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Anti-Doping:"Ich vermute, da kommt viel aus dem medizinischen Stab"

Gab es konkrete Beispiele, wo Sie jemanden im Blick hatten als Kronzeugen?

Da gab es diverse Ansätze. Ich habe mich einmal am Stuttgarter Hauptbahnhof konspirativ mit einem Sportler getroffen, aber das war nicht konkret genug. Und dann einmal mit jemandem in einer Anwaltskanzlei. Aber da kam es dann nicht zu einer Aussage, weil wir die Zusagen nicht geben konnten, die sich der Sportler erhoffte. Er wollte eine Art Kronzeugen-Bonus, aber wir konnten das nicht leisten, und die Wada (Welt-Anti-Doping-Agentur, d. Red.) wollte vor eigenen Maßnahmen erst die Aussage haben. Aber nach einer Aussage kann es ja einige Zeit dauern, bis wir operative Maßnahmen durchgeführt haben. Dann kann es sein, dass die Sperre schon abgelaufen ist.

Bislang sind sie demnach auf die Fahndungserfolge der Anti-Doping-Behörden angewiesen, die sich fast im Promillebereich bewegen. Und im Umkehrschluss: auf die Dummheit der Sportler.

Wir hatten mal den Fall eines Spielers aus einer Bundesliga, der uns nur per Zufall ins Netz gegangen ist. Der hat im Internet gezielt nach etwas gesucht, das in seinem Sport nicht nachweisbar ist, weil dort nur Urinproben genommen werden. Er wollte Wachstumshormone bestellen, weil er wusste, dass diese nur im Blut nachweisbar sind. Das Mittel, das er letztlich bestellte, war dann aber doch im Urin erkennbar. Er hatte eine Fälschung erhalten, die Packung sah so ähnlich aus wie jene des Mittels, das er eigentlich bestellen wollte. Er wollte sich damit rausreden, dass er das Mittel bestellt habe, weil seine Freundin schwanger werden wollte. Das konnte widerlegt werden. Die Fälschung hätte er übrigens selbst entdecken können, wenn er einen Schwangerschaftstest gemacht hätte.

War das Ihr kuriosester Fall?

Ja. Und auch der Beleg dafür, warum es diese vermeintliche Schnittstelle zwischen Profisport und Untergrundlaboren, die oft kolportiert wird, so gut wie gar nicht gibt. Spitzensportler, solange sie sich nicht so anstellen wie in dem Fall, bestellen nicht in diesen Laboren. Ich vermute, da kommt viel aus dem medizinischen Stab. Viele Präparate können Ärzte auch legal beziehen, und die wissen ganz genau, was man wo wie lange nachweisen kann.

Sie haben erwähnt, dass Sie auf Anzeigen der Nada angewiesen sind. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Gut, da hat sich was entwickelt. Durch das Anti-Doping-Gesetz ist ein besserer Informationsaustausch möglich.

2016 gab es nach einem positiven Test bei einem Fußballer jedoch auch den Fall, dass Spieler, Verein und Verband schon Bescheid wussten, als die Strafermittler zur Durchsuchung anrückten.

Deswegen versuchen wir, das mit der Nada so zu regeln, dass der Sportler und der Verband erst informiert werden, wenn wir unsere Maßnahmen getroffen haben. Die Nada hat relativ kurze Fristen, innerhalb derer sie informieren muss. Andererseits brauchen wir Vorlauf für unsere Maßnahmen. Wir fordern die Nada daher auf, nicht an den Sportler heranzutreten, bis wir uns entsprechend vorbereitet haben.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit den Verbänden und dem organisierten Sport?

Quasi nicht existent. Es gab Fälle, wo wir Informationen von Verbänden gebraucht hätten, aber nicht bekamen. Oder es gab vor Großveranstaltungen in Bayern Treffen, um sich mal zu informieren, aber der betreffende Verband hat gemauert. Eine Kooperation mit der Staatsanwaltschaft ist einfach nicht gewünscht. Die wollen unter sich bleiben und es unter sich regeln.

Das klingt, als würde der Widerstand, den der Sport damals gegen die Einführung eines Anti-Doping-Gesetzes leistete, weiterhin bestehen und sich jetzt nur in anderer Form dokumentieren.

Die Haltung der Verbände hat sich nicht geändert, diese Furcht vor Einmischung. Es ist ja immer dasselbe Argument: dass man eine Doppelbestrafung im Strafrecht einerseits und im Sportrecht andererseits verhindern möchte. Man verkennt total, dass man im Strafverfahren viel effektiver Beweismittel heranschaffen kann.

Die dann auch durch die Nada und für das sportgerichtliche Verfahren verwendet werden könnten?

Ja. Zudem gilt im Strafverfahren die Unschuldsvermutung, während im Sportgerichtsverfahren der Sportler seine Unschuld beweisen muss. Es wird oft behauptet, man würde im Strafverfahren eine Vorverurteilung schaffen, die dann auch fürs Sportverfahren gilt und umgekehrt. Aber das stimmt nicht. Es sind zwei voneinander unabhängige Rechtsbereiche mit unterschiedlichen Sanktionen.

Gibt es nach drei Jahren Anti-Doping-Gesetz, abgesehen von der Kronzeugenregelung, noch etwas, das Sie sich wünschen?

Ich wünsche mir tatsächlich mehr Kontakt zu den Sportlern selbst. Dass zum Beispiel mal jemand vorbeikommt und sieht, dass wir hier keine gnadenlosen Strafverfolger sind, die sofort draufhauen, wenn sich ein Hinweis ergibt. Sondern dass wir versuchen würden, eine Lösung zu finden, die auch dem Informanten entgegenkommt. Da ist, wie gesagt, auch jetzt schon einiges möglich. Es wäre jedenfalls schön, wenn da ein Dialog stattfinden würde und Sportler sehen, dass sie mit ihren Informationen bei der Staatsanwaltschaft an der richtigen Adresse sind. Dann können sie immer noch entscheiden, ob sie mit uns kooperieren oder nicht. Leider sind wir weiterhin eher außen vor. Es wäre schade, wenn der erste Kontakt immer erst bei einer Hausdurchsuchung erfolgt.

© SZ vom 28.12.2018/schm
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