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Anti-Doping:Kein Meilenstein

Das IOC rühmt sich dafür, im Anti-Doping-Kampf die Unabhängigkeit der Wada zu stärken. Doch der Eindruck täuscht: Es stärkt nur seinen Einfluss auf die Agentur.

Von Johannes Aumüller, Lausanne/Frankfurt

Als die Herren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ihren Gipfel über die Zukunft des globalen Anti-Doping-Kampfes beendeten und ihr Präsident Thomas Bach mal wieder von einem "Meilenstein" sprach, waren Ärger, Enttäuschung und Irritationen vielerorts groß. Besonders deutlich formulierten das die Verantwortlichen der deutschen Anti-Doping-Agentur (Nada): Eine notwendige Reform der internationalen Anti-Doping-Arbeit sei ausgeblieben; es gebe "erhebliche Zweifel" an der Nachhaltigkeit des Konzepts. Reaktionen auf die aktuellen Geschehnisse, sprich Russlands Staatsdopingsystem, seien nicht zu erkennen, und überhaupt handele es sich im Wesentlichen um die Wiederholung einer Agenda aus dem Jahr 2014.

Mehrere Stunden hatten am Samstagmittag hohe IOC-Vertreter zusammengesessen. Sie mussten auf das ungewöhnliche Verhalten der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) bezüglich des russischen Staatsdopings in den vergangenen Monaten reagieren. Jahrelang hatte die vom organisierten Sport strukturell durchdrungene und in der Regel eher harmlose Organisation mit Sitz in Montreal Hinweise ignoriert. Aber unter dem wachsenden öffentlichen Druck und im Wissen ums eigene Versagen in den Vorjahren wurde sie plötzlich aktiv, inklusive der Bildung einer unabhängigen Kommission und der Empfehlung eines kollektiven Russlands-Ausschlusses von den Sommerspielen in Rio. Das war so gar nicht nach dem Geschmack der einflussreichen russischen Sportpolitiker und des Russland-nahen IOC-Präsidenten Bach. Ein heftiger Streit entzündete sich, also brauchte es mal wieder einen Gipfel - und nach dessen Ende schien die Lage schon wieder entspannter zu sein.

Ein dreiseitiges Papier stand am Ende der Zusammenkunft. IOC-Chef Bach erhofft sich einen "unabhängigeren und harmonischeren Anti-Doping-Kampf". Der Wada-Präsident Craig Reedie wiederum, seines Zeichens ein alter Fahrensmann der olympischen Familie und seit vielen Jahren im IOC, gibt sich zufrieden. Die Details der Reform soll die Wada beim nächsten Treff ihrer Exekutive im November klären.

Ist künftig also alles gut im globalen Anti-Doping-Kampf? Das vorgelegte Papier ist ein typischer sportpolitischer Zug. Bemerkenswert ist zunächst, was nicht drin steht - nämlich die von der Nada angesprochenen aktuellen Geschehnisse in Russland. Manches Niedergeschriebene ist sinnvoll, manches klingt sinnvoll, kaschiert aber nur die wahren Umstände.

Mehr Geld gibt es nur, wenn die Wada macht, was dem IOC gefällt

Da wäre als dringlichster Punkt die Frage nach der verstärkten Unabhängigkeit, von der Bach spricht. Es soll künftig ein neues Kontrollmanagement unter dem Dach der Wada geben. Nicht mehr die Sportverbände sollen Herren übers Testverfahren sein, sondern die Wada, sportarten- und länderübergreifend. Und für etwaige Sanktionen soll danach der Internationale Sportgerichtshof (Cas) zuständig sein. Das ist zwar eine Reform, aber mit mehr Unabhängigkeit hat das nichts zu tun. Die gäbe es nur, wenn das IOC sich an die grundlegenden Strukturen machen würde - und das möchte es nicht. An der Spitze der Wada wird in den nächsten Jahren weiter das IOC-Mitglied Reedie stehen und in der Exekutive die Hälfte der zwölf Mitglieder dem organisierten Sport entstammen. Und beim Cas verfügen IOC und Sportverbände ohnehin über eine strukturelle Mehrheit. Die zeigt sich sowohl bei der generellen Auswahl der Richter für die geschlossene Liste wie auch bei der Bestimmung des Schiedsrichter-Obmannes im konkreten Verfahren. Es wäre mal interessant zu wissen, wie gemäß der IOC-Ansicht Wada und Cas aufgestellt sein müssten, um als abhängig zu gelten.

Nahezu höhnisch liest sich auch der Passus über Doping-Kronzeugen. Das IOC regt tatsächlich an, die Wada solle diese ermutigen und schützen. Dabei ist es doch das IOC, das seit Jahren ein Verhalten an den Tag legt, das etwaige Kronzeugen vom Auspacken eher abhält denn dazu ermuntert. Zuletzt war das besonders krass, als das IOC in Rio beschloss, die russische Leichtathletin Julija Stepanowa trotz ihrer Verdienste um die Aufdeckung des russischen Staatsdopingsystem nicht starten zu lassen - weil sie nicht die ethischen Standards erfülle.

Nicht einmal mehr Geld ist der Wada sicher, obwohl das notwendig wäre. Derzeit zahlen IOC und Regierungen jeweils zirka 15 Millionen Dollar. Bei Gelingen der Reform sei eine Erhöhung denkbar, so das IOC. Anders gesagt: Mehr Geld gibt es für die Wada nur, wenn sie alles so macht, wie es dem IOC gefällt. Besser lässt sich die Frage nach der Unabhängigkeit der obersten Institution im Anti-Doping-Kampf nicht beantworten.

© SZ vom 10.10.2016
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