Alexander Winokurow bei der Tour de France:Lauter umstrittene Figuren

Dafür hat er bei Astana eine wirklich dubiose Combo um sich geschart. Sportliche Leiter wie Dmitrij Fofonow (Dopingsperre 2008), Stefano Zanini (Dopingsperre 2001) oder Gorazd Stangelj (Dopingsperre 2000) gehören dazu - und an der Spitze des Gebildes Giuseppe Martinelli, der früher den Vielschlucker Marco Pantani bei Mercatone Uno zum Tour-Sieg geleitete und danach bei Saeco in der Verantwortung stand, als die Equipe wegen eines Dopingfalles aus der Tour ausgeschlossen wurde.

Dazu kommen Fahrer wie Michele Scarponi, sowohl Fuentes- wie auch Ferrari-Kunde, und der niederländische Arzt Joost de Maeseneer, der früher Chef-Mediziner bei Bjarne Riis' CSC-Rennstall war. Als der Kronzeuge Tyler Hamilton umfassend über Doping auspackte, berichtete er auch davon, dass in seiner Zeit bei CSC die Mannschaftsdoktoren mit medizinischen Ausnahmegenehmigungen (TUEs) getrickst hätten, damit die Fahrer Kortison nehmen konnten; de Maeseneer wies das zurück.

Unterstützt und begleitet von einer solchen Equipe also kraxelt Vincenzo Nibali derzeit so imponierend, dass er sich am Wochenende in den Alpen im Gesamtklassement eine komfortable Führung erarbeitete. Und niemand zweifelt, dass er das bis zum Finale in Paris so hält.

Die Tour, so geht eine alte Weisheit, liebt die Sünder, vor allem die vorgeblich reuigen, die mit tränenerstickter Stimme von einmaligen, aber wirklich nur einmaligen Verfehlungen erzählen und sich dann wieder demütig in die Familie des Pelotons einreihen. Winokurow brauchte nicht einmal das. Er leugnet bis heute, gedopt zu haben - und ist trotzdem als Held mittendrin. In den Kehren der Anstiege sind noch genügend Leute, die sich für ihren früher immer so angriffslustig fahrenden "Wino" begeistern.

Mit Brian Cookson, dem neuen Chef des Radsport-Weltverbandes, habe er sich kürzlich ausgesprochen, sagte Winokurow. Und wenn sich das Feld für den Start sortiert, ist er in der hellblauen Astana-Ecke immer noch ein gefragter Mann. Für Autogramme, für Erinnerungsfotos, für Gespräche über Schützling Nibali. Meist wirkt er etwas verkniffen, aber das Einzige, was er gar nicht mag, sind Fragen nach seinem Lebensthema.

Ein Reporter probiert es auf Englisch: "Was haben Sie der Mannschaft gesagt, wie wichtig es ist, die Tour sauber zu gewinnen?" Längeres Gemurmel, dann sagt Alexander Winokurow etwas nach der Art seines Standardspruches "Astana ist ein Projekt des ganzen Landes". Der nächste Versuch, diesmal auf Russisch: "Doping ist nach wie vor ein großes Thema bei der Tour." - "Ich denke nicht", sagt Winokurow, "der Sport hat sich geändert."

Mit dieser bemerkenswerten Weltsicht setzt sich Alexander Winokurow ins Auto und rollt dem Feld zum Start hinterher.

© SZ vom 21.07.2014/jbe
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