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·:Alles Zufall

Das Glück entscheidet mehr als gedacht. Spieler, Trainer und Zuschauer sollten sich vor allem bei dieser WM darauf einstellen.

Tobias Hürter

Die Annalen des Fußballs führen Naohiro Takahara als Schützen des zweiten Tores der japanischen Fußball-Nationalmannschaft im Testspiel gegen Deutschland vergangene Woche in Leverkusen. In der Statistik von Martin Lames ist das Tor anders vermerkt: "Vom Pfosten ins Netz, ein typischer Zufallstreffer", sagt er: "Hätte Takahara den Ball nur ein bisschen anders getroffen, wäre er danebengegangen."

Alles Zufall

Glück? Können? Das dritte Tor im WM-Finale 1966.

(Foto: Foto: dpa)

Lames ist Sportwissenschaftler an der Universität Augsburg. Mit seinen Studenten hat er den Zufall auf dem Fußballfeld untersucht - und als heimlichen Torschützenkönig erkannt. Zwei Fünftel aller Tore sind demnach Zufallstreffer, sind also nicht planvoll herausgespielt. "Die Unwägbarkeit hat Bedeutung für Strategie und Trainingsmethodik", sagt Lames, "und für die Zuschauer, wenn sie Spiele bewerten." Er fordert deshalb "eine neue Fußballphilosophie": "Wir müssen Zufall als wesentliches Element des Spiels akzeptieren."

Zahlreiche Komponenten

Die Zufallsforschung fand hauptsächlich vor dem Fernseher statt: Lames und seine Mitarbeiter sichteten ein Vierteljahr der Eurosport-Sendung "Eurogoals", die wöchentlich von den europäischen Erstligisten berichtet, und zwar ausführlich genug, dass Lames "nach eingehender Prüfung" eine verzerrende Vorselektion ausschließt. Schließlich hatten die Sportwissenschaftler 638 Treffer gesehen, die sie nach "zufällig" oder "nicht zufällig" kategorisierten. Die Kriterien dafür hatten sie vorher festgelegt:

•Der Schuss wurde abgefälscht.

•Der Ball prallte unkontrolliert von der Eckfahne, dem Torgestänge oder einem Spieler zu den Angreifern.

•Der Ball ging von Pfosten oder Latte ins Netz.

•Der Ball ging trotz einer starken Berührung durch den Torwart ins Netz.

•Das Tor fiel durch Weitschuss unter günstigen Umständen - etwa mit Sichtbehinderung des Torwarts, Aufsetzer oder Flatterball.

•Die Abwehr half unfreiwillig mit, indem sie den Ball an die Angreifer verlor oder selbst ins Tor schob.

Auf stattliche 38,9 Prozent der analysierten Tore traf mindestens eines der sechs Merkmale zu. Lames ist nicht überrascht. Das liege in der Natur des Fußballs, diagnostiziert er. Weil nämlich ein Fußball nicht mit der Hand geführt und geworfen, sondern mit Fußstößen fortgetrieben wird, gehe er leichter verloren: "Eigentlich kann man im Fußball gar nicht von Ballbesitz sprechen", sagt der Sportwissenschaftler. Zudem kommen spielentscheidende Ereignisse im Fußball viel seltener vor als beispielsweise im Basketball, wo der Ball alle Augenblicke im Korb landet. Je weniger Treffer fallen, desto eher entscheidet ein Zufallstreffer das Spiel.

"Ohne Störungen wäre jedes Spiel langeweilig"

Die Bedeutung des Zufalls in anderen Spielsportarten ließe sich prinzipiell auf gleiche Weise erfassen. Lames denkt an solche Vergleichsstudien, hat jedoch noch keine realisiert. Schon jetzt wagt er die Vorhersage: "Der Zufallsanteil in anderen Sportarten ist geringer." Eine Studie aus den USA stützt Lames' Vermutung, dass Fußball ein besonders launisches Spiel ist. Der Physiker Eli Ben-Naim und seine Kollegen vom Los Alamos National Laboratory und der Universität Boston wollten wissen, welches Ballspiel die spannendsten Kämpfe bietet. Dazu analysierten sie die Ergebnisse von mehr als 300000 Eishockey-, Baseball-, Fußball-, Football- und Basketballspielen aus den englischen und amerikanischen Ligen seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert und verglichen die Disziplinen nach ihrer Störungshäufigkeit, also dem Anteil der Spiele, in denen jene Mannschaft gewinnt, die - gemessen an ihren früheren Resultaten - eigentlich unterlegen sein müsste.

