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Anschlag auf BVB-Bus:Die Spieler wurden einfach vergessen

Sie waren schockiert, sie weinten, sie haderten - und mussten trotzdem spielen. Was der Fußball mit der Mannschaft von Borussia Dortmund anstellte, ist beschämend.

Der Mittwochabend in Dortmund hinterlässt nachhaltig den Eindruck, dass hier eine Fußballmannschaft dazu benutzt wurde, die Freiheit zu verteidigen. Zwei Dutzend junge Männer sollten mit ihrem Auftreten den Terroristen, Gewalttätern und Bombenlegern zeigen, dass ihr Tun umsonst ist. Denn die können bomben so viel sie wollen, es geht trotzdem weiter. "Mir ging es darum zu zeigen, uns nicht unseren Terminplan diktieren zu lassen und uns nicht unsere freiheitliche Lebensweise nehmen zu lassen", sagte Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund vor dem Spiel gegen den AS Monaco.

Dieser Trotz hat was Heroisches. Er hat auch was Beruhigendes, denn es ist schön zu sehen, dass sich die Welt trotz allem Bösen weiterdreht und man Mittwochabends Champions League gucken kann. Die internationalen Beobachter schwärmten von einem berauschenden Fußballfest und den Verbrüderungsszenen zwischen französischen und deutschen Fans. Den gesellschaftlichen Anspruch hat die Partie also erfüllt.

Doch werden Bombenleger und Mörder tatsächlich künftig von ihren Plänen ablassen, weil sie nun wissen, dass die Europäische Fußball-Union Uefa ihren Terminkalender so oder so nicht ändert? Das schwingt ja immer mit in den Trotz-Parolen. Ihr könnt aufhören, weil wir uns nicht von euren Bomben einschüchtern lassen. Am nächsten Tag gehen trotzdem wieder 65 000 Menschen unter Hochsicherheitsbedingungen in ein Stadion. Und junge Männer spielen Fußball, auch wenn sie nicht einmal 24 Stunden vorher einen Mordanschlag überlebten.

Was der Fußball mit der Mannschaft von Borussia Dortmund anstellte, war eine Sauerei

Nach den Einlassungen von Trainer Thomas Tuchel und einigen Spielern stellte sich nun aber heraus, dass sie überhaupt kein Interesse hatten, die Helden zu spielen. Im Gegenteil. Was der Fußball mit der Mannschaft von Borussia Dortmund anstellte, war schlichtweg eine Sauerei. Nachdem sich die Spieler nach der Pause tatsächlich aufgemacht hatten, ein tolles Fußballspiel abzuliefern und die 2:3-Niederlage sehr unverdient war, brach es nach dem Schlusspfiff aus vielen heraus.

Einige weinten, andere berichteten von furchterregenden Erlebnissen im Bus während des Anschlags. Der auf dem Platz eisenharte Verteidiger Sokratis sagte: "Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen mit Familien und Kindern. Wir sind froh, dass wir noch leben. Es gab in meinem Kopf keinen Raum für dieses Spiel." Kollege Nuri Sahin berichtete von den Gesichtern seiner Mitspieler, die er im Leben nicht vergessen werde und fuhr fort. "Irgendein Zeichen setzen mit Fußball - das ist sehr weit entfernt von meinem Verständnis."

Als sei der Fußballkalender heilig

Die Spieler wussten, die Attentäter wollten wenigstens einige von ihnen umbringen. Daran lassen die professionell gebauten Bomben kaum Zweifel. Der Skandal an dieser Geschichte bleibt, dass die Uefa offenbar zusammen mit den Führenden der Klubs schon gut eine Stunde nach dem Anschlag entschied, das Spiel müsse am kommenden Tag ausgetragen werden. Es ist klar, dass es der Uefa auch um finanzielle Interessen ging, eine Verlegung hätte eventuell Ärger mit Sponsoren und Fernsehanstalten nach sich gezogen.

Reinhard Rauball, Präsident des BVB und der Deutschen Fußball-Liga, gab nur 90 Minuten nach den Explosionen im Fernsehen die Losung vor: Die Spieler seien Profis und könnten das wegstecken, sie würden am nächsten Tag natürlich ihre Leistung abrufen. Es kam einem Akt der Entmenschlichung gleich. Als würde man von irgendjemandem verlangen, nur einen Tag nach einem Mordanschlag wieder an der Arbeitsstelle zu erscheinen und "seine Leistung abzurufen". Noch dazu vor einem Millionenpublikum.

Man kann Rauball zugute halten, dass er in diesem Moment die Dimension des Anschlags nicht erkannt hatte. Tags darauf klang er schon sehr viel defensiver. Doch alle Funktionäre blieben bei der Ansicht, dass der Nachholtermin am Mittwoch alternativlos gewesen sei. Als sei der Fußballkalender heilig und man könnte heutzutage kein Spiel mehr verschieben. Klar, das hätte ein kleines Durcheinander gegeben. Aber mit ein bisschen Fantasie hätte man den Dortmundern zumindest bis Samstag Zeit geben können, sich vom vermutlich schlimmsten Erlebnis ihres Lebens zu erholen.

Nach einem solchen Attentat ist immer abzuwägen, ob man den gesellschaftlichen Auftrag erfüllt und das allseits so geliebte Zeichen setzt. Oder ob den Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung getragen wird. Folgt man den Aussagen der Dortmunder Trainer und Spieler, sind sie allerdings gar nicht gefragt worden, welche Bedürfnisse sie haben. Man ging offenbar davon aus, dass sie gar keine haben.

© SZ.de/ska
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