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Analyse der Meisterschaft des FC Bayern:Glücksgriffe, Gier und Geld

Munich's coach Heynckes and player Shaqiri celebrate after winning Bundesliga soccer match against Eintracht Frankfurt and German soccer Championships in Frankfurt

Jupp Heynckes (li.) und Xherdan Shaqiri: Top-Trainer und Top-Transfer

(Foto: REUTERS)

Was haben die Bayern, was sie in den vergangenen Jahren nicht hatten? Der Gewinn der Meisterschale ist tief verbunden mit fabelhaften Verpflichtungen, einem neuen Teamgeist und der Entschlossenheit, unbedingt wieder Titel gewinnen zu wollen. Zwölf Gründe für die Meisterschaft des FC Bayern.

Von Thomas Hummel

Manch einer hatte ja schon geglaubt, dass die Mitglieder der FC-Bayern-Familie nach dem Schlusspfiff sich kurz abklatschen, routiniert bei den Fans bedanken, erste Interviews geben und dann ihre Rollkoffer zum Bus schieben würden. Seit Wochen war ihnen klar gewesen, dass sie irgendwann als 50. Deutscher Meister feststehen, weshalb längst das größere Ziel definiert ist: der Gewinn der Champions League. Und von Feierverbot die Rede war.

Und dennoch: Spieler, Trainer und Betreuer bemächtigte nach dem 1:0-Erfolg bei Eintracht Frankfurt ein Gefühl der Freude und der Genugtuung. Ein sehr berechtigtes Gefühl. Denn bei Lichte betrachtet ist dieser 23. Titelgewinn des FC Bayern München eine fabelhafte Geschichte. Diese Mannschaft hat viele, viele Rekorde der Fußball-Bundesliga gebrochen, manche regelrecht eingemottet. Es ist die mit Abstand größte Dominanz, die der deutsche Klubfußball je erlebt hat.

Wie konnte es dazu kommen? Zwölf Gründe für die großartige Saison des FC Bayern:

  • 1. Borussia Dortmund

Dass ein Klub zweimal hintereinander dem FC Bayern die Meisterschaft wegschnappt, war schon ungeheuerlich. Aber das 2:5 im Pokal-Finale 2012 knallte wie eine zünftige Watschn im Gesicht der Münchner. So waren sie ewig nicht mehr vorgeführt worden. Das durfte sich keinesfalls wiederholen! AUF GAR KEINEN FALL! Die Provokation Borussia Dortmund ist der Keim dieser Bayern-Saison.

Zitat Präsident Uli Hoeneß in Frankfurt: "Dortmund hat uns zwei Jahre wirklich richtig geärgert. Wir haben jetzt geantwortet mit einem Titel sechs Spieltage vor Schluss mit 20 Punkten Vorsprung. Das ist eine wunderbare Antwort, auf das, was Dortmund uns abgefordert hat."

  • 2. FC Chelsea

Die Enttäuschung des vergeigten Champions-League-Finales dahoam stimmte zwar eher sentimental als wütend. Aber es war der letzte Funke, der die Bayern-Seele in eine vor Ehrgeiz brennende Höhle verwandelte. Als ein paar Tage später Philipp Lahm nach dem Arjen-Robben-Krankenversicherungsspiel Bayern - Niederlande sprach, konnte man schon erahnen, wie entschlossen die Münchner da bereits waren, alles zu hinterfragen: "Wir wollen nicht immer Zweiter werden", sagte er.

  • 3. Gier

Michael Douglas als Finanzhai Gordon Gekko sagte in dem Film "Wall Street": "Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier ist gesund." Diese Bayern-Saison bestätigt das auf fast unheimliche Weise. Nach den Rückschlägen der vergangenen zwei Spielzeiten treibt die Münchner die Gier nach Erfolg an, auch genannt: Hunger, Entschlossenheit, fokussiert bleiben, Potenzial abrufen. Oder wie Juventus-Trainer Antonio Conte nach dem Hinspiel im Champions-League-Viertelfinale resignierend feststellte: "Sie bringen sehr viel Leidenschaft mit. Man spürt, dass sie nach dem verlorenen Endspiel gegen Chelsea etwas gutzumachen haben."

