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American Football:Der Knallkopf ist zurück

Tom Brady, Rob Gronkowski

Doppelakt, demnächst auf neuer Bühne: Tom Brady (links) und Rob Gronkowski haben bei den Tampa Bay Buccaneers angeheuert.

(Foto: Charles Krupa/AP)

Rob Gronkowski tritt vom Rücktritt zurück und wechselt zu Tom Bradys neuem Klub: den Tampa Bay Buccaneers.

Wer Rob Gronkowski einmal getroffen hat, der weiß, dass er es nicht leiden kann, wenn ihn jemand "verrückt" nennt. Verrückt, teilt der Footballspieler dann mit, sei eine Bezeichnung für Langweiler, denen es peinlich sei, dass sie so langweilig sind. Er bevorzuge eher Begriffe wie "durchgeknallt" oder "wahnsinnig". Also dann: Der durchgeknallte Wahnsinnige ist zurück, er hat offenbar genug davon, beim Profi-Catchen aufzutreten; er siegte kürzlich bei Wrestlemania 36. Oder als Werbefigur für Marihuanaprodukte in Erscheinung zu treten. Gronkowski wird von den New England Patriots zu den Tampa Bay Buccaneers wechseln.

Es ist freilich kein Zufall, dass Spielmacher Tom Brady kürzlich die gleiche Wechselroute für sich selbst gewählt hat. Die beiden gewannen gemeinsam drei Mal den Super Bowl (2015, 2018 und 2019), Gronkowski galt bei den New England Patriots dabei als Beschützer und Passfänger als einer von Bradys engsten Vertrauten; nach dem letzten Sieg verkündete Gronkowski den Rücktritt: "Ich bin dankbar, dass die damals so einen Knallkopf wie mich genommen haben. Es ist nun an der Zeit für was Neues, wobei: ein Hoch darauf, dass ich keine Ahnung habe, was ich nun tun werde."

Viele hielten den Rücktrittszeitpunkt nach dem Super-Bowl-Triumph für angemessen, aber doch für verfrüht, denn bei allem Wahnsinn: Gronkowski ist einer der besten Tight Ends der Geschichte. Trotz schlimmer Verletzungen (Kreuzbandriss, Armbruch, Bandscheibenvorfall) dürfte er nun kurz vor seinem 31. Geburtstag keine Probleme haben, sich in Form zu bringen. "Ich fühle mich großartig und jeden Tag ein bisschen besser", sagte er kürzlich.

Gronkowski folgt also seinem Spielmacher ins sonnige Florida, die Buccaneers müssen dafür gerade mal die 139. Wahl bei der diesjährigen Talentbörse abgeben und bekommen dafür den 241. Pick von den Patriots, die trotz des Rücktritts die Rechte an Gronkowski hielten. Tampa Bay baut um Brady herum eine Offensive auf, und die Verantwortlichen der gegnerischen Verteidigungen dürften wohl jetzt schon grübeln, wie sie damit umgehen sollen: Denn der vermeintlich beste Spielmacher in der Geschichte der NFL hat nicht nur seinen alten Kumpel an seiner Seite, sondern zwei der besten Passempfänger der Liga: Mike Evans und Chris Godwin schafften in der vergangenen Spielzeit jeweils mehr als 1000 Yards Raumgewinn.

Seit Wochen wird spekuliert, ob Tampa Bay nicht auch Antonio Brown verpflichten könne, der vor allem wegen seiner Probleme abseits des Spielfeldes arbeitslos ist. Vor vier Wochen hatte Trainer Bruce Arians ein Engagement kategorisch ausgeschlossen: "Er passt nicht hierher." Doch zum einen hat Brown kürzlich einen neuen Berater verpflichtet, zum anderen werden die Spekulationen mit jedem Tag lauter, an dem Brown nicht irgendwo anders unterschreibt - und genau davon profitiert die US-Footballliga NFL.

Der Transfer zeigt, in welch außerordentlicher Lage sich die NFL derzeit befindet. Es würde nun ohnehin kein Football gespielt werden (die Saison dauert von September bis Februar), doch es findet wegen der Corona-Pandemie - abgesehen von Baseball in Südkorea oder Tischtennis in Armenien - nirgends Spielsport von Bedeutung statt. Die Liga hat sich seit Jahren, um auch in den Monaten ohne Livefootball im Gespräch zu bleiben, allerhand ausgedacht, und das zahlt sich nun aus.

Die Leute debattieren über Wechsel wie die von Gronkowski und Brady nach Tampa Bay - und spekulieren gleichzeitig, was denn nun aus Jameis Winston und O. J. Howard wird, die davor das Quarterback-Tight-End-Duo bei den Buccaneers gewesen sind. Es gibt neue Verträge wie jenen von Christian McCaffrey bei den Carolina Panthers, der mit einem Gehalt von 64 Millionen Dollar über vier Spielzeiten zum bestbezahlten Running Back wird. Und von Freitag an steht die Talentbörse im Fokus, bei der Vereine aus einem Pool von Nachwuchsspielern ihre künftigen Kaderspieler wählen. Diesmal übers Internet, was zusätzliche Dramen verspricht.

Brady und Gronkowski dürften ihren Spaß haben in Tampa Bay. Trainer Arians gilt anders als der oft grummelige, auf die Defensive fokussierte Patriots-Coach Bill Belichick als lockerer Typ mit Faible für ausgefallene Hüte, kreative Schimpfwörter und wahnwitzige Offensivspielzüge. Die Buccaneers werden Brady 60 Millionen Dollar für zwei Spielzeiten zahlen, sie übernehmen den Vertrag von Gronkowski, der ihm kommende Saison neun Millionen Dollar garantiert, über Boni könnten eine Million Dollar hinzukommen. Der größte Anteil wäre dabei der Sieg im Super Bowl, und der wird, so durchgeknallt ist das manchmal, am Ende der kommenden Spielzeit im Stadion der Buccaneers ausgetragen.

© SZ vom 23.04.2020

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