Tennis:"Das war bodenlos"

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Tennis: Nicht zum Anschauen: Alexander Zverev kann nicht glauben, was er da spielt.

Nicht zum Anschauen: Alexander Zverev kann nicht glauben, was er da spielt.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Alexander Zverev findet in München zwar den Spaß wieder, doch bei der klaren Niederlage gegen den jungen Dänen Holger Rune spielt er erschreckend schwach.

Von Gerald Kleffmann

Wer ist Holger Rune? "Ich bin ein glücklicher Junge, ich genieße das Leben", sagte Holger Rune, und holte dabei kaum Luft, um mit dem Grinsen eines Schelms zu ergänzen: "Aber auf dem Platz ändert sich das etwas. Immer wenn ich den Platz betrete, will ich gewinnen. Egal, gegen wen ich spiele und wo. Ich habe diesen inneren Kampfgeist in mir, der immer zum Vorschein kommt, wenn ich spiele. Ich mag das, es gibt mir das Adrenalin." Und wie sind die Chancen so, gegen Alexander Zverev, der ist ja immerhin die Nummer drei der Weltrangliste? "Es wird hoffentlich ein großartiges Match", sagte Holger Rune begeistert, diesmal glühten seine Augen, als wäre er sofort bereit, auf den Center Court der BMW Open zu marschieren. Das war am Dienstag. Am Mittwoch dann durfte er auf den Hauptplatz des ATP-Turniers im MTTC Iphitos, und falls sich einige der rund 2500 Zuschauer im Stadion auch gefragt haben sollten, wer dieser Holger Rune eigentlich ist: Nun wissen sie das auch, dass da ein neuer Jungspund auf der Tour unterwegs ist, der mit richtig viel Adrenalin agiert.

Eigentlich dachte man ja: War nicht gerade Zverev der 17-Jährige, der die älteren Profis herausfordert? Ach nein, war auch schon 2014, als dieser Schlaks damals mit den dünnen Beinen erstmals am Aumeisterweg am Rande des Englischen Gartens aufschlug und seinerzeit vom Österreicher Jürgen Melzer mit einer Million Stopps gedemütigt worden war. Längst freilich ist Zverev gestandener Profi, Olympiasieger, zweimaliger ATP-Weltmeister, die Zeit rast eben doch irgendwie, auch an diesem Tag wurde das sichtbar. Nur anders als erwartet.

Tennis: Sein erster Sieg gegen einen Top-Ten-Spieler: Holger Rune spielt schon ein sehr reifes, variantenreiches Tennis.

Sein erster Sieg gegen einen Top-Ten-Spieler: Holger Rune spielt schon ein sehr reifes, variantenreiches Tennis.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Plötzlich stand da ein neuer Teenie namens Rune, bartflaumige 18 erst, aus Kopenhagen, kräftige Oberschenkel, Kappe verkehrt herum, und reckte beide Arme um kurz vor 15 Uhr in die Höhe. 6:3, 6:2 hatte er Zverev besiegt, den zweimaligen Turniergewinner in München. "Ich habe so viel Respekt vor ihm", sagte Rune, der im Match selbst spielerisch weniger respektvoll aufgetreten war. Wie Melzer einst lockte er seinen Gegner immer wieder mit Stopps ans Netz, dann pfiffen die Bälle links und rechts vorbei am 25-jährigen Zverev. Für Rune, der seit Anfang 2021 von Rang 474 auf Rang 70 in der Weltrangliste nach oben schoss, geht die Aufstiegsgeschichte auch in München weiter, nach drei Niederlagen gegen Akteure aus den Top Ten hat er nun schon einen aus diesem elitären Zirkel bezwungen. Ein Problem nur könnte sich auftun für ihn: In München erhält der Champion traditionell ein Auto - und Rune hat noch keinen Führerschein. Er wolle ihn aber bald machen, hatte er auch versichert.

Zverev marschierte ziemlich ernüchtert vom Platz, dramatisch ist die Niederlage, die er selten in einer solchen Höhe kassiert hatte, indes eigentlich nicht, zumindest faktisch betrachtet. Er verliert kaum Punkte, da er im Vorjahr auch nur eine Runde weitergekommen war, als er im Viertelfinale ausschied. Kommende Woche geht es zudem in Madrid bereits weiter, dann in Rom, beide Masters-Turniere gewann er schon, und das Münchner Event ist ja vom Rang her in der kleinsten Kategorie der Tour (250er) angesiedelt. Doch Tennisspieler und gerade auch er leben vom Selbstvertrauen, vom Schwung des Erfolges, erst vor dem Turnierstart in München hatte Zverev, trotz seines wechselhaften Saisonstarts, betont: "Ich bin mit dem Gefühl hier, dass sich vieles ändern kann und ich das beste Jahr meines Lebens haben werde." Als er bei der Pressekonferenz am Mittwoch saß, glasiger Blick, das Kinn auf der Hand abgestützt, war von diesem Gefühl nichts mehr übrig.

"Ich habe hier schon in den letzten Tagen nicht so richtig meinen Rhythmus gefunden"

"Das war bodenlos. Ich war unglaublich nervös heute vor dem Match, das erste Mal wieder vor Publikum in Deutschland zu spielen seit drei Jahren", sagte er, "es tut mir leid für die Zuschauer, es tut mir leid für das Turnier." Er fand gar: "Das war wahrscheinlich das schlechteste Match, das ich gespielt habe in den letzten fünf, sechs, sieben Jahren." Eine leichte Erkältung wollte er nicht als Erklärung gelten lassen, "heute im Hauptfeld hätte ich gegen jeden einzelnen verloren", meinte er in schwerster Melancholie, wobei er Rune schon auch Tribut zollte für dessen gute Leistung. Doch den Fehler im System verortete er konsequent bei sich: "Ich habe hier schon in den letzten Tagen nicht so richtig meinen Rhythmus gefunden", befand Zverev weiter, und auch in diesem Punkt hatte er bedingungslos recht.

Zwar hatte er die Freude wiedergefunden auf dem Platz, offen hatte er ja eingeräumt, dass es ihn in den ersten drei Monaten phasenweise blockiert hatte, immer das Erreichen des ersten Weltranglistenplatzes in Sichtweite zu haben. "Ich habe mich extrem unter Druck und nicht frei gefühlt", gab er zu, "ich habe so viel Druck gehabt, dass ich teils keinen Spaß hatte." In München immerhin arbeitete er an diesem Defizit, er hatte durchaus auch fröhliche Einheiten, mit dem Georgier Nikolos Bassilaschwili und dem Norweger Casper Ruud, Freundin Sophia Thomalla saß meist auf der Bank (gerne mal telefonierend), und Lövik, der kleine Familienhund der Zverevs, düste über die rote Asche. Am Zaun schritt Sergi Bruguera derweil hin und her, der zweimalige French-Open-Sieger aus Spanien betreut Zverev neuerdings als Trainer. Das sah alles harmonisch aus. Doch was half das an diesem Mittwoch?

Und so hatte Zverev, der ja nach den Turbulenzen wegen seines Ausrasters in Acapulco auch ein wenig auf Wiedergutmachungstour ist und sich zu gerne in Deutschland gut präsentiert hätte, tatsächlich keinen Ansatz für eine tiefere Analyse seines ungewöhnlichen Scheiterns. "Wenn man jetzt eine Ausrede findet, ist man sicher nicht der schlaueste Mensch auf der Welt", gestand er und verabschiedete sich mit einem kurzen: "Tut mir leid."

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