Alexander Zverev:Sich selbst ausgeschaltet

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Der Deutsche offenbart nach dem Erstrunden-Aus, wie sehr ihm der rechtliche Streit mit seinem Ex-Manager zusetzt. Auch die Trainerkonstellation mit seinem Vater und Ivan Lendl wirft Fragen auf.

Von Barbara Klimke, London

Alexander Zverev: Im Netz der eigenen Erwartungen, Nöte und Frustrationen gefangen: Alexander Zverev verlässt die Bühne seiner nächsten großen Grand-Slam-Enttäuschung, dem Erstrunden-Aus gegen Jiri Vesely.

Im Netz der eigenen Erwartungen, Nöte und Frustrationen gefangen: Alexander Zverev verlässt die Bühne seiner nächsten großen Grand-Slam-Enttäuschung, dem Erstrunden-Aus gegen Jiri Vesely.

(Foto: Tim Ireland/AP)

Als er nach London kam, hat Alexander Zverev wie die meisten seiner jüngeren Kollegen die Grasnarbe als Herausforderung gesehen: die niedrigere Absprunghöhe der Bälle, die Umstellung der Taktik, die erforderliche Aggressivität im Spiel. Aber es ist nicht dem Wuchs der Halme zuzuschreiben, wenn eine Partie eine abrupte Wendung nimmt. Ein Tennismatch bei Profis wird im Kopf entschieden. Das hat Zverev nach seinem schnellen K.-o. auf dem Rasenplatz von Wimbledon selbst zugegeben. Viele Dinge hätten Einfluss auf den Ausgang eines Duells, sagte er: "Das Leben gehört dazu. Alles, was außerhalb des Courts passiert, beeinträchtigt einen Spieler."

Alexander Zverev war nach der Auftaktniederlage gegen den tschechischen Qualifikanten Jiri Vesely (6:4, 3:6, 2:6, 5:7) am Montagabend für seine Verhältnisse ungewöhnlich rasch im großen Interviewraum des All England Clubs erschienen. Als könne er es nicht abwarten, loszuwerden, was ihm auf der Seele brennt. "Mein Selbstvertrauen ist unter Null momentan", sagte er. Der Grund sei einfach zu benennen: Er habe in diesem Jahr einfach nicht genug Spiele gewonnen.

Tatsächlich ist die Saison für Zverev, den 22-jährigen Vorjahressieger des ATP-Finals, bisher in Schlangenlinien verlaufen. 38 Matches hat er gespielt, 25 davon gewonnen und 13 verloren, immerhin konnte er sich einen Titel beim kleineren Turnier Ende Mai in Genf erobern. Für einen Profi, der sich einen Namen als einer der Höchstbegabten auf der Tennistour gemacht hat und noch immer als Fünftbester der Welt rangiert, gilt das als eine durchschnittliche Bilanz. Aber dies ist nur ein Aspekt der Niederlage gegen den 25-jährigen Jiri Vesely in Wimbledon. Bedingt wurde Zverevs plötzlich auftretender Leistungs- und Konzentrationsabfall, der Mitte des zweiten Satzes im Auftaktmatch zu beobachten war, offenbar durch massive Störungen seiner inneren Ruhe und seines Gleichgewichts, deren Ursache in jenem Bereich zu suchen sind, die man bei Sportlern "das Umfeld" nennt.

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Einst Entdecker, Mentor und Manager, nun Gegenspieler: Der Chilene Patricio Apey, in London sesshaft, betreute Alexander Zverev seit dessen Jugendtagen.

(Foto: Hasenkopf/imago)

"Was hier gerade los ist, ist abartig", erklärte Zverev. Er dürfe "nichts Offizielles sagen", fügte er nebulös an. Aber er sei tief enttäuscht von einem Menschen, mit dem er in den vergangenen Jahren viel zu tun hatte, den er für einen Freund hielt und der nun versuche, "mein Leben so schwer wie möglich zu machen". Er hat den Streit mit seinem früheren Manager Patricio Apey nicht explizit angesprochen, auch den Namen nicht genannt, aber er dürfte mit Sicherheit Bezug auf eine juristische Auseinandersetzung genommen haben, die sich seit Monaten hinzieht und ihn zunehmend belastet. "Ich bin wütend", sagte Zverev.

