Argentinien bei der WM:Mysterium Messi

World Cup - Group D - Argentina vs Croatia

Eine ganze Nation fragt sich: Was ist los mit dem bislang enttäuschenden Lionel Messi?

(Foto: Lucy Nicholson/Reuters)
  • Lionel Messi, der Kapitän der Albiceleste, ist und bleibt auch vor dem drohenden Aus seiner Mannschaft undechiffrierbar.
  • Niemand weiß, was ihn erreicht, berührt, betrübt - oder ob ihm alles egal ist, selbst Verschwörungstheorien.
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Von Javier Cáceres, Sotschi

Wer weiß schon, wie es sich anfühlt, jeden Morgen die kalte Mündung einer Pistole an der Schläfe zu spüren. Wer weiß schon, wie es ist, Lionel Messi zu sein, Argentiniens Nummer 10?

Er war über Jahre hinweg der beste Fußballer der Welt. Beim FC Barcelona, seinem Klub. Nie mit der Nationalmannschaft seines Landes, wo sie alle vier Jahre, vor jeder WM, ihre Handfeuerwaffen aus dem Schrank holen, sie nach allen Regeln der Kunst säubern und laden. "Mach' mal", raunen sie ihm zu: "Hol' diesen Pokal, verdammt noch mal, 45 Millionen Argentinier warten darauf." Sie warten seit 1986. Seit Diego Maradona in Mexiko den Pokal in die Höhe stemmen konnte, nachdem er unterwegs sogar Revanche an den Engländern genommen hatte für den Falklandkrieg von 1982 und mit der Hand Gottes sowie einem gebenedeiten linken Fuß Weltpolitik betrieben hatte. Ganz so viel wird an diesem Dienstag nicht von Messi verlangt, es ist kein Krieg erinnerlich zwischen Nigeria und Argentinien. Aber Nigeria in Sankt Petersburg im Alleingang zu besiegen - das wird schon von ihm erwartet. Nur so wird sein Land im Achtelfinale der WM landen können. Und die Gefahr gebannt sein, dass jemand auf die Idee kommt, die Waffe zu entladen.

Die Metapher von der Waffe und der Schläfe stammt von Jorge Sampaoli, dem Trainer der Argentinier. Es gab so einige, die sich über die Martialität des Bildes echauffierten, als es vor ein paar Monaten bekannt wurde. Mittlerweile sind die Argentinier in der Mehrzahl, die sie für die letzte nachvollziehbare Äußerung Sampaolis halten. "Es ist ein Irrsinn, dass er sein Talent nicht genießen kann", hatte Sampaoli in seiner Biografie geschrieben: "Sie setzen ihm einen Revolver namens Weltpokal an den Kopf, und wenn er ihn nicht holt, geht der Schuss los und killt ihn."

Wer weiß, was Messi darüber denkt? Wobei die Frage ist, ob man mit einer Knarre am Kopf überhaupt denken kann. Oder will. Oder sollte. Wer weiß, ob Messi verfolgt, was um ihn herum geschrieben, geredet und fantasiert wird? Man weiß ja nicht einmal, ob er die Lage als besser empfindet als nach dem Desaster vom Donnerstag, als Argentinien 0:3 gegen Kroatien verlor und alles in Trümmern zu liegen schien. Dann ging am Freitag ja doch wieder die Sonne auf: Nigeria besiegte die Isländer und verwandelte die ungezählten Chroniken über den (angekündigten) Tod der Argentinier in Hymnen auf die Hoffnung.

Messi soll Aufstellungen diktiert und die Taktik entschieden haben

Die Chancen auf ein Weiterkommen liegen jetzt doch wieder bei 59,3 Prozent, behauptet die spanische Zeitung El País auf Grundlage eines Statistikmodells, das die Resultate aus 32 000 Spielen, zugelassene und erschaffene Torchancen, den Marktwert der Spieler und das Niveau ihrer Klubs verwurstet. Doch es ist ein Mysterium, ob Messi etwas mit diesen fast 60 Prozent anzufangen weiß.

Beziehungsweise: Messi selbst ist ein Mysterium. Undechiffrierbar. Immer gewesen. Für nahezu alle Mitspieler, Trainer, Außenstehende, Fans, Funktionäre. Wie geht es Messi, lautet die Frage, die Argentiniens Presse elektrisiert, und auf die sie keine Antwort findet. Niemand weiß, was ihn in den letzten Wochen erreicht, berührt, betrübt, amüsiert hat. Oder ob ihm alles egal ist. Aber man weiß, dass dieses "alles" eine ganze Menge ist für jemanden, der mit einer Pistole an der Schläfe zur WM reiste.

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