Analyse des DFB-Kaders:Astreine Anstöße vom Mittelpunkt

Marco Reus ist auf dem besten Weg zum Bald-Stammspieler, Philipp Lahm muss zusammen mit Holger Badstuber eine Viererkette bilden, Mario Gomez trägt kein Kevin-Kuranyi-Gedächtnisbärtchen: Eine Bestandsaufnahme der deutschen Nationalspieler nach der endgültigen Kadernominierung.

Boris Herrmann und Christof Kneer

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Analyse des DFB-Kaders:Torwart Manuel Neuer

German national soccer player Neuer jumps for a ball during a training session in Tourrettes

Quelle: REUTERS

Nun, da die Bayern-Profis im Trainingslager eingetroffen sind, und Joachim Löw seinen endgültigen Kader benannt hat, ist es Zeit für eine erste Bilanz: Welcher Nicht-Bayern-Profi hat die Abwesenheit der Münchner nutzen können, um sich aufzudrängen? Wer hat überzeugt, und wenn ja, womit? Und warum hat Löw nicht alle nach Hause geschickt, die beim 3:5 gegen die Schweiz dabei waren? Am Ende war dem Bundestrainer jedenfalls mal wieder ein kleines Täuschungsmanöver gelungen: Nach dem Schweiz-Spiel war ja allgemein vermutet worden, dass die Spieler mit den Nummern 24 bis 27 (Draxler, Bender, Bender, ter Stegen) die Streichkandidaten seien - wie 2008, als die überzähligen Nummern 24 bis 26 (Jones, Marin, Helmes) gehen mussten. Diesmal galt das nur fast: Ein Bender durfte bleiben. Hat Löw die richtigen Nummern gezogen bzw. gestrichen? Eine total fachliche SZ-Bewertung.

Von Boris Herrmann und Christof Kneer

1 Manuel Neuer: Bestätigt die These, dass die Rückennummern doch etwas zu bedeuten haben: Auf ihn kann niemand verzichten, allein schon wegen eines möglichen Elfmeterschießens.

2 Ilkay Gündogan: Bestätigte die These, dass Rückennummern nichts zu bedeuten haben: Wird ja auf keinen Fall "Nummer 2", also Rechtsverteidiger spielen. Galt als Wackelkandidat, weil seine Position, die Sechs, bereits hochkarätig besetzt ist. Blieb aber im Kader, weil er exzellent trainiert hat - und weil er die Tradition der unverzichtbaren Zweier fortsetzen muss. Bei den letzten EM-Turnieren trugen diese Nummer Marcell Jansen, Andreas Hinkel und Markus Babbel.

3 Marcel Schmelzer: Die kurioseste Personalie im Kader: Hätte einerseits zu den Heimfahrern gehören können, ist andererseits aber potentieller Stammspieler. Sein Status als Monopolist (außer Lahm einziger Linksverteidiger im Kader) verleiht ihm Immunität. Fremdelt von allen Dortmundern am meisten. Seine Vorstellung in Basel ist ein Plädoyer dafür, Lahm links spielen zu lassen.

4 Benedikt Höwedes: Seine Vorstellung in Basel ist ein Plädoyer dafür, Lahm rechts spielen zu lassen.

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Analyse des DFB-Kaders:Abwehrspieler Mats Hummels

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Quelle: AFP

5 Mats Hummels: Auch er wirkt als Teil des Gesamtkunstwerkes Dortmund viel faszinierender als der Einzelsportler Hummels. Trägt leichtsinnigerweise eine Art Kuranyi-Bärtchen (zur Erinnerung: Kuranyi war 2006 das erste prominente Streichopfer). Allerdings genießt auch er Immunität, weil er deutlich treffsicherer ist als Kuranyi. Könnte am Ende den Stammplatz neben Badstuber abbekommen, weil: siehe unter Mertesacker.

6 Sami Khedira: Wird für seine defensive Organisationskunst geschätzt, ist aber viel offensiver, als man denkt. Das Basel-Spiel lehrt: Man sollte aus Sicherheitsgründen lieber keinen Offensivspieler als zweiten Sechser neben ihn stellen. Jedenfalls keinen Götze. Jedenfalls keinen Götze in dieser Form.

7 Bastian Schweinsteiger: Das Spiel in Basel hat seine Laune nicht verschlechtert. Er war nicht dabei und musste keinen Elfmeter schießen.

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Analyse des DFB-Kaders:Mittelfeldspieler Mesut Özil

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Quelle: AFP

8 Mesut Özil: Die schlechte Nachricht: Wirkte in Basel lustlos. Die gute Nachricht: Hat sicher bald wieder mehr Lust.

9 Andre Schürrle: Bestätigt die These, dass Rückennummern etwas zu bedeuten haben: Hat gegen die Schweiz aus keiner Chance ein Tor gemacht, wie ein echter Mittelstürmer. Verwendungstipp für die EM: zweite Option als offensiver Einwechselspieler, hinter Reus, vor Götze.

10 Lukas Podolski: Unterstrich seinen Stellenwert im Team, indem er den umkämpften Platz als Beifahrer des Trainingsgastes Michael Schumacher abbekam. Spielte gegen die Schweiz wie Schumi fährt: Irgendwie Motor kaputt.

