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Amateursport:Vereine ohne Perspektive

Marcel Gessel (1. FC Bruchsal 1899) foult Gentian Lekaj (Goeppinger SV), 1. FC Bruchsal vs. 1. Goeppinger SV, 2. Spielta

"Warum dies so ist? Wir können es nicht sagen!" - In Württemberg, hier am Wochenende in der Oberliga beim Spiel des FC Bruchsal gegen den Göppinger SV, dürfen Zuschauer auf den Sportplatz - in Bayern nicht.

(Foto: Memmler / Eibner / imago)

Der Wettkampfspielbetrieb in Kontaktsportarten bleibt in Bayern untersagt. Der BFV befragt die Fußballklubs, ob er juristisch dagegen vorgehen soll.

Von Christian Bernhard

Lange Zeit hat es zwischen dem Bayerische Fußball-Verband (BFV) und der bayerischen Staatsregierung gebrodelt, nun droht ein Vulkanausbruch. Nachdem der Ministerrat am Dienstag die zentralen Regelungen der aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen bis zum 18. September verlängert hatte und damit weder die Freigabe von Zuschauern noch die grundsätzliche Freigabe des Wettkampfspielbetriebs erfolgt war, verkündete der BFV am Mittwoch, dass er seine rund 4500 Mitgliedsvereine darüber abstimmen lassen will, ob gegen diese Entscheidung der Rechtsweg beschritten und Klage erhoben werden soll.

Die vom Verband betrauten Fachanwälte seien der Meinung, "dass eine Klage gegen die Ungleichbehandlung des Amateurfußballs durch die Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung gute Erfolgsaussichten hätte", erklärte BFV-Präsident Rainer Koch. "Es ist für die meisten nicht nachvollziehbar, dass wir aktuell den Spielbetrieb nicht starten können, obwohl die Staatsregierung es längst wieder erlaubt, beispielsweise Konzerte oder Gottesdienste unter freiem Himmel zu veranstalten und dabei sogar bis zu 400 Zuschauer zugelassen sind. Nur ein paar Kilometer weiter in unseren Nachbarbundesländern wird längst wieder vor einer begrenzten Anzahl an Zuschauern gespielt", schreibt Koch in seinem Brief an die Vereine. "Warum dies so ist? Wir können es nicht sagen! Denn diese Antwort bleibt uns und Euch die Politik nach wie vor schuldig." Die Vereine haben bis Montag Zeit, an der Befragung teilzunehmen, der Verband will die Ergebnisse noch vor der nächsten Sitzung des Ministerrats am Dienstag auswerten und veröffentlichen.

Dem bayerischen Amateurfußball fehle "weiterhin jedwede Perspektive", teilte der BFV mit, "allmählich nehmen auch die Auswirkungen nicht nur in wirtschaftlicher Sicht höchst besorgniserregende Formen an". Den Vereinen würden speziell in den jüngsten Jahrgängen immer mehr Kinder wegbrechen, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum seien es etwa bei den F-Junioren nahezu 20 Prozent weniger: "Tendenz steigend." Der BFV rechnet damit, dass in den nächsten zwei Wochen keine weiteren Lockerungen beschlossen werden, was Amateurfußball in Bayern im Monat September "unmöglich" mache.

Für die Vereine bleibt die Situation schwierig - selbst wenn demnächst eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs ohne Zuschauer genehmigt werden würde. "Wenn wir nur ohne Zuschauer spielen könnten, macht es für uns keinen Sinn. Dann zahlen wir drauf", sagt Thomas Reinhardt, Sportlicher Leiter des Regionalligisten FC Memmingen. Ein Heimspiel ohne Zuschauer würde den Verein, der rund 450 Dauerkarten verkauft hat, einige tausend Euro kosten. Für Manfred Fleckenstein, Finanzvorstand beim Ligakonkurrenten Viktoria Aschaffenburg, ist die Situation "mittlerweile unerträglich und nimmt langsam skurrile Formen an". Er unterstützt alle Bemühungen, so schnell wie möglich wieder den Spielbetrieb aufzunehmen, "auch den Gerichtsweg als ultima ratio". Für Fleckenstein kämen "vorübergehend" auch Spiele ohne Zuschauer in Frage: "Dann müssten wir eben kreativ sein. Wenn die Zuschauer nicht zu uns kommen können, müssen wir eben zu ihnen", sagt er und denkt dabei etwa an kostenpflichtige Livestream-Übertragungen, über die man zumindest für eine gewisse Phase Mindesteinnahmen generieren könnte. Ligakollege 1. FC Schweinfurt 05 hat zudem einen Eilantrag gegen das Zuschauerverbot beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in München gestellt: "Zugeschaut haben die Vereine lange genug, nun geht es um Existenzen", sagte Geschäftsführer Markus Wolf.

Selbstverständlich sind auch andere Mannschaftskontaktsportarten vom Regierungsbeschluss betroffen. Robert Daumann, Sportreferent des Bayerischen Basketballverbandes (BBV), ist nicht gut auf die politische Entscheidung zu sprechen. "Für mich ist vieles nicht nachvollziehbar", betont er, "der Sport muss her, auch im Wettkampfbetrieb." Sein Verband habe ein Hygienerahmenkonzept vorgelegt, doch "es interessiert nicht", klagt er. Daumann sagt, er könne noch bis zum 18. September warten. Wenn dann immer noch keine Entscheidung getroffen sein sollte, wäre er gezwungen, den Saisonbeginn der bayerischen Ligen um einen Monat nach hinten zu schieben. Die meisten Ligen würden, Stand jetzt, im Oktober starten.

Im Eishockey hat die bayerische Verordnung sogar bundesweite Auswirkungen. Der Deutsche Eishockey Bund (DEB) sah sich gezwungen, den geplanten Saisonstart der höchsten Nachwuchsliga, der DNL U20 Division 1, vom 5./6. September auf den 26./27. September zu verlegen, da die bayerischen Teams vorerst nicht am Wettkampfbetrieb teilnehmen dürfen. "Wir haben beim DEB in politischer Richtung sehr viel gearbeitet und alles versucht, den avisierten Saisonstart der DNL 1 zu realisieren. Nun arbeiten wir intensiv daran, dass es Ende September losgehen kann", sagte Ligenleiter Markus Schubert.

Auch für Andreas Heßelmann, Jugend- und Spielbetriebs-Zuständiger im Bayerischen Handball-Verband (BHV), wäre eine weitere Verlängerung der Maßnahmen kritisch. Er berichtet zudem von einem Fall, der verdeutlicht, wie wackelig das aktuelle Konstrukt ist. Der Jugend-Bundesligist TSV Allach nahm kürzlich an einem Turnier im Ausland teil, wo Coronatests Teil des Hygieneprotokolls waren. Als dabei ein Allacher Spieler positiv getestet wurde, musste die gesamte Mannschaft für 14 Tage in Quarantäne. Davon sei auch die Männer-Mannschaft betroffen gewesen. Heßelmann fragt sich deshalb, inwieweit bei diesen Quarantäne-Vorgaben ein Spielbetrieb möglich ist: "Da fangen wir an, und nach zwei Wochen ist womöglich schon wieder Schluss." Spiele ohne Zuschauer wären laut Heßelmann in den unteren Ligen phasenweise denkbar, für Allach oder Zweitligist TuS Fürstenfeldbruck wäre eine solche Entscheidung hingegen "fatal, die haben mit dem Geld geplant". Ein großer Leidtragender der Ungewissheit ist auch hier der Jugendbereich. Heßelmann verweist darauf, dass man im Moment "auch keine Kinder für den Handball gewinnen kann".

© SZ vom 03.09.2020
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