Skandal im American Football:Rassistisch, homophob, misogyn

DENVER, CO - DECEMBER 29: Oakland Raiders Head Coach Jon Gruden was not happy with the outcome of a touchdown review dur

Nicht länger Trainer der Las Vegas Raiders: Jon Gruden.

(Foto: Russell Lansford/Icon SMI/Imago)

Coach Jon Gruden muss die Las Vegas Raiders verlassen, weil er über sieben Jahre hinweg E-Mails mit beleidigenden Inhalten verschickt hat. Er selbst bestreitet Rassismus, doch seine Verfehlungen sind eindeutig.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Jon Gruden ist nicht mehr Trainer der Las Vegas Raiders. Das ist einerseits eine sehr überraschende Nachricht; die legendäre Football-Franchise hatte eine wahnsinnige Garantiesumme von 100 Millionen Dollar über zehn Spielzeiten ausgerufen, und die vierte Saison unter Gruden begann vielversprechend: drei Siege zu Beginn, darunter gegen Titelkandidat Baltimore Ravens. Das war ja das erklärte Ziel nach dem Umzug von Oakland in die sündige Stadt: Spektakel und, wie es der einstige Eigentümer Al Davis stets formulierte: "Just win, baby!" Gewinnen um jeden Preis, da wird im Football gerne mal über ein paar Fehltritte abseits des Spielfeldes hinweggesehen, wie zahlreiche Skandale der vergangenen Jahre zeigen.

In diesem Fall ist das nicht möglich: Gruden hatte, bevor er 2018 Trainer der Raiders wurde, mehrere E-Mails verschickt, in denen er rassistische, homophobe und misogyne Begriffe verwendet hatte - über sieben Jahre hinweg. Er beleidigte Roger Goodell, Chef der US-Footballliga NFL, als "Schwuchtel" und "ahnungslose Anti-Football-Pussy", den afroamerikanischen Chef der Spielergewerkschaft, DeMaurice Smith, verglich er mit einem Elefanten und hatte einen Kommentar für dessen Gesichtsmerkmale, der einfach und eindeutig als rassistisch zu identifizieren ist: "Dumboriss (sic!) Smith hat Lippen, die sind so groß wie Autoreifen."

Skandal im American Football: Ein Ziel von Grudens rassistischen Attacken: DeMaurice Smith, Chef der Spielergewerkschaft NFLPA.

Ein Ziel von Grudens rassistischen Attacken: DeMaurice Smith, Chef der Spielergewerkschaft NFLPA.

(Foto: Chris Carlson/AP)

Von 2010 an verschickte er E-Mails mit solchen Inhalten an Bruce Allen, damals Präsident der Football-Franchise in Washington, die zu der Zeit wegen ihres rassistischen Spitznamens (es gibt noch immer keinen neuen, seit 2020 heißen sie Washington Football Team) kritisiert wurden. Er beschwerte sich über weibliche Schiedsrichter sowie über Footballspieler, die während der Nationalhymne knieten, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Er schrieb, dass Goodell St.-Louis-Rams-Trainer Jeff Fisher nicht dazu hätte auffordern sollen, "Queers" zu verpflichten. Die Rams hatten bei der Talentbörse 2014 den offen homosexuellen Michael Sam gewählt.

"Ich bin als Trainer der Las Vegas Raiders zurückgetreten", wird Gruden vom Verein in einem Eintrag bei Twitter zitiert: "Ich liebe die Raiders und will kein Störfeuer sein. Es tut mir leid, ich wollte niemals jemanden verletzen." Raiders-Eigentümer Mark Davis, Sohn von "Just win"-Al, hatte die E-Mails bereits als "verstörend und nicht das, wofür die Raiders stehen" bezeichnet; Smith sagte: "So war das schon immer für Leute, die aussehen wie ich: Menschen reden hinter deinem Rücken oder verwenden verschlüsselte Botschaften für ihren Rassismus." Auch Liga und ESPN distanzierten sich von Gruden, der mit dem Rücktritt offenbar seiner Entlassung zuvorkam.