"Ohne Störungen wäre jedes Spiel vorhersagbar, folglich langweilig", sagt Ben-Naim. So gesehen, ist Fußball mit 45,2 Prozent Störungshäufigkeit das spannendste Spiel, gefolgt von Baseball (44,1 Prozent). Eishockey liegt mit 41,5 Prozent in der Mitte, Basketball (36,5 Prozent) und American Football (36,4 Prozent) sind vergleichsweise wenig spannend. Allerdings ging die Störungshäufigkeit beim Fußball in den vergangenen Jahrzehnten zurück - während Baseball und Football spannender wurden.

Auch Martin Lames hat registriert, dass das Überraschungsmoment im Fußball von hohem Niveau aus zurückgeht. Schon 1994, 1999 und 2004 hatte er Zufallstore gezählt und war sogar auf Quoten von bis zu 48 Prozent gekommen.

Woher der Trend kommt, sah er, als er die Zahlen nach den einzelnen Zufallsmerkmalen aufschlüsselte: Während die Anteile der ersten fünf Merkmale ungefähr gleich blieben ("Naturkonstanten des Fußballs" nennt sie Lames), ging die Häufigkeit von Toren nach unfreiwilligen Abwehr-Interaktionen von einst mehr als 20Prozent auf jetzt 14 Prozent zurück. Lames erklärt dies mit der Umstellung der Abwehrsysteme: "Viele Teams sind von der Manndeckung zur Raumdeckung übergegangen", beobachtet Lames, "die Viererketten stehen inzwischen so gut, dass sie die Angreifer kaum noch unterstützen." Solche Anzeichen für das Wechselwirken zwischen Zufall und Strategie fand er immer wieder - beispielsweise sind Zufallstore beim Stand von 0:0 besonders häufig. Dann spielen die Mannschaften noch streng nach System", sagt Lames, "es muss etwas Zufälliges passieren, damit ein Tor fällt."

Vom Fußballpublikum wünscht Lames sich, den Zufall als Zufall gelten zu lassen, statt jedes Resultat als Aussage über die sportliche Leistung zu werten: "Es ist eine Unsitte, nach jedem 1:0 die Sieger in den Himmel zu loben und die Verlierer niederzumachen." Spielern und Trainern rät er, die ihm gemessenen zwei Fünftel Zufallstrefferquote nicht einfach dem Schicksal zu überlassen, sondern den Umgang mit dem Unvorhersehbaren zu üben: "Bewusst offene Situationen herbeiführen, statt bis zum Umfallen schematische Spielzüge einstudieren", regt Lames an.

Als Vorbild könnten Spieler dienen, denen gemeinhin ein "Torriecher" nachgesagt wird. "Wenn Gerd Müller mal wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort stand", sagt Lames, "dann heißt das, er stand dort, wo der Ball durch Zufallsereignisse wie Abpraller hinkam." Was andere Spieler überraschte, darauf war Gerd Müller gefasst. "Man kann schwer in Worte fassen, was diesen Torinstinkt ausmacht", sagt Lames. Aber man kann ihn schärfen, indem man ihn auf dem Trainingsplatz immer wieder fordert.

Deutschland als Eckenweltmeister

Gerade bei der deutschen WM-Equipe sieht Lames noch Potenzial beim Zufallsmanagement. "Das Spiel der Deutschen beruht eher auf einstudierten Spielzügen", sagt Lames: "hoch auf Ballack oder Klose, Kopfball, Tor". Ganz anders der südamerikanische Stil: "Die Brasilianer stiften Unruhe im Strafraum und reagieren dann spontan", hat Lames beobachtet. Beide Spielweisen haben Vorzüge.

So zeigten die Deutschen beim jüngsten Testspiel gegen Kolumbien, wie man nach Schema zum Erfolg kommt: "Keines der drei Tore war ein Zufallstreffer", resümiert Lames. Während des Confed Cups 2005 konnte Lames die Stärke der deutschen Elf bei Standardsituationen messen. "Die Deutschen sind Eckenweltmeister", sagt er. Und zwar in Defensive und Offensive. Bei ihren eigenen Eckbällen konnten die Deutschen häufig gefährliche Torsituationen herbeiführen. Umgekehrt war der deutsche Torraum bei Ecken so sicher wie sonst kein anderer.

Die deutsche Elf ist also alles andere als ein Ensemble von Improvisateuren. Sie hat klar definierte Stärken, auf die sie sich besinnen kann. Und so ruht die Hoffnung der WM-Gastgeber auf jenem Drei-Fünftel-Anteil an Toren, der planvoll erzielt wird.

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