Alpin-WM in Schweden Bronze für 20 Sekunden

Nachdem sie im Team-Event mitten im Jubel zurückgestuft wurden, trösten sich die deutschen Slalomfahrer mit ihrer ansteigenden WM-Form. Doch sie müssen sich wieder umstellen: Das Wetter schlägt um - es taut.

Von Johannes Knuth, Are

Rudi Assauer, Gott hab' ihn selig, kann man ja leider nicht mehr fragen. Aber der langjährige Baron des Schalker Fußballs, der in der vergangenen Woche verstorben war, hätte bestimmt seine Sympathien übermittelt. Und dann hätte Assauer vielleicht noch eines dieser knackigen Rudi-Assauer-Bonmots angefügt: "Wenn der Ski-Gott gerecht wäre, wäre Deutschland jetzt Bronze-Gewinner im Teamwettbewerb." Und hätte Assauer gesehen, wie bedröppelt die deutschen Skirennfahrer am Dienstagabend im Zielraum von Are standen, dann hätte er vielleicht noch einen weiteren Klassiker bemüht: "Da herrschte schweigende Stille."

Gut, ganz so aufwühlend wie beim Schalker Vier-Minuten-Titel von 2001, als sie in Gelsenkirchen schon das Feuerwerk losließen, ehe Patrik Andersson die Bayern in Hamburg doch noch zum Titel schoss und Assauer dem Fußball-Gott deshalb grobe Unsportlichkeit unterstellte - ganz so bewegend war dieser vierte Platz der Deutschen bei der WM in Are wohl nicht. Wobei, ein bisschen Dramatik bot das Drehbuch schon. Die Auswahl des Deutschen Skiverbands war, als Außenseiter wohlgemerkt, bis ins kleine Finale vorgestoßen, dort hätte Linus Straßer den Italiener Alex Vinatzer im letzten Duell nur knapp bezwingen müssen - dem DSV wäre die erste Medaille in Are zugefallen. Und Straßer trat noch mal beherzt auf, er schüttelte erst eine Torfahne ab, die sich an seinem Anzug verheddert hatte, dann den Gegner.

Tiefpunkt für die Medaillenbemühungen des Deutschen Skiverbandes: Linus Straßer und die Deutschen sind nach dem Fehler seines Parallel-Duellgegners Alex Vinatzer eigentlich schon Bronze-Gewinner. Doch Straßer wurde disqualifiziert, er hatte im Schlussspurt an einem Tor eingefädelt.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Straßers Teamkollegen, die im Zielraum warteten, hatten allerdings schon so ein ungutes Gefühl, irgendetwas hatte nicht gepasst bei dieser Fahrt. Dann das erleichternde Urteil auf der Anzeigetafel: Bronze für Deutschland! Erste Gratulationen wurden ausgetauscht - bis es sich die Tafel plötzlich anders überlegte. Bronze für Italien. Aber spontane Dienstagsdemonstrationen gegen das Verdikt blieben aus, eine flink eingespielte Wiederholung zeigte, dass Straßer ein Tor nur Zentimeter zu weit links passiert hatte. Der rund 20-sekündige Medaillengewinn war per Videobeweis zerbröselt, das hatte es in der Historie von 45 alpinen Ski-Weltmeisterschaften wohl auch noch nicht häufig gegeben. "Vierter", urteilte Straßer stellvertretend, das fühle sich doch "ziemlich kacke" an.

Das Unterfangen, Form und Laune für die letzten vier Rennen dieser WM aufzufrischen, reifte am Dienstag also bestenfalls zur Hälfte. Dabei hatte das Projekt stimmig begonnen. Die Vorgesetzten im DSV hatten die vier Stammplätze, um die sich in den Jahren davor oft viele Fahrer gebalgt hatten, an vier Spezialisten für das Parallelformat vergeben: Straßer und WM-Debütant Anton Tremmel würden die Duelle bei den Männern fahren, Dürr und Geiger bei den Frauen. Großbritannien leistete beim 3:1 nicht viel Widerstand, Straßer beschaffte im Viertelfinale gegen Frankreich den entscheidenden Sieg gegen Clement Noël, die Slalom-Entdeckung des bisherigen Winters, Tremmel und Dürr stellten im Halbfinale gegen die Schweiz sogar eine 2:1-Führung her. Dann unterlief Straßer gegen den starken Ramon Zenhäusern ein Patzer im oberen Teil. "Ich muss da einfach mein letztes Hemd riskieren", reklamierte der 26-Jährige zurecht, Ähnliches galt für sein Malheur im kleinen Finale. Am Ende blieb den Deutschen bloß die Erkenntnis, dass sie wieder alles probiert, sich wieder ansprechend präsentiert hatten - und wieder nur die Rolle der knapp Geschlagenen bei dieser WM für sie übrig geblieben war, wie im Super-G für Viktoria Rebensburg und Josef Ferstl.

