen gegen die berühmten Zürcher Ethik-Richtlinien. Der Vorgang ist auch deshalb bizarr, weil ja die Fifa selbst in Buenos Aires die Normalisierungsbemühungen beaufsichtigt. Tatsächlich dreht sich alles um zwei Machtfragen: Wer hat künftig bei der AFA das Sagen? Und wie viel Einfluss sichert sich dabei der erstaunlich orientierungslose Fifa-Boss Gianni Infantino?

Wenn die Leute murren, weil im ganzen Land nicht gekickt wird, dann fällt das natürlich auch auf ihn zurück: Argentiniens Staatschef Mauricio Macri.

(Foto: Juan Mabromata/AFP)

Seit 2014 Julio Grondona starb, der 35 Jahre lang AFA-Präsident war und nebenbei einer der führenden Architekten des korrupten Weltfußballsystem, seither herrscht in der Zweigstelle am Rio de la Plata ein Machtvakuum. Schlimmer als unter Grondona kann es eigentlich nicht werden, meinten viele Beobachter. Sie sehen sich nun getäuscht. Der Verbandsfürst Don Julio garantierte immerhin einen funktionierenden Spielbetrieb, mit welchen Mitteln auch immer.

Staatchef Macri versucht alles, um den Ball wieder in Bewegung zu bringen. Wenn die Leute murren, weil im ganzen Land nicht gekickt wird, dann fällt das natürlich auch auf ihn zurück. Aus seinem Präsidentenpalast, der Casa Rosada, kam die Anordnung: Am Wochenende wird in der ersten Liga gespielt, egal zu welchem Preis. Und zur Not mit Jugendspielern. Am Donnerstag überwies die Regierung der AFA rund 24 Millionen Euro als Kompensation für den aufgelösten Fernsehvertrag. Das war der Spielervereinigung aber nicht genug. Erstligafußball werde es erst dann wieder geben, wenn alle Löhne bezahlt seien, teilte ihr Generalsekretär mit.

Ungeachtet dessen, versuchte der Chef der Normalisierung-Komitees den Eindruck zu erwecken, der Streit sei behoben. Der Spieltag wurde am Freitagabend unter dem Vorwand abgesagt, es sei "logistisch unmöglich" auf die Schnelle eine ausreichende Zahl an Jugendspielern an die angesetzten Erstligaspielorte zu bringen.

Die ersten Rückrundenspiele sind jetzt fürs kommende Wochenende angesetzt.