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Anti-Doping-Kampf:Geheimpläne für Capitol Hill

Die USA wollen Doping weltweit strafrechtlich verfolgen. Dokumente belegen, wie viel Geld die Wada aufbringt, um gegen den Plan zu lobbyieren.

Es sind raue Zeiten im olympischen Sport - Russlands Staatsdoping und die Folgen diktieren gerade wieder die Agenda. Am 9. Dezember will der Vorstand der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) Sanktionen beschließen. Aber viel steht dabei nicht zu erwarten. Die Richtung hat bereits das Internationale Olympische Komitee vorgegeben und mithin die Macht in der Sportwelt. Am Dienstag befand das IOC, die Affäre sei von behördlichen Stellen initiiert worden, vorbei an Russlands Olympia-Funktionären. Die übliche Legende: Sport und Sportler wussten nichts, gedopt haben nur wenige, und fast alle wurden missbraucht. Schuld tragen irgendwelche Staatsdiener - aber die kann eine Sportorganisation ja nicht bestrafen.

Moskaus Sportler werden also auch bei den Spielen 2020 in Tokio starten, aber halt wieder unter einem Etikett wie: "Athleten aus Russland". Sperren, ohne zu sperren - Problembewältigung à la IOC.

Aber jetzt ist das autonome Sportidyll massiv bedroht, es steht eine Zerreißprobe an. Und die Wada, an die eigentlich besondere Anforderungen in Sachen Integrität zu stellen sind, spielt darin eine fragwürdige Rolle. Nach SZ-Informationen lobbyiert sie ganz diskret und aufwendig gegen ein neues Dekret für eine globale Dopingverfolgung, das gerade in Washington vorbereitet wird. Die staatlichen Ermittlungserfolge um den Fußball-Weltverband Fifa einerseits und die Farce um die Aufklärung der russischen Dopingaffäre durch die Sportgremien andererseits haben US-Politiker darin bestärkt, dass Doping mit staatlicher Schärfe verfolgt werden müsse.

Aber: Das brächte die sogenannte Selbstaufklärung des Sports ins Wanken. Den schützenden Kokon der Autonomie, in dem sich das Ringe-Business über die Jahrzehnte komfortabel eingerichtet hat.

Es tobt der Kampf ums große Ganze

Während in Moskau kaum getrübte Vorfreude auf die Tokio-Spiele 2020 herrscht, tobt auf dem Capitol Hill der Kampf ums große Ganze. Den US-Kongress hat der Gesetzentwurf bereits passiert. Er zielt nicht auf Athleten, er zielt auf die Netzwerke dahinter. Also dorthin, wo kein Sport, wohl aber die staatliche Strafverfolgung reicht.

Schon der Name erklärt, was Washington antreibt: Der Rodchenkov Act (Rodtschenkow-Gesetz) ist nach dem im US-Zeugenschutzprogramm versteckten Whistleblower Grigori Rodtschenkow benannt. Der frühere Chef des Moskauer Anti-Doping-Zentrums brachte 2015 den Russland-Skandal ins Rollen; sein Leben ist seither in Gefahr. Das ist nur eine düstere Realität hinter der Glamourkulisse des Sports.

Der Rodchenkov-Act geht an die Wurzel der Betrugsproblematik. Doping ist ja keine Sportler-Krankheit, die man mit Tests und Aufenthaltsmeldungen heilen kann - in der Regel stecken kriminelle Netzwerke dahinter, die enorme Wirtschaftsschäden bewirken. Deshalb zielt das Gesetz auf internationale Großevents, an denen amerikanische Athleten, Firmen oder Gelder beteiligt sind. Der Entwurf sieht Bußen von bis zu einer Million Dollar und Freiheitsstrafen von bis zu 10 Jahren für alle vor, die an einem Dopingsystem beteiligt sind. Also auch für Hintermänner von Chile bis Kasachstan - angelehnt an das amerikanische Anti-Mafia-Gesetz Rico, dank dem US-Fahnder seit Langem international gegen Delikte und Drahtzieher vorgehen.

