Von den Fußballern abgesehen, war Owen Ansah in den vergangenen Jahren der wohl bekannteste und beliebteste aktive Sportler Hamburgs. Auf Mitgliederversammlungen des Hamburger SV e.V., für dessen Leichtathletikabteilung der 25-Jährige startet, wurde Ansah oft besonders hervorgehoben, in Reden der Offiziellen wie als Empfänger von Ehrungen. Ansah warb für die mittlerweile verwelkte Olympiabewerbung der Stadt, er wurde 2025 als Figur im bei Touristen beliebten Miniaturwunderland verewigt, dort steht er im Sprinter-Outfit vor dem Volksparkstadion. An der Seite des SPD-Innensenators Andy Grote stellte Ansah sogar ein Verkehrssicherheitskonzept vor, dessen Kampagne an fast jeder Straßenecke plakatiert wurde. „Ich halte mich tatsächlich immer an die Verkehrsregeln“, ließ Ansah in diesem Zuge ausrichten.
Über all dem breitet sich nun ein Schatten aus, bricht ein Verfahren an gegen einen der bekanntesten deutschen Olympiasportler. Ansah war vor zwei Jahren als erster Deutscher die 100 Meter in unter zehn Sekunden gesprintet, im vergangenen Juni erst hatte er seinen nationalen Rekord auf 9,98 Sekunden gedrückt, für die Europameisterschaften in drei Wochen in Birmingham galt er als Medaillenkandidat. Und dann, vergangenen Freitag: Gab die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) bekannt, dass Ansah im Verdacht steht, zwar nicht die Verkehrsregeln, aber den Anti-Doping-Kodex verletzt zu haben. Er soll eine Dopingprobe verweigert haben, ein Vergehen also, das wie ein positiver Test behandelt werden kann, mit einer Sperre von bis zu vier Jahren.
Zwar darf Ansah, ein Schützling der Mannheimer Trainingsgruppe um den früheren Weitsprung-Europameister Sebastian Bayer, nun auch aus dem hanseatischen Fußballlager mit Solidarität rechnen. Seit dem kontrovers debattierten Epo-Fall des HSV-Verteidigers Mario Vuskovic stehen die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) sowie die Nada bei HSV-Fans im Ruf, geradezu feindlich gesinnte Organisationen zu sein. Doch nach allem, was die Nada und der Athlet bislang publiziert haben, hat sich der schnellste deutsche Sprinter offenbar vor allem selbst ausgebremst.
Ansah war noch am Freitagabend in einer Mitteilung des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) in die Offensive gegangen. Er sei vergangene Woche „ganz kurzfristig“ ins Feld über 100 Meter in Monaco bei der Diamond League gerutscht, einer Art Weltcup-Reihe, die global nur bedingt bekannten Sprinter wie Ansah tatsächlich selten Startplätze gewährt. Als er am Tag vor dem Meeting gegen 14.30 Uhr zum Flughafen aufbrechen wollte, sei er entsprechend „spät dran“ gewesen. Just da habe der Dopingkontrolleur geklingelt – außerhalb des 60-minütigen Zeitfensters, in dem Spitzenathleten wie Ansah für die Kontrolleure an einem Tag erreichbar sein müssen. „So kurzfristig“ habe er die Probe dann nicht abgeben können, teilte Ansah mit, „zumal ich kurz zuvor die Toilette besucht hatte“.
Weder sei ihm dann angeboten worden, dass der Kontrolleur ihn zum Flughafen begleitet, damit Ansah dort die Probe abgeben kann – ein mögliches Versäumnis des Kontrolleurs. Auch seien ihm „keinerlei“ Konsequenzen aufgezeigt worden, sollte er die Probe verweigern – sollte dies zutreffen, wäre das in jedem Fall ein Versäumnis. Am Tag darauf sei er in Monte Carlo dann von Kontrolleuren der Wada getestet worden, am Montag darauf noch einmal von der Nada – von positiven Testergebnissen war bis zuletzt nichts bekannt. Er werde, schloss Ansah seine Erklärung, in jedem Fall „alles dafür tun, um den Sachverhalt aufzuklären“. Suspendiert ist er vorläufig nicht.
