Süddeutsche Zeitung

Alexander Zverev bei den US Open:Herausragender Verlierer

Nach der Niederlage gegen Novak Djokovic beginnen wieder Debatten über Alexander Zverev: noch immer kein Grand-Slam-Triumph, noch immer kein Sieg gegen einen Top-Ten-Spieler bei Best-of-5-Duellen. Das ist Unsinn, dem Olympiasieger gebührt Respekt.

Von Jürgen Schmieder, New York

Ein Gedanke über Alexander Zverev führt unweigerlich zu Nick Kyrgios. Der australische Tennis-Hallodri, den alle für ultra-talentiert halten, teilt der Welt eifrig mit, was er der Sportart Tennis alles gebe, Unterhaltungswert und so. Er trägt seine Faulheit wie eine Medaille, es könne nun mal nicht jeder sein wie Novak Djokovic, Rafael Nadal oder Roger Federer. Das sei ihm gegönnt, nur: Trainiert er vielleicht deshalb so wenig, weil er eine Heidenangst davor hat, nach der Schinderei herauszufinden, dass er vielleicht doch nicht so ultra-begabt ist, wie er und andere denken? Bei den US Open verlor er in der ersten Runde 3:6, 4:6, 0:6, er schenkte den Leuten 108 Minuten mit eher reduziertem Unterhaltungswert.

Alexander Zverev und Novak Djokovic dagegen zeigten am Freitagabend dreieinhalb Stunden lang spektakuläres Entertainment, ein Ballwechsel bestand aus 53 Schlägen. Es war ein sportlicher Leckerbissen mit der Dramaturgie eines Jordan-Peele-Thrillers. Ja, Zverev hat verloren, und natürlich provoziert das Beobachter, die das Leben von Profisportlern in Triumphen messen: wieder kein Grand-Slam-Sieg, wieder kein Erfolg in einer Partie über drei Gewinnsätze gegen einen Top-Ten-Spieler. Nur Zweiter vergangenes Jahr, sogar nur Halbfinale heuer.

Die Wahrheit ist: Zverev ist derzeit, neben Daniil Medwedew, der zweitbeste Tennisspieler der Welt, und wer kann von sich behaupten, der Zweitbeste auf der Welt zu sein in dem, was er/sie tut? Er hat verloren gegen den besten Tennisspieler der Welt. Zverev hat diesen Djokovic zu einem Fünf-Satz-Spektakel getrieben. Der 24-Jährige will herausfinden, wie gut er sein kann. Er hat eine neue Grenze für sich erreicht, nur verschiebt Djokovic diese Grenzen derzeit in unbekanntes, unerreichbares Terrain.

Zverev spielt Tennis am Ende einer Ära in diesem Sport, die es noch nie gab und wohl nie mehr geben wird. Am Ende ihrer Karrieren werden Djokovic, Nadal und Federer jeweils mindestens 20 Grand-Slam-Titel gewonnen haben - eine unglaubliche Zahl, die jedoch auch bedeutet, dass selbst Leute, die ultra-begabt sind und alles für den Erfolg getan haben (Andy Murray etwa, Stan Wawrinka oder Juan Martín del Potro und Andy Roddick), am Ende mit deutlich weniger Trophäen dastehen. Manche sogar mit nichts. Sind sie deshalb Unvollendete, ewige Zweite? Nein. Sie alle sind sehr gute Tennisspieler, die das Pech hatten, in die Ära der Unbesiegbaren geboren zu sein.

Wer Zverev und Medwedew derzeit beim Training beobachtet - das übrigens schon mal drei Stunden dauern kann, ehe am Abend noch eine Eineinhalb-Stunden-Einheit folgt -, der sieht die Arbeit, die sie alleine auf dem Platz in ihren Beruf stecken; und dazu kommen noch die Verpflichtungen abseits davon, vom Krafttraining über Taktik bis hin zur Arbeit mit Psychologen. Alles für den Erfolg zu tun bedeutet aber nicht automatisch, dass man alles gewinnt, und wer kann von sich behaupten, jeden Tag daran zu arbeiten, eine bessere Version seiner selbst zu sein?

Zverev darf stolz darauf sein, was er in New York geschafft hat. Er ist nicht selbstzufrieden wie Kyrgios, er will rausfinden, wie gut er wirklich sein kann. Er hat dafür noch ein paar Jahre Zeit. Die olympische Goldmedaille hat er bereits, und Djokovic wurde nach seinem ersten großen Triumph (Australien, 2008) auch oft geschmäht, er könne nicht gegen die anderen Großen gewinnen. Beim zweiten großen Erfolg (2011) war er nur ein wenig jünger, als es Zverev heute ist.

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