Anschlag auf den BVB-Bus Panik, Tränen, Trainerwechsel

  • Der Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB wirkt bis heute nach - an diesem Donnerstag beginnt der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter.
  • Einige der Fußballer sprachen nach dem Attentat über Panik, Tränen, Todesängste und Schlaflosigkeit, Matthias Ginter später sogar über Gedanken ans Aufhören.
  • Einen unerwarteten Effekt hatte der Anschlag auf das Verhältnis zwischen Vorstand und Trainer.
Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Wenn die Fußballer von Borussia Dortmund verlieren, werden unterschiedliche Gründe herangezogen: schlechte Technik, schlechte Taktik, schlechter Trainer. Niemand spricht über die Diagnose F43.1 - das ist unter Medizinern der internationale Code für eine posttraumatische Belastungsstörung. Weil sonst niemand darüber redete, übernahm das kürzlich bei der Mitgliederversammlung der Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Er hatte zuvor wie so viele Beobachter darüber gerätselt, warum die Dortmunder Mannschaft nach einem sehr guten Saisonauftakt plötzlich den Faden verlor und den ersten sieben Ligaspielen ohne Niederlage acht Spiele folgen ließ, von denen sie kein einziges mehr gewann. Sie rutschte in der Tabelle vom ersten auf den achten Platz ab. Der Bruch erfolgte Ende September, ein knappes halbes Jahr nach dem Sprengstoff-Anschlag auf den Mannschaftsbus am 11. April. "Ich habe mit Psychologen gesprochen", sagte Watzke, "das Risiko sechs, sieben Monate nach einem solchen Attentat ist extrem hoch - wir sollten das nicht unterschätzen."

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Die Spieler schrien den Busfahrer an weiterzufahren. Sie wussten ja nicht, was noch kommt

Am 11. April 2017 gegen 19.10 Uhr waren die Fußballer des BVB vor ihrem Tageshotel im Dortmunder Süden in den Bus gestiegen, um ins Stadion für ihr Champions-League-Spiel gegen AS Monaco zu fahren. Der Bus rollte gerade über den Parkplatz des Hotels, als drei Bomben explodierten, durch deren Druck die Scheiben des Busses zerbarsten. Fingerlange Metallbolzen aus den Bomben flogen den Dortmunder Spielern um die Ohren. Sie warfen sich auf den Boden und schrien ihren Busfahrer an weiterzufahren. Sie wussten nicht, ob noch mehr Bomben explodieren oder ob gar jemand den Bus entern würde, um Schlimmeres anzurichten. Der Abwehrspieler Marc Bartra trug als einziger eine ernste Verletzung davon, einen Bruch im Unterarm, in den sich zudem Glassplitter bohrten. Fast sechs Wochen lang konnte er nicht Fußball spielen. Die Verletzungen der anderen Spieler waren nicht sichtbar.

Die Partie gegen Monaco wurde um einen Tag verschoben. Dortmund verlor und schied nach dem verlorenen Rückspiel eine Woche später aus der Champions League aus. Weitere sportliche Folgeschäden waren erst mal nicht zu beobachten. In der Bundesliga gewann Dortmund nach dem Anschlag vier Mal, spielte zwei Mal unentschieden, holte sogar den DFB-Pokal.

Einige der Fußballer sprachen nach dem Attentat über Panik, Tränen, Todesängste und Schlaflosigkeit, Matthias Ginter später sogar über Gedanken ans Aufhören. Zur Heilung diente ihnen neben Gesprächen mit Psychologen eine unverhoffte Art der Konfrontationstherapie, denn auch bei den nächsten Spielen mussten sie jedes Mal wieder in ihren Bus steigen, mit dem sie immer zusammen ins Stadion fahren. Anfangs war ihnen im Bus unwohl, später normalisierten sich ihr Gefühle wieder.

Einen unerwarteten Effekt hatte der Anschlag auf das Verhältnis zwischen Vorstand und Trainer. Man zerstritt sich in der Frage, ob das Spiel gegen Monaco bereits am nächsten Tag hätte nachgeholt werden dürfen. Dass Thomas Tuchel öffentlich beklagte, er sei dazu nicht einmal befragt worden, fanden Geschäftsführer Watzke und Sportdirektor Michael Zorc illoyal. Man vertrug sich nicht mehr und trennte sich nach der Saison.

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