Die Beziehung zwischen Alexandra Popp und dem DFB-Pokal war noch nie gewöhnlich. Die Geschichte ging damit los, dass sie wenige Tage vor ihrem ersten Finale dieses Wettbewerbs die Champions League gewann, die damals noch Uefa Women’s Cup hieß. Popp war 18, ein aufstrebendes Talent, dessen Name die Runde machte. Olympique Lyon hatte angeklopft, aber Popp wollte lieber in der Nähe ihrer Heimat bleiben. Im Sommer 2008 hatte sie ihren ersten großen Vertrag beim FCR 2001 Duisburg unterzeichnet, Nationalspielerinnen wie Inka Grings und Simone Laudehr spielten dort, bei einem der besten deutschen Teams. Eine andere Zeit war das, als Vereine wie der 1. FC Saarbrücken oder Wattenscheid 09 noch eine Rolle spielten, der 1. FFC Turbine Potsdam die Meisterschaft gewann und am 30. Mai 2009 im Pokalfinale auf Duisburg traf. Die Pointe setzte Popp, mit dem 7:0 in der 90. Minute im Berliner Olympiastadion.
Wenn Alexandra Popp an diesem Donnerstag (16 Uhr, ZDF) den Platz im Kölner Stadtteil Müngersdorf betritt, wird sie gegen den FC Bayern ihr 14. Pokalfinale bestreiten. 13 davon hat sie gewonnen, so viele wie keine andere Spielerin. „Neben mir geschlafen hat er noch nie“, erzählte Popp mal. „Aber ich nenne ihn scherzhaft mein Baby, weil wir ihn schon so häufig gewonnen haben.“
2010 triumphierte sie erneut mit Duisburg, und dann immer und immer wieder mit dem VfL Wolfsburg, zu dem Popp zur Saison 2012/13 gewechselt war und direkt das Triple holte, was rückblickend wiederum ebenfalls die Ankündigung einer Erfolgsära sein sollte. 20 Titel haben eine der besten deutschen Offensivspielerinnen und einer der erfolgreichsten deutschen Vereine gemeinsam gewonnen, sieben Meisterschaften, zwei Triumphe in der Champions League und elf Pokalsiege. „Ich habe hier sehr wichtige Schritte gemacht, sportlich wie persönlich“, sagte Popp in einer Medienrunde. „Der VfL hat mich wachsen lassen.“
Nur wenige übertragen ihre Mentalität auf dem Platz in eine einschüchternde Ausstrahlung wie Alexandra Popp
Im Sommer aber zieht es sie zu Borussia Dortmund, für das wohl letzte Kapitel ihrer Karriere. Popp hätte bleiben und weiter international spielen können, der VfL hatte ihr einen „sehr guten Vertrag“ angeboten, daran lag es nicht. Aber dieser Schritt war nicht von sportlichem Ehrgeiz getrieben. Seit ihrer Kindheit ist sie BVB-Fan, das hat Popp nie verheimlicht. Aufgewachsen in Silschede bei Gevelsberg im südlichen Ruhrgebiet wäre der FC Schalke 04 die näherliegende Wahl gewesen, aber ihr älterer Bruder war BVB-Fan, also fand Popp Schwarz-Gelb auch besser als Königsblau. Nur: Eine Frauenabteilung hat Dortmund erst im September 2020 gegründet, und sich dann von der Kreisliga hochgearbeitet bis auf Platz zwei in der drittklassigen Regionalliga. Popp ist 35 Jahre alt, bis es der BVB in die Bundesliga schafft, wollte sie nicht warten: „Ich hatte einfach ein Stück weit Angst, diese Chance zu verpassen.“
Dieses Pokalfinale dürfte ihr letztes sein. Und es passt zur Laufbahn dieser Fußballerin, die diverse Verletzungen durchlitten und deshalb auch große Spiele verpasst hat, dass noch gar nicht so lange klar ist, ob Popp überhaupt rechtzeitig fit sein würde. Seit dem 21. März hat sie keine Partie mehr absolviert, Muskelfaserriss in der Wade, Reha statt Rasen. „Ich hatte auch so ein bisschen die Befürchtung, dass es vielleicht gar nicht mehr reicht“, hat Popp Ende April erzählt. „Aber das wurde mir zum Glück genommen. Von daher war ich froh, dass ich mir noch ein Ziel setzen konnte mit dem Pokalfinale.“ Beim Viertelfinale der Champions League gegen Lyon hatte sie schon ihren Abschied auf dieser Bühne verpasst. Und beinahe hätte Carl Zeiss Jena ihre Hoffnung auf ein Happy End im Pokal ruiniert. Der Bundesliga-Letzte zwang den Rekordsieger Wolfsburg im Halbfinale ins Elfmeterschießen. „Ich bin innerlich explodiert“, sagte Popp. Danach schluchzte sie unaufhörlich, als hätte sie schon die Trophäe in den Arm gedrückt bekommen, dabei war es das jüngste Kind ihrer früheren Mitspielerin Almuth Schult.

Am Wochenende stand Popp gegen den SC Freiburg zwar im Kader, aber nicht auf dem Platz. Das soll sich nun ändern. Nur wenige übertragen ihre Mentalität auf diese Weise in eine einschüchternde Ausstrahlung wie die 145-malige Nationalspielerin, als reiche die Wucht von Popps Fußball allein nicht aus. Vor ein paar Wochen hatte sie das Team zur Sicherheit schon mal auf ein Szenario ohne sie vorbereitet: „Es gab schon viele Spiele, wo die Mannschaft ohne Alex Popp Erfolge gefeiert hat, auch Pokalfinals.“ Aber sie könnte als Leitwölfin entscheidend sein gegen den FC Bayern, der mit dem zweiten Double nicht zuletzt die Enttäuschung über das Halbfinal-Aus in der Champions League gegen den FC Barcelona verarbeiten will. Das erste Double war dem Dauerrivalen aus München 2025 gelungen, nachdem der VfL überraschend im Viertelfinale gegen Hoffenheim ausgeschieden war. Damit endete die Wolfsburger Serie von 52 Pokalpartien ohne Niederlage.
Was ein Ausrutscher hätte sein können, steht vielmehr für einen Wandel. Nach all den umkämpften Jahren hat der FC Bayern die Machtverhältnisse verschoben. Der Kader ist der stärkste der Liga, die Meisterschaft haben die Münchnerinnen deutlich und zum vierten Mal in Serie gewonnen – und den VfL diese Saison in der Liga und im Supercup insgesamt dreimal besiegt. In Wolfsburg sind noch immer Alexandra Popp und Svenja Huth die herausragenden Anführerinnen, was zwar viel über diese Ausnahmekönnerinnen, aber eben auch über den verschärften Konkurrenzdruck aussagt. Umso wichtiger wäre es, sich mit einem Titel zurückzumelden, wie 2024, als dem VfL vermeintlich abgeschrieben der zehnte Pokalsieg nacheinander gelang.
Jede, sagte Popp, müsse in diesem Finale „gefühlt ihr Leben auf dem Platz lassen“. Ein Bundesligaspiel bleibt ihr dann noch, am Sonntag wird sie sich im großen Stadion aus Wolfsburg verabschieden. „Ich glaube, es wird irgendwie noch mal ein ganz anderes Leben“, sagte Alexandra Popp neulich. Sie zieht zurück in ihr Heimatdorf, in eine kleine Wohnung. Aber Platz für diese eine silberne Trophäe hätte sie natürlich noch.


