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Skispringen:Ein Comebäckchen für Wellinger

68. Vierschanzentournee - Oberstdorf

Zaungast in Oberstdorf: Andreas Wellinger informiert diverse Handy-Aufnahmegeräte am Rande der Vierschanzentournee über sein operiertes Knie.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Nach seinem Kreuzbandriss im Sommer befindet sich Andreas Wellinger während der Vierschanzentournee mitten im Reha-Prozess.
  • Gleichzeitig versucht er genau diesen Prozess im Rahmen seines BWL-Studiums zu optimieren.
  • Bei der Tournee nimmt er nur als neugieriger Beobachter der Konkurrenz teil.

Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Auf einmal kam der "Hammer", in Form einer Kaffeetasse. Auf einmal realisierte Andreas Wellinger, der Skisprung-Olympiasieger, der Mann, der die Grenzen des Menschseins überwunden hatte und sich in die Lüfte erheben konnte: "Ich bin auf Hilfe angewiesen." Wie ein Schlag sei das gewesen. Klar wurde, dass er nun für längere Zeit nicht mal eine Tasse von der Küche ins Wohnzimmer tragen konnte. Weil, dafür brauchte er seine Hände, und die waren damit beschäftigt, die Krücken zu greifen, die wiederum das rechte Knie viele Wochen entlasten mussten.

Aber das Hammer-Gefühl war doch recht schnell vorüber. Wellinger, der für den SC Ruhpolding startet, ist durchaus einer, der lieber grinst als grübelt. Er hatte sich im Juni im Training das Kreuzband gerissen und natürlich erkannte er bald, dass dies zwar ein Karrierejahr kostet, aber kein Lebensjahr. Und dass dieses Risiko speziell in seinem Sport dazu gehört, in dem der Athlet nach 140 Metern Flug nicht auf einem Fahrgestell aufsetzt sondern hauptsächlich auf seinem nach vorne ausgefahrenen Bein. Also schaltete er um: "Ich hab' die Herausforderung angenommen."

"Ich hätte lieber auch meine Skier dabei"

Halbzeit ist gewissermaßen gerade im großen Reha-Spiel, sechs Monate hat er hinter sich, knapp sechs Monate könnten es noch werden, bis er auf der Schanze wieder anfängt sich wohlzufühlen. Und weil gerade die Vierschanzentournee begann, mit allen Sportlern, Trainern, Funktionären und Reportern, nutzte er die Gelegenheit, sich mal zu zeigen und zu berichten, bei einem kurzen Auftauchen, einer Art Comebäckchen.

Zum Grinsen war das zunächst nicht. Wellinger erzählt, dass er, als er die Zuschauer, die Schanze, die Scheinwerfer, die Fahnen, die Kameras, den Helikopter, kurz, die Tournee sah, dass er da erst mal dachte: "Hm." - Die Krücken ist er längst los, und nun fehlte ihm etwas, nämlich ein paar Sprunglatten quer über seiner Schulter: "Ich hätte lieber auch meine Skier dabei." Aber die Jammer-Nummer hatte er ja schon hinter sich, und längst weiß Wellinger, dass Auftritte dieser Art einem Reha-Patienten auch Vorteile bieten.

Sein Alltag besteht seit Monaten darin, vorsichtig leichte Übungen auszuführen, um den Restkörper fit zu halten und die verletzte Partie langsam wieder zu kräftigen. Da kann man sich durchaus hineinsteigern, was aber den Nachteil birgt, dass die Welt immer kleiner wird, vielleicht besonders für einen Skispringer. Wellinger sagte also am Samstag in der frischen Abendluft von Oberstdorf: "Immer nur in der Trainingshalle rumstehen, da fällt einem auch die Decke auf den Kopf."

Deshalb hat er seit einiger Zeit auch die Reha-Maßnahmen und sein BWL-Studium synchronisiert. Er übt im Trainingszentrum seines Sponsors und nutzt die Zeit dort für ein eigenes Projekt. Wellinger befasst sich mit einer Arbeit, will mit Hilfe der Experten untersuchen, wie man die Reha vielleicht noch effektiver gestaltet, und hospitierte dabei zum Bespiel in der Abteilung Biomechanik und im Labor. Er studiert nun sozusagen seinen eigenen Fall, und wer weiß, vielleicht hilft das anderen auch: "Ich versuche, einen guten Plan auszuarbeiten, für mich aber auch für die Athleten", sagt er.

Ein weiterer Vorteil seiner Stippvisite auf der Party der anderen betrifft ebenfalls seine Zukunft. Seit sieben Jahren, seit er mit 17 Jahren senkrecht in den Sporthimmel startete, dann mit 18 seinen ersten Weltcup gewann, 2014 mit dem Team Olympiasieger wurde und 2018 auch als Einzelspringer von der Kleinschanze Gold gewann, seitdem war es immer dasselbe: "Die Abläufe an der Schanze sind durchgetaktet, man ist in seinem Tunnel." In Oberstdorf konnte er nun in alle Richtungen schauen, mit anderen Worten, jetzt stand er nicht im Tunnel, "sondern auf einem Teller".

Skispringen ist ein Sport der Tüftler

Eine ganz neue Erfahrung! Auf einem Teller kann man rundrum schauen, und auch ein bisschen von der Seite nach Neuigkeiten äugen. "Ich versuche, ein paar Dinge zu beobachten, die mir helfen, wenn ich nächstes Jahr wieder am Start bin", sagte Wellinger, denn Skispringen ist ja ein Sport nicht nur der Flieger, sondern auch der Tüftler.

Binnen kurzer Zeit können sich Einzelne oder Teams Materialvorteile verschaffen, indem sie neue Anzugstoffe tragen oder die Bindung modifizieren. Oder indem sie neuerdings Hartschaumstoff-Keile von fast allen Seiten in den Schuh stecken, womit der Ski noch schneller das macht, was der Springer will, nämlich segeln, ruckzuck nach dem Absprung. Wellinger äußerte sich in Oberstdorf zwar nicht über Details, aber es könnte gut sein, dass er auch von der Seite ein Auge auf die Sprungschuhe der Polen warf, die angeblich ganz neu sein sollen. Und er könnte auch ganz allgemein den Stil junger neuer Konkurrenten begutachtet haben, etwa den des Österreichers Philipp Aschenwald.

Eigentlich war nur eine schnelle Medienrunde geplant, aber dann stand Andreas Wellinger doch noch länger herum, er klatschte Teamkollegen ab und auch Konkurrenten. Ganz offensichtlich genoss er die frische Oberstdorfer Luft, denn er stellte noch fest, "das Skispringen lebt in mir", ehe er wieder fort war und den Rest seiner Reha antrat.

© SZ vom 30.12.2019/dsz
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