Grudens Spitzname lautet "Chucky", nach der Horrorfilm-Figur. Das Image pflegte er

Gruden, 58, war zu der Zeit Experte beim Sportsender ESPN und dort berühmt und berüchtigt dafür, bei seinen Analysen ehrliche und vor allem deutliche Worte zu finden. Davor war er schon mal Trainer der Raiders (1998-2001) gewesen, im Januar 2003 gewann er mit den Tampa Bay Buccaneers als damals jüngster Trainer der NFL-Geschichte (39 Jahre) den Super Bowl - gegen die Raiders. Wegen seiner rotblonden Haare und des oft verbissen-grimmigen Gesichtsausdrucks bekam er in Anlehnung an die gleichnamige Horrorfilm-Puppe den Spitznamen "Chucky" verpasst; ein Image, das er durchaus pflegte: Ein Old-School-Typ, der mit der vermeintlichen Verweichlichung der uramerikanischen Sportart nichts anfangen kann. Es gibt gar nicht mal so wenige Amerikaner, die diese Haltung toll finden.

Die erste E-Mail war überhaupt nur entdeckt worden, weil es eine Untersuchung über die Firmenkultur der Franchise in Washington gegeben hatte. Goodell hatte die Ermittler beauftragt, mehr als 650 000 E-Mails auf feindselige Sprache zu untersuchen - eine davon war die mit den Kommentaren über Smith. Gruden entschuldigte sich in der vergangenen Woche, er sei aus Frust über eine mögliche Aussperrung der Spieler und Absage der Saison frustriert gewesen: "Ich bin zu weit gegangen, aber ich habe keinen Funken Rassismus in mir." Mit Gummi-Lippen, teilte er mit, habe er Lügner bezeichnet: "Ich hatte da keinen rassistischen Gedanken dabei."

Das ist der Moment, in dem im US-Sport häufig der Teppich gehoben wird, um eine Sache darunter zu kehren. Es kamen aber immer mehr Mails ans Licht, vor allem zwischen Gruden und Allen, dessen Vater George NFL-Trainer gewesen ist und der Grudens Bruder Jay von 2014 bis 2019 als Trainer in Washington beschäftigte. Es sind also zwei tief im Football verwurzelte Familien, Grudens Vater Jim war Co-Trainer bei der University of Notre Dame.

Gruden teilt gegen alle aus: Zum Verhängnis wurde ihm, dass er die Mails an NFL-Adressen verschickte

Manchmal schrieben nur Gruden und Allen, hin und wieder waren es Gruppen-Mails an mehrere Empfänger. Zum Verhängnis wurde Gruden, der einen privaten E-Mail-Account verwendete, dass er die Botschaften an Adressen der NFL verschickte - Allen wurde 2019 entlassen. Das Wall Street Journal veröffentlichte am vergangenen Freitag diese erste Mail über Smith, die New York Times später die anderen.

Gruden schrieb zum Beispiel an Allen, dass er doch Buccaneers-Besitzer Bryan Glazer mitteilen möge, dass der ihm einen blasen soll. Die Antwort von Allen: "Der wird das Angebot annehmen". Er machte sich lustig über die Geschlechtsumwandlung von Zehnkampf-Olympiasieger Bruce Jenner in Caitlyn, und er kritisierte ein Gesetz, das den Washington-Spitznamen, von dem sich zahlreiche Ureinwohner Amerikas beleidigt fühlen, verbieten sollte. Als jemand ein sexistisches Meme zu einer Schiedsrichterin verschickte, schrieb Gruden sarkastisch über NFL-Chef Goodell: "Tolle Arbeit, Roger." Und als es um die Haltung der Liga zu Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt ging, Goodell wollte sie erlauben, schrieb Gruden: "Der muss sich in einem seiner Gehirnerschütterungs-Zelte verstecken."

Das sind so viele rassistische, homophobe und misogyne Beleidigungen, dass der größte Teppich der Welt nicht gereicht hätte. Nur ein paar Stunden später war Gruden nicht mehr Trainer der Raiders.

© SZ/sjo
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