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Andrea Petkovic:Vom Glück des Herumgurkens

2016 French Open - Day Five

Andrea Petkovic plant ihre Zukunft nach dem Tennis - sie sieht viele Möglichkeiten.

(Foto: Julian Finney/Getty Images)
  • Andrea Petkovic spielt dieser Tage beim Tennisturnier in Nürnberg - wo sie über ihre Karriere resümiert.
  • Dass sie mittlerweile in der Weltrangliste weit zurückgefallen ist, wurmt sie.
  • Doch sie erzählt auch, wie es nach der Tenniskarriere weitergehen könnte.

Von Gerald Kleffmann, Nürnberg

"Hallo", sagt Andrea Petkovic, als sie sich dem Tisch auf der Terrasse nähert. Es ist Mittag, die Sonne scheint. In dieser Woche findet auf der Anlage des 1. FC Nürnberg ein Tennis-Turnier statt, es ist nach dem Stuttgarter Grand Prix das zweitgrößte Frauen-Event in Deutschland. "Total schön" sei es, in der Heimat zu spielen, sagt Petkovic. Zwei Jahre ist her, dass sie hierzulande zuletzt ein Match bestritt.

Die 30-Jährige aus Darmstadt ist gut gelaunt, was fast überrascht, auch wenn Petkovic eine auf ihre Weise meist eloquent-heitere Person ist, mit dem Hang zu tiefschürfenden Analysen. Später gibt sie selbst zu, dass sie sich noch im vorigen Jahr geschworen hatte, "nicht um die 100 herumgurken" zu wollen in der Weltrangliste. Seit einigen Wochen gurkt sie nun um die 100 herum, doch sie strahlt. "Ich spiele Tennis des Tennis wegen", sagt Petkovic, sie liebe Tennis und "auch das Leben auf der Tour". Ein Satz, der klingt, als würde sie ihre Karriere endlos strecken wollen. Aber das Gegenteil ist der Fall, was einerseits verwirrt. Andererseits: Wenn Petkovic eine Gabe hat, die die Menschen fasziniert, ist es ihre Fähigkeit, Widersprüche in sich so miteinander zu verweben, bis alles doch einen Sinn ergibt.

Ihre jüngste Offenbarung hört sich jedenfalls so an: "Das Ende ist nicht mehr ganz so angsteinflößend. Ich weiß schon, was ich will und wie ich mir mein Leben nach der Tour vorstelle." Bei Petkovic darf man in Gesprächen mit allem rechnen, Selbstdemontagen, Elogen an popkulturelle Größen, Sinnfragen des Lebens. An diesem Pfingstmontag fügt sie ihren Bekenntnissen ein neues hinzu: Petkovic ist nun ein Profi im Übergangsstadium.

Im großen Bild des deutschen Frauentennis der zurückliegenden zehn, zwölf Jahre ist die kraftvolle Spielerin stets eine Zugnummer gewesen, eine Top-Ten-Spielerin dazu, im Halbfinale der French Open 2014, Dramenlieferantin im Fed Cup. Aber auch eine, die Grand-Slam-Triumphe wie Angelique Kerber nie erleben sollte und manchmal enttäuschte. Aus ihrer Sicht war sie wiederum eine intelligente, staunende Person, die mit sich rang. Oft, vielleicht zu oft. Zwischen angreifen und hinschmeißen konnte bei ihr nur ein Match liegen. Auch heute denkt sie gerne in Extremen. "Wenn ich gut spiele, fühle ich mich wie die Andrea Petkovic, die mal an der Weltspitze nah dran war. Wenn ich schlecht spiele, ist es sehr, sehr schlecht." Sie lächelt dazu. Heute ist diese Diskrepanz für sie nicht mehr gleich ein Auslöser, um die eigene Existenz in Frage zu stellen. Petkovic hat innerlich losgelassen. Und das ist doch eine verblüffende Neuigkeit.

Ihre Geschichte, betont sie, war stets die einer Getriebenen, die glaubte, anderen etwas beweisen zu müssen; dass sie etwa ein würdiges Mitglied der Generation neben Kerber, Julia Görges und Sabine Lisicki sei; dass sie nach Verletzungen zurückkomme; dass sie Titel hole. Nun horcht sie weniger auf andere Stimmen, sie betrachtet das Leben mehr als einen Fluss, in dem es Verwirbelungen gibt, aber doch alles in eine unvermeidbare Richtung fließt: nach vorne. Dieses Vorne, das sich Zukunft nennt, umarmt sie nun, anstatt es zu verdrängen.

Studieren? In New York leben?

Es ist indes auch hier kein Widerspruch, wenn sie schildert, dass sie ihren Trainer Dusan Vemic zurückholte, der sie 2011 in die Top Ten geführt hatte. Dass sie ihre Teilnahme an Turnieren der unterklassigeren ITF-Serie nicht als Degradierung empfindet, sondern als Rückkehr "zur Essenz des Sports", der sie selbst schuf. Sie weiß, sagt sie: Es gibt kein Zurück. Es ist eben Petkos Stil und daher eher so, dass Petkovic sich anhört wie jemand, in dem eine Katharsis vonstatten ging, der Frieden mit seiner Karriere gefunden hat, die doch früher als erwartet ausklingen könnte.

"Wenn ich meine Attitüde wieder finde, wie sie mal war, glaube ich, dass ich eine Chance habe, an die Weltspitze heranzukommen", sagt sie. Wenn nicht? "Werde ich es nicht wieder schaffen." Sie weiß, wo sie steht. Gleichwohl will sie ihre Worte keineswegs als Verkündung eines Rücktritts verstanden wissen. Und doch schwingen Fazit und Abschiedsblues mit, wenn sie sagt: "Ich bin sehr zufrieden, wie meine Karriere verlaufen ist." Finanziell, kein zu verachtender Aspekt, dürfte sie ohnehin ausgesorgt haben.

Beim Nürnberger Versicherungscup trifft Petkovic am Dienstag auf die Rumänin Sorana Cirstea, erst zweimal überstand sie in dieser Saison eine Runde im Hauptfeld. Sie benötigt dringend Erfolge. Aber selbst wenn sie früh verliert, schwanke sie emotional nicht mehr wie einst, sagt sie: "Ich habe schon ein bisschen mein Leben nach der Tour vorbereitet und bin weiter am Vorbereiten."

Das beruhige. Sie hat schon immer gerne geschrieben, derzeit verfasst sie Kolumnen für das SZ Magazin und das Racquet Magazine, eine kunstvoll gestaltete Tennislektüre in den USA. "Ich möchte das Schreiben weiter verfolgen", sagt Petkovic. Überdies will sie mal studieren, in New York leben, sich länger aus der Sportwelt ausklinken, raus aus "meiner Komfortzone", nennt sie das. Petkovic hat sich sogar mit ehemaligen Sportlern über das Thema Karriereende unterhalten. Sie hofft, nicht in ein dunkles Loch zu fallen.

So gesehen hat Andrea Petkovic bereits etwas erreicht. Sie spürt, da sie sich in der Gegenwart erwartungsfroh und offen auf die Zukunft einlässt, dass sie "nicht ins Bodenlose" falle.

© SZ vom 22.05.2018/jbe

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