Die Gier und die Entschlossenheit waren übrigens auch bestimmende Faktoren der beiden Dortmunder Meistertitel zuvor.

  • 4. Teamgeist

Folgt aus Punkt drei (Gier). Divenhaftes Verhalten wie in München häufiger erlebt, ist in dieser Saison absolutes Tabu. Oder wie im Herbst der damalige Nürnberger Trainer Dieter Hecking sagte: "Der FC Bayern ist eine Ansammlung von individueller Qualität, die entdeckt hat, dass Fußball ein Mannschaftssport ist."

Wer sein eigenes Schicksal wichtiger nimmt als den Erfolg der Mannschaft, wird barsch zurückgepfiffen und riskiert die Ausmusterung. Sogar Ober-Diva Arjen Robben gliedert sich ein, auch wenn er bei Versetzung auf die Ersatzbank bisweilen ein Brummen nicht unterdrücken konnte.

  • 5. Taktische Weiterentwicklung

Dortmund stahl dem bayerischen Artistenhaufen zwei Jahre die Schau mit Hilfe seiner gruppendynamischen Prozesse auf und neben dem Platz, mit Hilfe eines aufopferungsvollen Stils, dem die guten Fußballer aus München wenig entgegensetzen konnten. Das änderte sich durch die Punkte eins (Dortmund), zwei (Gier) und vier (Teamgeist): Plötzlich wirkt das Münchner Ensemble zusammen wie ein verschworener Stadtviertel-Haufen.

Es ist die Basis dessen, dass Trainer Jupp Heynckes taktisch völlig neue Spielarten einführen konnte: kollektives Pressing, Verteidigen als Einheit, kompaktes Bewegen der Gruppe über den ganzen Platz. Oder wie Philipp Lahm sagte: "Wenn man unsere Statistik anschaut: Wir haben in der Defensive viel besser gearbeitet. Wir haben in den vergangenen Jahren relativ viele Gegentore bekommen in der Bundesliga. Das haben wir von Anfang an in den Griff bekommen."

  • 6. Gute Einkäufe

Mario Mandzukic, Claudio Pizarro, Xherdan Shaqiri, Dante und Javi Martínez - fünf Namen, die die Saison geprägt haben. Die Zugänge passten allesamt ideal, machten Schwachstellen zu Stärken und fügten sich auch charakterlich in die Gruppe ein. Dabei sind die Münchner selbst überrascht über die Entwicklung einiger:

Niemand hätte geglaubt, dass Mario Mandzukic Stürmer Nummer eins werden würde und mit seiner Kampfbereitschaft in der Defensive einen neuen Stürmer-Stil in München prägt. Claudio Pizarro ist der wohl beste Ersatzstürmer der Welt. Der Schweizer Xherdan Shaqiri hat sich zur echten Alternative zu Müller, Robben und Ribéry entwickelt. Dante und Javi Martínez sind maßgebliche Faktoren für die starke Defensive.

  • 7. Kadertiefe

Mit den Verpflichtungen entstand ein Kader, der selbst Verletzungen mühelos verkraftete und mit dem Trainer Jupp Heynckes nach Herzenslust rotieren konnte. Egal, wen er aufstellte: Es standen immer elf Weltklasse-Spieler auf dem Platz.

  • 8. Finanzkraft

Zu Punkt sechs (Gute Einkäufe) und sieben (Kadertiefe) gehört sogleich Punkt acht. Denn ohne die Millionen auf dem berüchtigten Festgeldkonto des Klubs gibt es auch keinen Dante oder Mandzukic und schon gar keinen Martínez. Oder wie Jorge Valdano, Fußball-Philosoph und argentinischer Weltmeister von 1986, einmal sagte: "Es gibt Momente, in denen ein mächtiger Verein Autorität zeigen muss, und das kann man auch, indem man einen riesigen Haufen Geld auf den Tisch wirft."

Der FC Bayern präsentiert Jahr für Jahr neue Umsatz-Rekorde. Also gab der Klub mehr als 70 Millionen Euro für neue Spieler aus, Gehälter und Gebühren kamen noch dazu. Das dürfte in der Zukunft eher die Regel als die Ausnahmen sein in München, denn wie Vorstandschef Karl-Hein Rummenigge in der FAZ sagte: "Die Zukunft sieht rosarot aus." Die TV-Einnahmen steigen beträchtlich, die Erfolge in der Champions League bringen jährlich Millionen, ein neuer Investor soll vor der Tür stehen und für 100 Millionen Anteile an der Profiabteilung übernehmen wollen. Und wenn erst die eigene Arena abbezahlt ist, kann der Klub all sein Geld ins Personal stecken. Der FC Bayern könnte dann der reichste Klub der Welt werden.

