America's Cup:Der Mann, der das Meer lesen kann

  • Der Sieg im America's Cup hat in Neuseeland einen kollektiven Ausnahmezustand ausgelöst. Vor allem der Steuermann Peter Burling verzückt die ganze Nation.
  • Sogar der Premierminister sitzt vor dem Fernseher und erlebt den Sieg gegen die USA mit geballten Fäusten mit.
  • Burling gilt als Genie auf dem Wasser und hat zuletzt alles gewonnen, was man im Segeln gewinnen kann.

Von Thomas Gröbner

Seltsames trägt sich dieser Tage in Neuseeland zu. Im Frühstücksfernsehen laufen die Moderatoren in roten Strümpfen herum, Minister und Busfahrer präsentieren grellrote Socken, und der Premierminister Bill English lässt sich mit geballten Fäusten vorm TV ablichten. Ausgelöst hatte diesen kollektiven Ausnahmezustand ein junger Mann, Peter Burling, der einer segelverrückten Nation ihren Stolz zurückgegeben hat.

Der 26-jährige Junge mit vielen strahlenden Zähnen hat den Favoriten "Pitbull" Jimmy Spithill und das US-Team Oracle bezwungen und den America's Cup gewonnen. Niemals siegte ein jüngerer Steuermann beim America's Cup, selten hat ein Herausforderer den Titelverteidiger so dominiert. Auch das dürfte die Herren und Damen im Frühstücksfernsehen freuen - Burling nahm Revanche für die Niederlage 2013, als Neuseeland gegen Oracle eine 8:1-Führung verspielt hatte und den Amerikanern eine der größten Aufholjagden der Sportgeschichte gewährte.

Um die größte Schmach in der Segelgeschichte der Neuseeländer auszuwetzen, schickten sie Peter Burling, den sie "Pistol" nennen und kramten wieder die roten Socken aus den Schränken. Die gelten seit mehr als zwanzig Jahren als Glücksbringer, seit das neuseeländische Team auf der Black Magic 1995 mit ihnen die USA schlug.

Burling ersetzte Dean Barker, der nach seiner Niederlage 2013 davongejagt wurde. Barker heuerte bei Team Japan an, aber ein ernsthafter Herausforderer war er nicht. Spätestens im Finale war vergessen, dass er überhaupt dabei war.

Stattdessen dominiert nun Burling das Segeln wie kein anderer, mit einer Art und Weise, die die Konkurrenz schockierte und die Kiwis begeisterte. 7:1 stand es am Ende, obwohl die US-Amerikaner das Reglement so gedehnt hatten, dass alle Vorteile auf ihrer Seite lagen und sie mit einem Bonus-Punkt ins Rennen gingen. Doch das Finale geriet zur Demütigung für Oracle und Jimmy Spithill. "Das ist der beste Segler der Welt, kein Zweifel", musste der Unterlegene Spithill anerkennen und rang sich sogar eine kurze Umarmung mit Peter Burling ab.

In keinem der Duelle hat Burling sich einen Fehler erlaubt, vor allem während der Startphase zeigte sich seine taktische Überlegenheit. Oft war das Rennen bereits nach wenigen Meter entschieden.

Seit seiner Silbermedaille bei den Spielen in London 2012 hat Burling nun alle 28 bedeutsamen Regatten gewonnen, an denen er teilgenommen hat. In Rio trug Burling die neuseeländische Flagge ins Stadion, danach gewann er Gold. Mit dem Sieg bei der ältesten Segeltrophäe der Welt krönte er seine noch junge Karriere.

Seine Liebe zum Zweikampf hat aus Peter Burling den perfekten Duell-Segler geformt. Schon im Tauranga Boys' College, Klasse 2008, raufte er Jahr um Jahr mit seinem Klassenkameraden und Schulsprecher Kane Williamson um den Titel des besten Sportlers der Schule. Aus diesem Zweikampf wuchsen zwei der besten Sportler Neuseelands: Kane Williamson ist heute Kapitän der Cricket-Nationalmannschaft, der Black Caps, und einer der besten Schlagmänner der Welt.

Als Kind machte er aus allem einen Wettbewerb

Schon als Kind machte Burling aus allem einen Wettbewerb, egal ob beim Segeln oder beim Spazierengehen. "Aber er hat dir nie ins Gesicht gelacht und gesagt 'Ich hab dich geschlagen'. Er hatte einfach nur ein Lächeln im Gesicht, wenn er gewonnen hatte", hat jüngst Gary Smith erzählt, bei dessen Segelclub Burling als Kind ins Boot stieg. Er habe eine besondere Gabe, das Meer zu lesen, fügte Smith hinzu: "Er schaute auf die gleichen Wellen wir, und doch sieht er dort etwas anderes".

Egal, wie der America's Cup in Zukunft aussehen wird, ob es weiter eine Materialschlacht gibt oder es zurück zu traditionellen Booten mit nur einem Rumpf geht - Neuseeland wird dabei Favorit sein. Denn über Peter Burling heißt es, er könne in eine Nussschale springen, und darin Gold gewinnen.

© sz.de/schma
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