Als die Hymne erklang, war Anna Elendt wieder ganz bei sich. Sie lächelte, wirkte beseelt. Das hatte ein paar Minuten zuvor noch ganz anders ausgesehen. Die 23-Jährige war über 100 Metern Brust als Erste ins Ziel gekommen, und als ihr Blick zur Anzeigetafel wanderte, schob Elendt die Hand in einer Geste der Fassungslosigkeit vor ihren Mund. Nie und nimmer hätte sie damit gerechnet, in neuer deutscher Rekordzeit von 1:05,19 Minuten als Schnellste anzuschlagen, vor 200-Meter-Brust-Olympiasiegerin Kate Douglass aus den USA und der Chinesin Tang Qianting. Es ist eine der bislang großen Überraschungen bei diesen Schwimm-Weltmeisterschaften in Singapur. „Sprachlos“ sei sie, mehr hatte sie zunächst nicht zu berichten am Mikrofon des Hallensprechers.
Großer Applaus brandete dann auf, als Elendt um die Ecke bog, ab zu den vielen Interviews. „Erste zu werden, Weltmeisterin, ist unglaublich viel“, sagte sie: „Vor allem, weil die letzten drei Jahre nicht so gut gelaufen sind. Nach Paris musste ich viel nachdenken. Wieder und wieder enttäuscht zu werden, macht natürlich keinen Spaß. Und da war die Entscheidung, ob ich aufhören möchte und weiterlebe ohne Schwimmen – oder noch mal angreife.“
Sie griff noch mal an, sprang wieder ins Wasser, trainierte. Mehr als je zuvor. Aber erst vom vergangenen Dezember an, nach einer viermonatigen Pause, die sie gebraucht hatte. Auch um die beste Entscheidung für sich selbst und ihre Zukunft treffen zu können.
Elendt schwimmt für die SG Frankfurt, lebt aber seit Jahren in den USA, wo sie das College besuchte und bei den Texas Longhorns trainierte. 2022 gewann sie in Budapest WM-Silber, ein neuer Stern schien da aufzugehen am damals eher düsteren deutschen Beckenschwimmenhimmel auf der kurzen Strecke. Ein sehr werbetaugliches Gesicht war Elendt außerdem – mit ihrer offenen, zugewandten, fröhlichen Art. Doch bald nach ihrem bislang größten Erfolg fiel sie in ein Loch. Bei den folgenden Großereignissen enttäuschte sie, genauso bei den Olympischen Spielen in Paris.
Teilzeitarbeit statt Prüfungsstress – das empfindet Elendt als sehr angenehm
„Ich bin nicht nur für mich selber geschwommen, das Team stand immer hinter mir. Das kann einen pushen, aber auch ein bisschen runterdrücken“, sagte Elendt nun in Singapur über ihre Zeit am College. Diese Zeit hatte sie zu WM-Silber geführt, aber zuletzt eher gelähmt: „Am meisten hat mir geholfen, mein Studium zu beenden.“
Seitdem sie ihren Abschluss in den Fächern Business und Sportmanagement hat, konnte Elendt sich vom Druck der Doppelbelastung befreien. Sie lebt zwar weiter in den USA, hat aber keinen Prüfungsstress mehr. „Ich fühle mich deutlich gelassener und deutlich glücklicher als die letzten Jahre“, hatte sie schon vor dem Finale in Singapur gesagt. Der ARD erzählte sie, inzwischen 20 Stunden Teilzeit pro Woche als Projektmanagerin bei einem Finanztechnologieunternehmen zu arbeiten, was sie als sehr angenehm empfinde. „Ich schwimme, arbeite vier Stunden am Tag, danach geht es wieder ins Training.“ Hier hat Elendt einiges verändert mit ihren Trainern, vor allem das Pensum haben sie erhöht.
Außerdem bekam sie in Singapur ihre Nervosität viel besser in den Griff, die sie in den vergangenen Jahren oft gebremst hatte. „Ich war noch nie so nicht nervös vor einem Rennen, ich war einfach entspannt. Die letzten paar Jahre war ich so unglaublich nervös, da wusste ich gar nicht, ob ich das machen wollte“, sagte Elendt nun mit der Goldmedaille um den Hals.
Am Donnerstag startet sie noch über 200 Meter Brust. Alles scheint nun möglich zu sein für diese Frau, die ihr sportliches Tief ganz offenkundig hinter sich gelassen hat. Auch deshalb war ihr gar nicht so sehr nach Feiern zumute an diesem goldenen Dienstagabend. Dopingkontrolle, Ausschwimmen, Abendessen im Hotel: „Ich hoffe, dass ich vor ein Uhr im Bett bin.“ Mit dabei hatte Anna Elendt das schöne Gefühl, mal so richtig ausschlafen zu können – und eine Plakette, an die nicht einmal ansatzweise zu denken gewesen war.