Die Sportler sollen dabei vor allem als Whistleblower und Kronzeugen auftreten. Das schafft natürlich Alarmstufe Rot für alle anderen Betrugsbeteiligten: für Dealer und Trainer, Ärzte und Funktionäre, für all die Hinterleute also, ohne die ein effektiver Leistungsbetrug kaum machbar ist. Es ist dennoch bemerkenswert, wie heftig sich die Funktionäre dagegen sträuben: Aus Sorge, dass Fahnder, etwa des FBI, im Dopingkontext erstmals auch Strippenziehern der Branche auf die Pelle rücken würden? Oder weil global vernetzte Ermittlungen mit Blick auf transnationale Finanzströme viel umfassendere Erkenntnisse zur Geschäftswelt hinter der Glitzerkulisse zutage fördern könnten? Immerhin laufen seit Jahren Ermittlungen zu den mutmaßlich korrupten Olympia-Vergaben an Sotschi 2014, Rio 2016 - und Tokio 2020.

Will die Wada ein Gesetz verhindern, das die Doping-Bekämpfung stärken soll?

Die Wada erklärt auf Anfrage, sie habe "keine Lobbyarbeit gegen das Gesetz betrieben". Ansonsten wiegelt sie ab: Ihr gehe es nur um Details. Aber um welche? Da bleibt sie nebulös. "Wir haben Fragen und Bedenken in Bezug auf den extraterritorialen Aspekt des Gesetzes, von dem wir glauben, dass es unbeabsichtigte negative Folgen für die Anti-Doping-Arbeit weltweit und speziell in den USA haben könnte." Daher arbeite man mit den US-Gesetzgebern "zusammen, um Aufklärung zu suchen und Änderungen vorzuschlagen, die die unbeabsichtigten Folgen vermeiden helfen".

Das steht in dem Protokoll, das die SZ einsehen konnte

Das klingt äußerst kooperativ. Aber ist es so? Die Aktenlage und Aussagen amerikanischer Gesetzesbetreiber stellen den Sachverhalt anders dar. Demnach lässt die Wada Politiker in Washington durch professionelle Lobbyisten bearbeiten - und mit hohem Finanzaufwand. "Mindestens 250 000 Dollar" werden laut einem internen Protokoll, das die SZ einsah, für geplante Aktivitäten zum Rodchenkov Act im Etat 2020 bereitgestellt - das ist ein Zehntel des Betrags, den die USA als größter Beitragszahler der Wada jährlich überweist. Das Budget wurde am 7. November vom Wada-Stiftungsrat einhellig abgesegnet, teilt die Agentur mit.

Keineswegs einhellig geht es dagegen hinter den Kulissen zu: Dort wird offenbar erbittert gerungen, es soll nur niemand mitkriegen. Auf Anfrage bestätigt die Wada, dass sie die Firma Mondello Group beauftragt habe. In dem Kontext fällt auf, dass auch das IOC nach längerer Zeit einen Interessensvertreter in Washington angeheuert hat - die Firma des früheren Anführers der Demokraten im Senat, Tom Daschle. Wofür braucht der Sport plötzlich Lobbyisten auf Capitol Hill? Kann man fachliche Bedenken nicht selbst erklären - etwa mit Hilfe des natürlichen Verbündeten, der angesehenen US-Anti-Doping-Agentur Usada?

Sitzungsprotokolle der Wada vermerken beispielsweise unter dem Punkt USA Rodchenkov Act, dass der Wada-Generaldirektor Olivier Niggli "zum aktuellen Stand der Wada-Lobbyarbeit in Bezug auf diesen Gesetzesentwurf" berichten werde. Auf eine Nachfrage in der Sitzung, ob man die Kosten für die Arbeit "in Bezug auf dieses Gesetz abschätzen" könne, erklärte Niggli laut Gesprächsprotokoll, dass man "mindestens 250 000 (Dollar; d. Red.) budgetiert" habe, um "die Bemühungen in den USA im nächsten Jahr fortzusetzen".

Auf SZ-Anfrage bestreitet die Wada indes energisch, dass der ganze Betrag für Lobbyarbeit vorgesehen sei. "Er bezieht sich auf die budgetierten Ausgaben für 2020 und entspricht nicht unbedingt den wahren Ausgaben. Zudem bezieht sich dieser Prognosebetrag auf alle Regierungsaktivitäten in den USA, nicht nur auf das Rodchenkov-Gesetz." Es werde sogar "ein großer Teil dieses Budgets" für andere Themen bereitgestellt, etwa im US-Hochschulsport und mit den Profiverbänden.

