Amateurfußball Turnier mit Erklärbedarf

Eine Auswahl aus Bayern vertritt Deutschland beim Regions' Cup.

Von Leon Wohlleben

Es gibt diese eine Aufzählung, von der dieser Tage auf dem Sportplatz des TSV Neustadt an der Donau andauernd die Rede ist: "Da ist die Fußball-EM, die Nations, Champions und Europa League, der Supercup und, na klar, eben der Regions' Cup." Spieler, Zuschauer, selbst die Funktionäre vor Ort sagen es wieder und wieder, und betonen dabei deutlich den letztgenannten Wettbewerb, als müssten sie sich wirklich noch einmal vergewissern: Ja, wir sind wirklich Teil eines der bedeutsamsten Turniere, einem der Prestigeobjekte der Uefa.

Seit vergangenem Samstag bereitet sich hier die Auswahl des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) vor. Sie sind ein Team aus Amateurfußballern aus allen Ecken Bayerns. Sie spielten in der vergangenen Saison maximal in der fünften Liga, haben noch nie ein A-Länderspiel bestritten und besitzen keinen Profi-Vertrag - so schreibt es die Uefa für die Teilnehmer des Regions' Cup vor, der offiziellen Europameisterschaft der Amateure. Die findet vom 18. Juni bis zum Finale am 26. Juni erstmals in Bayern statt.

In der vergangenen Saison maximal in der fünften Liga gespielt, nie ein A-Länderspiel bestritten und ohne Profi-Vertrag: David Bauer (links) vom Regionalliga-Aufsteiger TSV Rain am Lech erfüllt die Auswahl-Kriterien.

(Foto: Fabian Fruehwirth/oh)

Und die Uefa karrt dafür einiges an. 15 eigene Leute schickte der Dachverband nach Bayern, um die Organisation mitzuleiten. 330 Bälle wurden mit dem Logo des Cups bedruckt. Andererseits musste der BFV als Hauptveranstalter ebenso liefern. Die Fahrtwege zwischen der Unterkunft in Bad Gögging, den Spielstätten in Kelheim, Hankofen, Landshut, Neustadt und Burghausen sowie dem Flughafen bei München sind kurz. Die beiden Hotels der Spieler sind Besuch von Fußballern gewohnt; dort nächtigten und trainierten schon der FC Augsburg und Schachtjor Donezk. Schon vor vier Wochen mussten die fertigen Trikotsätze der Uefa zur Überprüfung vorgelegt werden, selbstverständlich nur aus dem allerfeinsten Polyester. Aber vor allem blickt der BFV zurück auf ein Jahr voller Aufklärungsarbeit.

"Wir mussten erst einmal allen Bayern- und Landesligaspielern erklären: Was ist denn dieser Wettbewerb überhaupt", sagt Turnierdirektor und BFV-Hauptabteilungsleiter Sport Felix Jäckle. "Keiner kannte ihn." Den Zuschlag, Deutschland beim Regions' Cup zu vertreten, bekam Bayern fast beiläufig durch einen Sieg bei einem nationalen Nachwuchs-Sichtungsturnier. Schnell musste sich ein Team für die Qualifikationsrunde im Herbst 2018 finden. Die Bewerberzahlen waren zunächst überschaubar; gerade die Vereine taten sich schwer, mitten in der Saison ihre Spieler einfach abzustellen. Doch dank zweier Siege gegen Mannschaften aus Malta und Serbien reichte es fürs Weiterkommen. Nun, für die Finalrunde, stellte man höhere Ansprüche ans Team, auf einigen Positionen musste noch nachgebessert werden. Also zog Auswahl-Trainer Engin Yanova, der auch die deutsche U19 als Co-Trainer betreut, mit seinem Team drei Monate lang durch Bayern, scoutete und ging direkt auf potenzielle Spieler zu. "Du kannst Europameister der Amateure werden", mehr brauchte Yanova meist nicht erklären, "das knallt, sowas ist eine einmalige Geschichte", sagt er rückblickend. Nur: nicht jeder Begeisterte bekam von seinem Arbeitgeber die sechs Urlaubstage für den Regions' Cup.

Die BFV-Auswahl

Tor: Dominic Dachs (SV Seligenporten), Lukas Trum (SV Egg an der Günz).

Abwehr: David Bauer (TSV Rain/Lech), Sebastian Gebhart (1860 München), Henri Koudossou (SV Pullach), Sebastian Marx (ATSV Erlangen), Alexander Weiser (TSV Dachau), Eduard Root (Jahn Regensburg), Niclas Staudt (Würzburger Kickers).

Mittelfeld: Sebastian Brey (TSV Dachau), Arif Ekin (1860 München), Michael Kraus (TSV Aubstadt), Johannes Müller (TSV Rain/Lech), Alexander Spitzer (1860 München), Masaaki Takahara (SV Türkgücü-Ataspor München).

Angriff: Franz Fischer (1. FC Garmisch-Partenkirchen), Sebastian Fries (Würzburger FV), Patrick Kroiß (SpVgg Ansbach), Philipp Nagengast (Jahn Forchheim), Ugur Türk (1860 München).

Da ist es gerade hilfreich, wenn man, wie Kapitän Michael Kraus vom Regionalliga-Aufsteiger TSV Aubstadt, in der elterlichen Zimmerei arbeitet. "Und weil mein Vater mich auch so bei jedem Auswärtsspiel begleitet, hat er sich auch gleich frei genommen", sagt er. Kraus ist 30, der Taktgeber im Team. Vor allem für die vielen jungen Spieler um die 20, die teils beim Regions' Cup auf sich aufmerksam machen wollen und es vielleicht doch noch in die Profikarriere schaffen. Allein vier Männer kommen aus der Reserve von 1860 München.

In erster Linie soll der Uefa Regions' Cup allerdings keine Bühne für verkannte Talente sein, sondern den Amateursport mit einer Quasi-vor-der-Haustür-Europameisterschaft feiern. Der BFV schlägt dafür seit langem die Werbetrommel: Zwei der drei Vorrundenspiele finden im Rahmen des Fußballfestes, der vielgefeierten Fußballiade, in Landshut statt. Als Turnierbotschafter hat sich der Verband den früheren HSV-Spieler Jimmy Hartwig geholt. Der durfte gleich mal öffentlichkeitswirksam in der Halbzeit des Champions-League-Achtelfinals zwischen dem FC Bayern und dem FC Liverpool die Gruppen auslosen. Hartwig zog die Ligue du Normandie (Frankreich), Istanbul (Türkei) und die West-Slowakei als die Gegner der Bayern-Auswahl.

Seit 1998 wird der Regions' Cup im Zwei-Jahres-Takt ausgetragen. Wie groß die Chance ist, dass eine deutsche Mannschaft erstmals den Titel holt, vermag selbst Trainer Yanova nicht einzuschätzen. Videomaterial hatte er bislang nur von einem Testspiel der Franzosen, doch auch die dürften wie alle anderen Teams bis kurz vor Turnierbeginn noch einiges an ihrem Kader und der Taktik verändert haben. Und vor allem, das betont Yanova: "Der Amateurfußball hat immer eine unberechenbare Komponente."