Im Ziel jubeln zuletzt die Italiener auf dem Podest, die Deutschen schauen nur zu.

(Foto: Denis Balibouse/Reuters)

Was am Dienstag noch möglich gewesen wäre, zeigte das Team-Finale, in dem die Schweizer auch die Österreicher bezwangen. Die Skination wartet in Are also weiter auf ihre erste Goldmedaille; die österreichischen Reporter fingen zuletzt schon mal damit an, in den Archiven die bislang letzte Ski-WM ohne Hauptgewinn ausfindig zu machen (Crans-Montana 1987, Anm.). Und am Mittwoch kam dann auch noch die Meldung, dass Marcel Hirscher erkältet in Are eingetroffen war; der auch in diesem Winter überragende Skirennfahrer gilt für den Riesenslalom am Freitag und den Slalom am Sonntag als größte Hoffnung der Österreicher.

Die Deutschen? Geiger und vor allem Dürr, die zuletzt im Slalom arg geschwächelt hatte, konnten nach ihren guten Leistungen am Dienstag zumindest "positiv" auf den Spezialslalom am Samstag blicken. Auch wenn dieser mit dem Parallelformat nur entfernt verwandt ist. Straßer war schon nach seinem fünften Platz in der Kombination zufrieden gestimmt: Das Training und das Rennen in der Abfahrt habe ihm "ganz andere Gedanken im Kopf" verschafft, so sei ihm auch der Slalom, in dem er im bisherigen Winter völlig verkrampft aufgetreten war, wieder leichter von der Hand gegangen. Am Donnerstag ist aber erst einmal Viktoria Rebensburg im Einsatz, im Riesenslalom der Frauen, es ist ihre letzte Chance in Are. "Zu den allergrößten Favoriten gehöre ich nicht", sagte die 29-Jährige zuletzt, in diesem Winter war sie im besten Fall zwei Mal Zweite geworden, bei der Generalprobe in Maribor schied sie aus. Aber: "Ich weiß, was ich kann", sagte Rebensburg. Und bei Großanlässen war das oft eine ganze Menge. Stefan Luitz wird nach überstandener Schulterluxation dann wohl nur den Riesenslalom am Freitag bestreiten, Felix Neureuther nach überstandener Erkältung ganz bestimmt nur den Slalom am Sonntag.

Kombination bleibt vorerst

Bei alpinen Ski-Weltmeisterschaften wird es vorerst weiter einen Kombinationswettbewerb geben, dazu wird ein Einzel-Parallel-Rennen für Männer und Frauen eingeführt. Dies entschied das Council des Ski-Weltverbandes Fis am Rande der WM 2019 in Are. Es wandte sich damit gegen die Empfehlung seines alpinen Exekutivkomitees. Dieses hatte vorgeschlagen, die Kombination bei Weltmeisterschaften, im Weltcup und bei Olympischen Spielen zu streichen und durch Parallel-Rennen zu ersetzen. Nun wird mindestens bei der WM 2021 in Cortina d'Ampezzo noch eine Kombination ausgetragen. Somit erhöht sich inklusive der neu eingeführten Parallel-Rennen die Anzahl der Wettbewerbe von elf auf 13. Bei den Spielen 2022 in Peking soll es nicht zuletzt auf Wunsch des Internationalen Olympischen Komitees ein Einzel-Rennen im Parallel-Modus geben. SID

Wobei dann nicht nur die Form, sondern auch das Wetter eine Rolle spielen wird. Am Mittwoch regnete und taute es mächtig in Are, am Donnerstag soll es noch wärmer werden. "Was wir im Vorfeld getestet haben", sagte Luitz, "muss man eh wieder über den Haufen schmeißen."