Gleicht man den von Ansah geschilderten Sachverhalt mit dem Internationalen Standardwerk für Dopingkontrollen ab, hält das für den Athleten jedoch nur bedingt erbauliche Nachrichten parat. Zwar muss ein Spitzenathlet tatsächlich für ein 60-minütiges Zeitfenster für einen Tester zwingend erreichbar sein. Trifft er den Athleten nicht an, gilt das als „Missed Test“; erst bei deren drei binnen eines Jahres kann ein Athlet gesperrt werden. Allerdings können Tester auch außerhalb dieser Fenster anrücken – nur wird es den Athleten nicht angelastet, sollten sie dann nicht gleich angetroffen werden.
Ansahs Auftritt in Monaco war einer der stärksten seiner Karriere
Wenn Athleten den Tester antreffen, müssen sie diesem aber eine Probe geben. Nur dank solcher Überraschungseffekte kann ein Kontrollsystem überhaupt Wirkung entfalten, zumal Tester die Kontrollen außerhalb der 60-Minuten-Zeitfenster durchaus bei Athleten ansetzen, bei denen sie mal genauer hinschauen möchten: Weil diese zuletzt etwa auffallend stark waren oder sie ihre 60-Minuten-Zeitfenster wiederholt so angeben, dass dazwischen auffallend viel Zeit liegt. Allerdings muss ein Kontrolleur einen Athleten darauf hinweisen, was diesem droht, sollte er die Probe verweigern – und ihn in diesem Fall ein Formular unterschreiben lassen. Jenes der Nada weist explizit darauf hin, welche Folgen eine verweigerte Probe „ohne zwingenden Grund“ nach sich zieht: bei Erstverstoß bis zu vier Jahren Sperre.
Nun hatte Ansah ausgeführt, dass ihm „keinerlei Konsequenzen“ aufgezeigt worden seien. War dem so? Die Nada teilt auf SZ-Anfrage mit, „dass die Benachrichtigung und Aufforderung zur Dopingkontrolle sowie die Aufklärung des Athleten über die Konsequenzen einer Verweigerung nach den Vorgaben des Anti-Doping-Regelwerks erfolgten.“
So bleibt Ansah – nach allem, was bekannt ist – im Kern nur der „zwingende Grund“, der seine verweigerte Probe entschuldigen würde. Ein Flug, der auf einer kurzfristigen Wettkampfzusage fußt, dürfte darunter allerdings kaum fallen; die Sportgerichte haben in der Vergangenheit zumindest oft nur bei solchen Gründen die Strafen ganz oder stark erlassen, bei denen Athleten oder Angehörige medizinische Notfälle geltend machten. Dem Vernehmen nach dachte der 25-Jährige womöglich, dass seine verweigerte Probe als „Missed Test“ verbucht werden könnte, wie wenn ein Athlet von einem Tester nicht angetroffen wird. Dass ein deutscher Rekordhalter und Olympiateilnehmer das durcheinander wirft, dürfte die Sportinstanzen aber kaum überzeugen.
Letztlich haben Athleten, die eine Dopingkontrolle verweigert haben, nicht selten einen anderen, triftigen Grund gehabt, dies zu tun. Das ist das historisch geprägte Umfeld, in das sich Ansah begeben hat, so aufrichtig seine Motive im Zweifel sind. Es zählt zur vorläufigen Pointe, dass er bei seinem sehnlichst erwarteten Meeting in Monaco Vierter in 10,01 Sekunden wurde, eine Reihe von Sprintern mit stärkeren Vorleistungen schlug, Letsile Tebogo aus Botswana etwa. Der wurde 2024 in Paris Olympiasieger über 200 Meter und belegte über 100 Meter Platz sechs, in 9,86 Sekunden.


