André Schürrle in der Nationalmannschaft:Drei-Tage-Bart als Glücksbringer

Drei Treffer in einer Partie schaffte André Schürrle noch nie: Wenn der stark verbesserte Offensivmann vom FC Chelsea so weitermacht wie beim 5:3 in Schweden, werden die Gegner kaum mehr Freude an ihrem Beruf haben - Bundestrainer Joachim Löw stellt dem Londoner schon Großes in Aussicht.

Von Thomas Hummel, Stockholm

André Schürrle kratzte einige Male an seinem Bart. Dabei war das rötliche Gestrüpp im Gesicht des deutschen Nationalspielers längst nicht mehr so lang und dicht wie noch vor ein paar Tagen. "Meine Mutter und meine Schwester haben lange auf mich eingeredet, dass ich mich rasieren muss", berichtete er und fügte hinzu: "Vielleicht hat es Glück gebracht."

Fußballer sind häufig abergläubische Menschen. Zwischen Training und Spielen bleibt viel Zeit, um an allerhand Talismane und glücksbringende Gewohnheiten zu denken. Und wer dran glaubt, dem helfen sie vielleicht tatsächlich dabei, seinen Fähigkeiten zu vertrauen. Insofern wäre ein Drei-Tage-Bart-Schürrle künftig ein schlechtes Zeichen für die gegnerischen Mannschaften. Wenn der 22-Jährige es sich zur Angewohnheit macht, so zu spielen wie an diesem Abend in der Friends Arena im Stockholmer Stadtteil Solna, werden sie kaum mehr Freude an ihrem Beruf haben.

5:3 gewann die DFB-Elf in Schweden das letzte Qualifikationsspiel zur Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Die Nationalmannschaft beendet die Gruppe C damit mit neun Siegen in zehn Spielen souverän auf Platz eins. Dabei hieß es nach 42 Minuten schon 0:2 und zwischendurch sah es gar danach aus, als würde sich das verrückte 4:4 aus dem Hinspiel in Berlin wiederholen. Doch dieses Mal hatten die Deutschen einen unwiderstehlichen André Schürrle dabei. Das 2:2 leitete er ein, die Tore zum 3:2, 4:2 und 5:3 erzielte er selbst.

Umzug in eine neue Welt

Nie zuvor in seiner Profilaufbahn hatte er drei Treffer in einer Partie erzielt. Nach einer alten englischen Regel schnappte er sich anschließend den Spielball und erklärte etwas unsicher, dass er diesen eventuell seiner Mutter überreichen werde. Natürlich zu Recht, schließlich kam von ihr ja der Tipp mit der Rasur.

André Schürrle hatte vor dieser Saison den Umzug in eine neue Welt gewagt. Aus dem doch sehr beschaulichen Leverkusen, wo er selbst an mittelmäßigen Tagen noch eine Attraktion darstellte, ging er ins aufgeregte London. Weit weg von Mutter und Schwester zum FC Chelsea mit seinem Star-Trainer José Mourinho. Doch der holte für die Offensive nicht nur Schürrle für 21 Millionen Euro. Außer ihm kamen das niederländische Talent Marko van Ginkel, der Brasilianer Willian sowie der Kameruner Samuel Eto'o, und auch der zuvor ausgeliehene Belgier Kevin de Bruyne musste trotz einiger Angebote zurück. Wo sollte da bitte André Schürrle spielen, der nun wahrlich nicht sein bestes Jahr in Leverkusen hinter sich hatte?

Glückliche Wendung

"Als er bei uns anfing vor drei Jahren, hatte er eine sehr gute Phase. Dann ist er ein bisschen stehen geblieben", erinnerte sich Bundestrainer Joachim Löw. Schürrle spulte in Leverkusen mäßig sein Programm herunter, in der Nationalmannschaft fiel er im Kampf um die begehrten Plätze in der Offensive zurück, Spieler wie Mario Götze oder Julian Draxler zogen vorbei. Dennoch holte ihn Mourinho nach London - und das scheint die glückliche Wendung in der Karriere des André Schürrle gewesen zu sein.

Schweden - Deutschland

Und wieder Schürrle: Der Mann vom FC Chelsea traf gegen Schweden dreimal.

(Foto: dpa)

Schweden musste alle Vorzüge ertragen

Schon beim Spiel um den europäischen Supercup gegen den FC Bayern München Ende August fiel ein sehr agiler, sehr dynamischer Schürrle auf. In der Premier League hat er bislang als einzige Offensivkraft alle sieben Spiele bestritten, wenngleich ihm dort noch kein Tor gelungen ist. "Ich glaube, der Wechsel zu Chelsea hat mir gut getan für mein Auftreten. Ich fühle mich gut, bin körperlich fit und selbstbewusst", erklärte er in Solna.

José Mourinho erklärte ihm, er solle sein Spiel durchziehen, dann werde es für jeden Gegner schwer. Leidtragende dieser Erkenntnis waren in Schweden vor allem Pierre Bengtsson und Per Nilsson, an denen sich Schürrle bisweilen spielend vorbeischwang. Vor dem 3:2 nahm er einen katastrophalen Fehlpass des Nürnbergers Nilsson auf und ließ sich während des Sprints zum Tor nicht mehr stoppen.

Beim 4:2 startete er unwiderstehlich in den Strafraum und vollendete einen Pass des ebenfalls sehr starken Mario Götze. Beim 5:3 zirkelte er praktisch aus dem Stand den Ball traumhaft in den entfernten Torwinkel. Die Schweden mussten alle Vorzüge des in Mainz ausgebildeten Profis ertragen: extreme Antrittsschnelligkeit, dynamischer Zug zum Tor, dabei trotz des enormen Tempos technisch gut am Ball. An Tagen wie diesem in Solna geht es einfach zu schnell für die Bengtssons und Nilssons dieser Welt.

Der Druck lähmt ihn nicht - ganz im Gegenteil

Beim FC Chelsea, sagte Schürrle, müsse er täglich darum kämpfen, am Wochenende spielen zu dürfen. Die "unglaubliche Dichte im Kader" erfordere das. Bringt es der Schürrle nicht, dann spielt eben ein anderer. Doch dieser Druck lähmt ihn nicht, sondern spornt ihn an.

Was die Konkurrenz betrifft, geht es ihm im Klub nun genauso wie in der Nationalmannschaft. Auch hier steht auf den Offensivpositionen sofort Ersatz parat. Mesut Özil ist bei Bundestrainer Löw zentral gesetzt. Spielt vorne mit Miroslav Klose, Mario Gomez oder wie diesmal Max Kruse ein echter Mittelstürmer, verbleiben zwei Stellen auf den Außen. Darum bewerben sich außer Schürrle Thomas Müller, Marco Reus, Lukas Podolski, Toni Kroos, Mario Götze, Julian Draxler und Sidney Sam. Eine Sammlung an Feinfüßen und Tempo-Fußballern, die es so im deutschen Fußball wohl noch nie gegeben hat.

"Jeder versucht, wenn er auf dem Platz steht, sich zu zeigen", erklärte Schürrle, "es geht die ganze Zeit um die Plätze und die Formation." Er hat mit seinen Auftritten gegen Irland (ein Tor) und Schweden (drei Tore) seine Position sicher nicht verschlechtert. Löw sagte nach dem Schlusspfiff in Solna: "Also wenn er so spielt", dann werde es in Brasilien bei der WM schwer, ihn nicht aufzustellen.

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