Zverev bei den French Open:Nun wartet der "Kipchoge des Tennis"

Zverev bei den French Open: Nach der Niederlage von Jan-Lennard Struff nun der einzige Deutsche im Pariser Wettbewerb: Alexander Zverev.

Nach der Niederlage von Jan-Lennard Struff nun der einzige Deutsche im Pariser Wettbewerb: Alexander Zverev.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Alexander Zverev steht bei den French Open zum dritten Mal in seiner Karriere im Viertelfinale. Dort trifft er auf den 22-jährigen Spanier Alejandro Davidovich Fokina - einen Mann mit bemerkenswerten Fähigkeiten auf dem Platz.

Von Barbara Klimke

Alexander Zverev ist 24 Jahre jung, und damit alt genug, um seinen Gefühlen zu misstrauen, selbst den beflügelnden. Zum sechsten Mal ist er nun schon in der Sandplatzsaison nach Paris gepilgert, zum dritten Mal hat er sich in die zweite Turnierwoche durchgeschlagen. Häufiger ist das in den letzten 40 Jahren nur einem deutschen Kollegen, Boris Becker, gelungen. Als einen der Favoriten für die French Open will er sich trotzdem noch nicht bezeichnen lassen. Ob er nun ein Anwärter auf den Titel ist nach dem rasanten 6:4, 6:1, 6:1 über den Japaner Kei Nishikori, wurde er gefragt. Zverevs trockene Antwort: "Ich bin Viertelfinalist."

Diese Rolle behauptet er nun als Letzter aus dem schlaggewaltigen Kollegen-Quartett, nachdem am Montag auch Jan-Lennard Struff bei den French Open ausgeschieden ist. Struff, 31, verlor in drei hart umkämpften Sätzen 6:7 (9), 4:6, 5:7 gegen den Argentinier Diego Schwartzman, die Nummer zehn der Weltrangliste, und sicherlich wird er der Vielzahl von ungenutzten Chancen nachtrauern, die er sich erarbeitet hatte: Er führte im ersten Durchgang schon 5:1 und brachte seine sieben Satzbälle nicht über Linie. "Ich habe hier drei gute Matches gespielt", sagte er, "heute war ich leider nicht konstant genug."

Derartig unglücklich Momente hatte Zverev nicht zu beklagen; im Gegenteil, er entdeckte trotz seiner nüchternen Bestandsaufnahme eine Menge Lobenswertes in seinem eigenen Spiel. Bemerkenswert flink und leichtfüßig agierte er Sonntagnacht in seinem Platzviereck, er ratterte nicht mehr nur horizontal an der Grundlinie auf und ab wie eine gut geölte Pfaffnähmaschine, sondern war erstaunlich häufig auch in vertikaler Richtung unterwegs, mit kleinen Sprints zum Netz. Für einen so langen Kerl, 1,98 Meter, sei seine Reaktionszeit recht ordentlich, befand er: "Um ehrlich zu sein, bin ich nicht sicher, dass viele Leute meiner Größe sich schneller bewegen als ich." Was selbstverständlich auch eine Frage des Trainings ist. In aller Bescheidenheit lautete sein Wochenfazit deshalb: "Ich habe unglaublich gespielt heute", aber das Turnier sei noch nicht vorbei. "Ich hoffe, ich habe hier noch drei Spiele." Das Finale ist erst für kommenden Sonntag terminiert.

So war das Match gegen Nishikori, 31, der vor einigen Jahren noch zu den besten fünf Spielern der Welt gehörte, rasch analysiert, archiviert, gelocht und abgeheftet. Gegen den lange Zeit berühmtesten japanischen Tennisspieler, der sich gerade erst von einer Schulteroperation erholte, hat Zverev in den letzten Wochen bei drei Turnieren nacheinander gespielt. Er ließ dem Rivalen keine Möglichkeit, sein variables Spiel zu entfalten, und ging in den ersten beiden Sätzen schnell 3:0 in Führung. Nishikori, der alte Bekannte, hat womöglich noch nicht wieder zur stilistischen Bestform zurückgefunden nach der langen Leidenszeit - und der nächste Gegner, der Spanier Alejandro Davidovich Fokina, 22, ist zweifellos ein anderes Kaliber: ein Derwisch mit Tennisschläger.

2021 French Open - Day Eight

Der Marathonmann: Alejandro Davidovich Fokina, Spezialist für Daueraufträge auf dem Platz.

(Foto: Adam Pretty/Getty)

"Verrückt", so hat Zverev seinen ungesetzten Kollegen amüsiert charakterisiert. Das sei als Kompliment zu verstehen, versicherte er, weil die beiden erstens befreundet sind und Davidovich Fokina zweitens mit dem Racket und den Filzbällen unvorhersehbar Dinge "zu zaubern" verstehe. Allerdings ist der Spanier mit den russischen Vorfahren, der nun erstmals in Paris im Viertelfinale steht, nicht nur ein Magier auf dem Platz, sondern auch ein Marathonmann. Er hat bei Grand-Slam-Turnieren noch keines der Matches verloren, bei denen er über die volle Distanz gehen musste: Vier Mal schlug er sich durch fünf Sätze, zweimal allein in der vergangenen Woche, gegen den Holländer Botic Van de Zandschulp und den Norweger Casper Ruud, den er erst im letzten Durchgang 7:5 niederrang. Allein diesen beiden Partien stand er insgesamt länger als acht Stunden auf dem Platz; am Sonntag, gegen den Argentinier Federico Delbonis (6:4, 6:4, 4:6, 6:4), waren es immerhin nur dreieinhalb.

Fokina trainiert mit einem Leichtathletik-Weltmeister

Dass man mehrere Runden bis zum entscheidenden Hieb durch den Ring tänzeln muss, hat Davidovich Fokina möglicherweise von seinem Vater, einem früheren Boxer, gelernt. Seinem Konditionsberater, dem spanischen Ausdauerläufer Martín Fiz, verdankt er wichtige Hinweise über Durchhaltequalitäten: Fiz war 1994 Europameister im Marathon, 1995 Weltmeister. Im vergangenen Jahr hat ihn der Trainer von Alejandro Davidovich Fokina, Jorge Aguirre, als Experten gewinnen können. Sie arbeiteten in der spielfreien Zeit miteinander, und seitdem profitiert der Tennisspieler auch von den mentalen Ratschlägen, die ihm der Leichtathletik-Weltmeister regelmäßig übermittelt. Fiz lobte seinen jungen Laufschüler bereits als einen "wahren Marathonmann", laut der Website der ATP-Tour nannte er ihn gar den "Eliud Kipchoge des Tennis".

Auch Alexander Zverev hat mit seinem Fitnesscoach Jaz Green seit Jahren in Schwerarbeit seine Kraft- und Ausdauerwerte verbessert. Er ist sogar in acht von neun Fünfsatzpartien als Sieger vom Platz gegangen, nur eines hat er verloren, das wichtigste von allen: das US-Open-Finale gegen den Österreicher Dominic Thiem im vergangenen Jahr. Zverev ist zuversichtlich, auch das nächste Marathon-Duell ohne akute Ermüdungserscheinungen zu überstehen. Der Schlagabtausch wird generell eher schwieriger in der zweiten Turnierwoche, auch das hat er gelernt. Insofern war er recht froh, dass er den Japaner Nishikori im Schnelldurchgang abgefertigt hatte.

© SZ/schm/cch
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