bedeckt München 17°

Anschlag auf BVB-Bus:Der BVB geht den schweren Weg

Nuri Sahin, Sokratis, Lukasz Piszczek, Matthias Ginter und Julian Weigl - sie alle mussten tief schlucken, als das Spiel gegen Monaco vorbei war.

(Foto: AP)

Wie werden Beine leicht, wenn der Kopf schwer ist? Borussia Dortmund hat diesen psychologischen Spagat versucht - und erlebt, dass Beharrlichkeit die Menschen zusammenbringt.

Zum Schwierigsten zählt wie immer in solchen Situationen die Wahl der richtigen Worte. Wie vermittelt man einer Fußballmannschaft, dass sie sich angemessen pietätvoll zu verhalten habe, dass sie aber spätestens in dem Augenblick, in dem der Schiedsrichter anpfeift, doch bitte alles tun möge, was ihrem eigentlichen Auftrag entspricht, um das erhoffte Resultat herzustellen? Dass sie quasi wie auf Knopfdruck die Körperspannung wechseln möge - von gebremst auf aggressiv. Dass sie den Knall vergisst, der den Teambus erschütterte, und die Bilder verdrängt vom blutenden Verteidiger Marc Bartra. Das Kernproblem in diesem Sport: Wie werden Beine leicht, wenn der Kopf schwer ist?

Anschlag auf BVB-Bus Dortmunder Abend der falschen Hoffnungen
BVB nach dem Anschlag

Dortmunder Abend der falschen Hoffnungen

Die Mannschaft spielt am Tag nach dem Anschlag, weil sie spielen muss. Die Fans singen und spenden Trost. Über einen Fußballabend, der so vielleicht nicht hätte stattfinden dürfen.   Von Felix Meininghaus, Dortmund

Borussia Dortmund hat diesen psychologischen Spagat versucht, namentlich der Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Am Morgen nach der Tat, der bereits wieder der Morgen vor dem Spiel war, trat er vor die Mannschaft und hat sie nicht geschont. Im Gegenteil, er hat den abendlichen Auftrag weit über das Resultat hinaus ausgedehnt. Hans-Joachim Watzke sprach davon, dass das Champions-League-Duell gegen den AS Monaco nun unter dem Brennglas der Weltöffentlichkeit ausgetragen werde, dass man nicht vor dem Terrorismus einknicken dürfe, man trete gerade jetzt an, um zu zeigen, was Freiheit und Demokratie bedeuten.

Ist das nicht viel zu viel für so ein Fußballspiel? Dass man es zum einen politisch so hoch ansiedelt und zum anderen aber angeht wie ein Autorennfahrer das erste Rennen nach dem Unfall. Nur schnellstmöglich wieder hinters Steuer, heißt da für gewöhnlich der Ratschlag aus der Psychologie, sonst werde der Schmerz immer dominanter und man könne nie wieder schnell fahren.

Immer vorausgesetzt, dass die Sicherheitsbehörden grünes Licht geben, gibt es keinen anderen Weg. Dann ist die besonnene Rückkehr zu vermeintlicher Normalität eine Notwendigkeit. Das heißt aber auch, dass es im Sport nie ein störrisches The Games must go on geben darf, welches die Schwere einer Tat und ihre Wirkkraft ignoriert. Es bedarf einer Entscheidung von Fall zu Fall. In der Terrornacht im November 2015 in Paris, als sich vor dem Stade de France drei Attentäter in die Luft sprengten, wurde das Länderspiel Frankreich - Deutschland zu Ende gespielt, um Panik zu vermeiden. Und nachdem nur vier Tage später in Hannover das Spiel Deutschland - Niederlande abgesagt wurde, war erwogen worden, den folgenden Bundesliga-Spieltag zu verschieben.

Damals wie heute war es nicht so sehr das Drängen der Profis, sondern der Wunsch der Zuschauer, der Bürger, dass gespielt wird. Nicht sofort am Abend des Anschlags, wie es in Dortmund von Fußball-Vermarktern zunächst offenbar erwartet wurde, um Champions-League-Verträge mit Fernsehen und Sponsoren einzuhalten. Sondern nach einer Nacht, in der ein jeder die Vorfälle besprechen konnte, und in der Erstaunliches geschah. Festzustellen war eine blitzschnelle Solidarisierung unter Fans; über soziale Netzwerke (Hashtag: "bedsforawayfans") offerierten Dortmunder den Monegassen ein Zimmer mit Frühstück.

Typisch Ruhrgebiet, heißt es jetzt, wo mehr Menschen als anderswo ihren Lebensinhalt daran knüpfen, dass Fußball gespielt wird. Und wo der Anschlag nicht nur einen Bus traf, sondern alle.

Anschlag in Dortmund Angst vor den Dortmunder Verrohten Bilder

BVB Fans und der Anschlag

Angst vor den Dortmunder Verrohten

Die "Gelbe Wand" im Dortmunder Stadion ist legendär, doch die Fans sind in zahllose Gruppen gespalten. Eine davon gilt als rechtsradikal unterwandert - und drohte jüngst Geschäftsführer Watzke.   Von Freddie Röckenhaus, Dortmund