Nach allem, was bekannt ist, war es Alexander Zverev, genannt Sascha, selbst, der die Zusammenarbeit mit seinem Management beendet hatte. Apey bestätigte dies am Dienstagabend der SZ in einer Mail. "Die einzige Person, die Saschas Leben erschwert, ist leider Sascha selbst", schreibt er. Zverev habe einen "kostspieligen, unnötigen und vollkommen ungerechtfertigten Rechtsstreit" gegen Apeys Managementfirma begonnen und "unverhohlen seinen rechtskräftigen Vertrag gebrochen, der mindestens bis 2023 gültig ist". Es wird bei der Auseinandersetzung vermutlich um eine Ablöse in Millionenhöhe gehen. Schon im März hatte der Manager mitgeteilt, dass ihn die Aufkündigung der Allianz enttäuscht habe - nicht nur wegen des "erstklassigen Managements", das seine Agentur dem Tennisspieler seit 2012 habe zuteilwerden lassen. Auch wegen der "substanziellen finanziellen und fürsorglichen Unterstützung", die Zverev "zur Förderung seiner Karriere und geschäftlichen Einkünfte" erhalten habe, seit er 15 Jahre alt war.

"Ich muss momentan ein Rechtsanwalt sein, ein Manager und alles andere auch noch."

Dass ein junger Mensch, der als Profisportler mit einem Tross Angestellter um den Globus jettet, Hotels und Flüge buchen muss und viele Medien- und Marketinganfragen zu erledigen hat, die ordnende Hand eines Managers benötigt, dürfte unbestritten sein. Zverev sind diese Aufgaben zuletzt anscheinend mitunter über den Kopf gewachsen, wie er beklagte. Zumal sein Vater, seit frühester Jugend sein Trainer, zuletzt seltener als früher an seiner Seite zu sehen war. Erst am Wochenende, so berichtete die britische Tageszeitung Daily Telegraph, habe Zverev bei der Interviewrunde durch die Fernsehstudios seine Situation folgendermaßen beschrieben. "Ich muss momentan ein Rechtsanwalt sein, ein Manager und alles andere auch noch." Als er im April beim Turnier in Barcelona spielte, habe er sogar seine Trainingszeiten selbst organisiert. "Ich bin ein großer Junge, ich schaffe das", wurde Zverev zitiert. Aber natürlich ist ihm aufgefallen, dass er der einzige der Top-Spieler ist, der sich im alltäglichem Kleinkram aufreibt, statt den Kopf fürs Tennis frei zu haben. Mit Folgen, wie Zverev anschaulich nach der Niederlage gegen Vesely beim Sender Sky erklärte: "Ich schalte mich selber aus. Ich fange sehr gut an, auf einmal passiert etwas. Dann fange ich an, viel schlechter zu spielen, bin unkonzentriert und denke über viel zu viel nach."

Anlässe zum Grübeln gibt es offenbar genug. Auch im privaten Bereich ist aufgefallen, wie sehr es hin und her geht. Lange hieß es, er sei von seiner Freundin getrennt, beim Turnier in Stuttgart saß diese wieder in der Box. Vater Alexander, wichtigste Bezugsperson in seiner Karriere und sonst immer dabei, fehlte damals, wie auch jetzt in Wimbledon, und dieser Umstand lenkt den Blick auf seine Trainersituation, die ihrerseits merkwürdig wirkt: Als der Vater Ende April zunächst nicht zum Münchner Turnier auftauchte, verriet Zverev, der Senior hätte gesundheitliche Probleme. Nun war die saloppe Begründung: Der Vater mache mal frei. In London wurde Alexander Zverev nun von Ivan Lendl begleitet, der früheren Nummer eins im Profitennis, der wiederum mit seinem sporadischen Erscheinen Fragen aufwirft. Wochenlang hieß es, eine Pollenallergie halte Lendl davon ab, zu den Sandplatzturnieren zu kommen. Das Tennis Magazin berichtete nun von einer Art Zerwürfnis zwischen Zverev senior und Lendl. Der prominente Trainer Lendl sei ihm zu teuer. Fragen zu alldem konnte Zverev nicht mehr beantworten. Er war ja weg.

So früh wie jetzt war er, seit er 2015 erstmals in Wimbledon antrat, noch nie im All England Club ausgeschieden. Noch ein Thema mehr zum Nachdenken für ihn.

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