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American Football:Flirt mit der Perfektion

Julian Edelman

Die New England Patriots feiern einen Touchdown beim Spiel gegen Cleveland am 27. Oktober.

(Foto: Steven Senne/AP)

Zur Halbzeit der NFL-Saison ist New England noch unbesiegt und visiert ein seltenes Ziel an.

"Ich sehe Geister", sagte ein junger New Yorker namens Sam vor knapp zwei Wochen live im US-Fernsehen. Für alle Cineasten, die schon ihr gönnerhaftes Trivial-Pursuit-Gesicht aufgesetzt haben: Nein, es lief nicht der Fantasy/Thriller/RomCom-Genre-Mix "Ghost - Nachricht von Sam", Patrick Swayze und Demi Moore töpferten auch nicht wild drauflos. Getätigt wurde die Aussage von einem verdrossenen jungen NFL-Quarterback, der ziemlich irdisch wirkte: Sam Darnold von den New York Jets fühlte sich beim Spiel gegen die New England Patriots von bösen Mächten verfolgt, sah Verteidiger, wo am Ende keine waren, und feuerte so gehetzt insgesamt vier Pässe in die Arme der Patriots-Defensive. Ein bisschen übernatürlich ist es schon, was die Patriots-Abteilung Punkteverhinderung derzeit abliefert und wie sie damit das Team und eine mittelmäßige Offensive um Quarterback Tom Brady durch eine bisher perfekte Saison trägt. Acht zu null Siege hat New England vor dem Spieltag an diesem Wochenende geliefert. Damit schob man sich automatisch mal wieder ganz oben auf die Liste der Meisterschaftsfavoriten, zusammen mit den ebenfalls unbesiegten San Francisco 49ers.

Dass die Patriots sehr gut sind, ist keine Überraschung. "Die hatte ich natürlich ganz stark als Super-Bowl-Kandidat auf dem Zettel, wie jedes Jahr", sagt zum Beispiel der deutsche Football-Experte Christoph Kröger, der einen Podcast moderiert. "Es war eigentlich klar, dass die Defensive zu den besten der Liga gehört, weil sie einfach auf jeder Position gut besetzt sind", sagt Kröger. Dass solche historischen Höhen erreicht würden, war so aber dennoch nicht abzusehen. In den USA werden gerade viele, viele alte Statistikzettel herausgekramt und Datenbanken mit Informationen gefüttert, um die Leistung einzuordnen. Am lustigsten klingt zum Beispiel, was die NBC-Redaktion vorrechnete: Hätten die Patriots keinen einzigen Punkt mit ihrer Offensive gemacht, dann hätten sie immer noch vier Spiele gewonnen, zweimal Unentschieden gespielt und nur zweimal verloren.

Innovative Abwehrformationen

Wie schafft die Truppe aus Boston diese außergewöhnliche Performance? "Die Patriots-Defense kommt natürlich über ihr defensives Schema", sagt Kröger. Ihr Trainer Bill Belichick gilt als defensives Superhirn, der so komplex aufstellt, dass die Gegner keinerlei Gewissheiten haben, wer wann wohin läuft. Das beginnt mit Bewegungen an der Line of Scrimmage, wo der Ball am Beginn des Spielzugs liegt: mit angetäuschten Rushes auf den gegnerischen Quarterbacks und Veränderungen in der Deckung selbst nach Beginn des Spielzuges. "Das ist unglaublich schwer zu lesen", sagt Kröger. Diese Komplexität an der Front wird durch die individuelle Qualität in der Passverteidigung ermöglicht, wo New England am liebsten Manndeckung spielt und den derzeit besten Passverteidiger der Liga hat, Stephon Gilmore. Das führt zu einer Menge abgefangener Pässe. "Du hast im Moment nahezu das perfekte Spielermaterial, um diese Defense zu spielen", meint Kröger.

Wo die Patriots sind, sind Sticheleien nicht weit. New England habe bisher fast nur gegen Graupen-Mannschaften und unerfahrene Quarterbacks gespielt, wird zum Beispiel genörgelt. Das stimmt einerseits, andererseits können auch die Patriots nichts dafür, dass sie zwei Opferlämmer wie die Jets und die Miami Dolphins in ihrer Division haben. In den nächsten fünf Wochen warten wehrhaftere Gegner wie Baltimore, Philadelphia oder Kansas City. Kröger zeigt sich deswegen auch wenig risikofreudig, was das Thema perfekte Saison angeht: "Wenn ich 1000 Euro auf Ja oder Nein setzen müsste, würde ich auf Nein setzen." 16:0 Siege sind eben ein ganz schöner Langstreckenlauf, bei dem alles passen muss.

Eine perfekte Saison - nur Siege in der regulären Saison - schafften bisher erst vier Teams: die Chicago Bears (1932 und 1942), 1972 die Miami Dolphins sowie 2007 New England selbst, damals schon mit dem ewigen Duo Belichick-Brady. 2007 war es vor allem die Offensive, die das große Orchester auffuhr. Die Erinnerung an jenes Jahr zeigt aber, dass der ganze Perfektionismus am Ende nichts wert sein kann: Im Super Bowl verloren die Patriots gegen die New York Giants, eine der größten Überraschungen der Football-Geschichte. Der Eintrag in die Geschichtsbücher sei "nice to have, aber das bringt dir am Ende gar nichts", sagt Kröger. Am Ende entscheidet in der NFL eben doch nur ein Spiel, ob die Saison perfekt war: Das letzte.

© SZ vom 03.11.2019

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