Auch hier zeichnen interne Papiere ein anderes Bild. An einer Stelle, zur "Unterstützung der Regierungsbeziehungen", wird sogar ein Betrag von 400 000 Dollar aufgeführt. Dazu lautet die Erklärung, im Jahr 2020 würden "externe Beratungsressourcen benötigt", wobei der "größte Teil des Betrags mit der Arbeit verbunden sein wird, die in den USA in Zusammenhang mit dem Gesetzentwurf und der Arbeit mit den Gesetzgebern" zu leisten seien.

Das heimliche Treiben bringt Dopingbekämpfer wie Travis Tygart auf die Palme. "Wir wissen", sagt der Chef der Usada der SZ, "dass die Wada ihre kostbaren, begrenzten Mittel ausgibt, um sich gegen ein Gesetz zu wenden, das mit dem Wada-Kodex in Einklang ist. Das ist schockierend." Die Hoffnung ruhe nun auf Witold Banka, der polnische Politiker löst Anfang 2020 den Wada-Boss Craig Reedie, 78, ab - ein altgedientes IOC-Mitglied. "Wir hoffen, dass der neue Wada-Präsident dem IOC nicht so sehr verpflichtet ist und das Gesetz unterstützt", erklärt Tygart. Er beklagt auch, Wada-Mitarbeiter hätten auf Washingtoner Gesetzgeber einzuwirken versucht. "Es ist enttäuschend, aber auch bezeichnend, dass sie sich nicht die Mühe machten, uns oder die Vertreter der US-Regierung in der Wada darüber zu informieren."

Auch hier weicht die offizielle Wada-Darstellung erheblich ab. Befragt, ob sie den Austausch mit ihren natürlichen Verbündeten gesucht habe, der Usada und Kendel Ehrlich, der Vizechefin im Büro für nationale Drogenbekämpfung (ONDCP) im Weißen Haus, teilt die Agentur mit: Für die Gesetzgebung sei ja nicht die Usada zuständig - im übrigen kooperiere man in Washington tatsächlich mit den "natürlichen Verbündeten", mit Vertretern des ONDCP. Dessen Emissär im Stiftungsrat der Wada sei sogar "umfassend über Position und Aktivitäten in Bezug auf das Gesetz informiert" worden; zudem hätten sich Wada-Offizielle auch "mit ONDCP-Vertretern getroffen".

Doch auch hier gibt es Gegenrede. Die ONDCP-Chefin selbst äußert starke Vorbehalte gegen die Wada-Aktivitäten. So habe die Usada nur "durch ihren Anwalt erfahren, dass Lobbyisten für die Wada mehrere Kongressbüros kontaktiert hatten", teilt Kendel Ehrlich der SZ mit. Und kritisiert: "Die USA zahlen der Wada das meiste Geld für ihre Tätigkeit" - aber das sei doch nicht "für Lobbyarbeit gegen unsere Gesetzgebung" gedacht. Ein kooperatives Vorgehen auf Capitol Hill, wie es die Wada suggeriert, bestätigt Ehrlich nicht. Stattdessen rügt die US-Drogenexpertin offen das Strukturproblem der bisherigen Dopingbekämpfung: "Der Wada-Vorstand besteht hauptsächlich aus IOC-Mitgliedern. Athleten oder die USA als größter Beitragszahler sind nicht vertreten. Das macht jeden Anspruch der Wada auf Unabhängigkeit suspekt und schafft ein Klima des Misstrauens." Die Welt, sagt Ehrlich, werde nun "sehr genau auf das Ergebnis" der Wada-Sanktionen gegen Russland schauen.

So wie die US-Gesetzgeber. Die stachelt der Widerstand des Sports nur an. Senatoren und Abgeordnete hatten Wada-Chef Reedie schon am 14. Mai daran erinnert, dass sie ihr Gesetz gern bei der Wada-Vorstandssitzung anderntags vorgestellt hätten. "Wir wiederholen unser Angebot," schrieben die Politiker listig. Da ahnten sie schon, dass der Sport viel lieber in Hinterzimmern verhandelt.