  • 9. Jupp Heynckes

Trotz aller Finanzkraft: Trainer Jupp Heynckes hat dafür gesorgt, dass die enorme Energie, die im Klub nach den Niederlagen der Vergangenheit entstand, in eine gedeihliche Richtung lief. Er war die Idealbesetzung für den Klub in dieser Saison.

Mit 67 Jahren strahlt er väterliche Gelassenheit und Strenge aus, die der hochkarätig besetzte Kader braucht. Dieser aufrichtige Mensch aus einer anderen Zeit fing die jungen Millionärs-Kicker ein und versammelte sie unter dem Ziel des maximalen Erfolgs. Jeder war für Heynckes bereit, auch persönliche Opfer zu bringen und zurückzustecken. Nicht zu vergessen die Unterstützung des mächtigen Präsidenten Hoeneß, der auch sein Freund ist. Damit entwickeln seine Personalentscheidungen eine Wucht, die jede Auflehnung unterdrückt. Was Heynckes sagt und tut, ist Gesetz - besonders seit klar ist, dass es die letzte Saison für ihn in München ist.

  • 10. Matthias Sammer

Ja, auch der neue Sportvorstand hat einen erheblichen Anteil am Erfolg. Matthias Sammer verkörpert die Gier, die Entschlossenheit, das Niemals-Nachgeben, das Immer-Konzentriertsein wie kein anderer. Damit ging er intern einigen offenbar auf die Nerven, doch auch das hatte seinen Effekt.

Neben der Vaterfigur Heynckes ("good guy") spielte Sammer den perfekten "bad guy", den Miesepeter selbst im maximalen Erfolg. Er ist der Guru in den eigenen Reihen, der Europameister und Champions-League-Sieger, der die Generation Lahmsteiger ständig daran erinnert, dass selbst nach einem 9:2-Sieg noch nichts erreicht sei. So ein "bad guy" kann weitere Kräfte freisetzen, nach dem Motto: Wir (Mannschaft) und der "good guy" (Heynckes) zeigen es dem! Sammer ist inzwischen selbst etwas unwohl mit dieser Rolle, zuletzt lobte er aufrichtig viel.

  • 11. Ausgelaugte Dortmunder

Der einzige echte Konkurrent hieß auch in dieser Saison Borussia Dortmund. Doch die Westfalen wirkten über weite Strecken mächtig kaputt von den Anstrengungen der vergangenen Spielzeiten und dem Vorhaben, nun endlich international zu zeigen, dass sie mithalten können. Dazu kam eine irre schwere Vorrundengruppe in der Champions League, was häufige Punkteverluste des BVB in der Bundesliga provozierte. Dadurch zog der FC Bayern früh davon, mit jedem Punkt mehr Vorsprung schien das Münchner Selbstvertrauen zu wachsen.

  • 12. Der Lauf

Und so entstand das, was Kapitän Philipp Lahm einbrachte: "Wir haben wichtige Spiele gewonnen, knapp gewonnen und zum richtigen Zeitpunkt die Tore gemacht. Dann kriegt man einen Lauf, dann hat man einen Vorsprung, den man immer wieder erweitern kann. Das ist sehr wichtig, wenn man Deutscher Meister werden will."

Der "Lauf" ist ein recht flüchtiges Phänomen. Andreas Brehme beschrieb einmal bildstark das Gegenteil vom "Lauf", den "Anti-Lauf": "Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß." Bei den Bayern hingegen lief es einfach, sie gewannen einmal, zweimal und dreimal und dann ging alles wie von selbst. Auch das ist bei aller Wertschätzung für die sagenhafte Stärke dieses FC Bayern ein Faktor, der nicht zu unterschätzen ist. Die Hoffnung der Bayern, dass dieser "Lauf" bis zum letzten Spiel dieser Saison anhält, ist durchaus berechtigt.

© SZ.de/ska

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