11 Miroslav Klose: Die spannendste Frage im Kader: Schafft es Klose, rechtzeitig der Turnier-Miro zu werden? Zurzeit liegen keine neuen Negativ-Erkenntnisse vor, im Gegenteil: Führte gegen die Schweiz fünf astreine Anstöße aus.

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Analyse des DFB-Kaders:Torwart Tim Wiese

Wiese haelt Favoritenrolle fuer 'sehr gefaehrlich'

Quelle: dapd

12 Tim Wiese: Verfügt über deutlich weniger Vornamen als die Rivalen Marc-Andre und Ron-Robert. Löw glaubt, man kann auch damit Bälle halten.

13 Thomas Müller: Wird auch bei diesem Turnier die Rückennummer von Gerd Müller und Michael Ballack tragen. Ob er damit wieder Turnier-Schützenkönig wird, muss er selbst entscheiden.

14 Holger Badstuber: Heißer Anwärter auf eine Nummer mit großer deutscher EM-Tradition: Didi Hamann, Thomas Brdaric und Piotr Trochowski.

15 Cacau: Zupfte im Teamhotel immer eine Art brasilianische Ukulele. Garantierte damit jene loungige Atmosphäre, die Manager Oliver Bierhoff so wichtig ist. Hat ihn am Ende nicht vor der Streichung bewahrt, gilt dank seines Instruments aber als Perspektivzupfer für die WM 2014 - in Brasilien.

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Analyse des DFB-Kaders:Abwehrspieler Philipp Lahm

German national soccer players Lahm and Schuerrle warm up during a training session in Tourrettes

Quelle: REUTERS

16 Philipp Lahm: Weigert sich weiterhin, rechts und links gleichzeitig zu spielen. Muss - wenn alle formstarken Abwehrspieler auflaufen - zusammen mit Badstuber eine Viererkette bilden.

17 Per Mertesacker: Muss - wenn alle formstarken Abwehrspieler auflaufen - zusammen mit Höwedes, Hummels und Schmelzer eine Viererkette auf der Tribüne bilden. Nach langer Verletzung laut eigener Aussage fitter denn je, laut Kritikern aber auch spielpraxisloser denn je. Bis die Befehle vom Kopf im Spielfuß ankommen, dauert es zurzeit etwa so lange wie Klose für fünf Anstöße braucht.

18 Toni Kroos: Hat wie vorigen Sommer beim FC Bayern keine konkrete Position, auf der er in die Stammformation rücken könnte. Das beste Zeichen, dass er am Ende Stammspieler wird.

19 Mario Götze: Könnte auf mehreren Positionen in die erste Elf rücken, müsste dazu aber spielen wie Mario Götze, was nach langer Verletzungspause erkennbar nicht der Fall ist. Wurde vorübergehend als geheimer Streichkandidat gehandelt, weil er zwar über unglaublich viel Talent und unglaublich viel Perspektive, aber keinerlei Ukulele verfügt. Muss jetzt über die Trainingswochen in Polen in Form getrimmt werden.

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Analyse des DFB-Kaders:Abwehrspieler Jérôme Boateng

Trainingslager Deutsche Nationalmannschaft

Quelle: dapd

20 Jérôme Boateng: Gewinner des Basel-Spiels. Hat Hummels, Höwedes und Mertesacker überholt, ohne zu spielen.

21 Marco Reus: Im Trainingslager gerne als Noch-Gladbacher oder Bald-Dortmunder bezeichnet. Nach aktuellen Eindrücken ist der Noch-Mittelfeldspieler und Bald-Stürmer auf dem besten Weg zum Bald-Stammspieler.

22 Ron-Robert Zieler: Solide Option, die allgemein als weniger zwingend eingeschätzt wurde als der Rivale ter Stegen. Allerdings: Kassierte bei seinem Debüt in der Ukraine deutlich weniger Gegentore (3). Darf dabei bleiben.

23 Mario Gomez: Trägt mit Fug und Recht keinen Kuranyi-Bart..

24 Julian Draxler: Trainierte gut, büffelte nebenher fleißig Mathe und darf ab sofort auf dem Schulhof erzählen, wie aufregend ein  DFB-Trainingslager ist.

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Analyse des DFB-Kaders:Mittelfeldspieler Sven Bender

Sven Bender

Quelle: dpa

25 Sven Bender: Durfte in Basel als rechter Verteidiger aushelfen und somit hoffen, in die Reihe möglicher Ersatz-Lahms aufgenommen zu werden. Hat nicht geklappt. Darf es jetzt seinem Zwillingsbruder gönnen.

26 Lars Bender: Gilt als das formstärkere Familienmitglied. Strotzt, anders als der blessierte Zwilling, vor Kraft. Darf jetzt seinem Zwillingsbruder gönnen, dass er 2014 dabei ist.

27 Marc-Andre ter Stegen: Hatte so gut trainiert, dass er in Basel im Tor stand. Merkte dort, dass es vielleicht besser gewesen wäre, nicht ganz so gut zu trainieren. Kassierte die meisten Gegentore eines DFB-Torwart-Debütanten seit 1954. Ist 2014 in Brasilien dabei, gemeinsam mit Draxler und Sven Bender.

© SZ vom 29.05.2012/ebc
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