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Zum Tod von Alejandro Sabella:Magier des Lebens

Die letzte Krönung blieb beiden Größen verwehrt: Trainer Alejandro Sabella und Lionel Messi verloren mit Argentinien das WM-Finale 2014 gegen Deutschland mit 0:1.

(Foto: FRANCOIS-XAVIER MARIT/AFP)

Argentinien trauert um Alejandro Sabella, Nationaltrainer im WM-Finale 2014. Auch Bundestrainer Joachim Löw würdigt seinen Kollegen, der im Moment der Niederlage seine Größe zeigte.

Nachruf von Javier Cáceres

Zu den vielen, mitunter rührenden Erinnerungen an den früheren argentinischen Fußball-Nationaltrainer Alejandro Sabella zählt auch das Video eines Hausbesuchs. Sabella hatte erfahren, dass ein Fan von Estudiantes de La Plata schwer erkrankt war, und ein Familienangehöriger filmte, wie Sabella, der selbst von einer Krebserkrankung gezeichnet war, an der Tür klingelte und dem völlig überraschten Patienten ein Trikot jener Mannschaft überreichte, die Sabella selbst wie wenige andere symbolisierte.

Ein wenig erinnert die Episode an einen anderen Hausbesuch. An eine Visite aus der Zeit der argentinischen Militärdiktatur mit ihren Zehntausenden "Verschwundenen", die geheim blieb, bis Hugo Soriani, ein Schriftsteller und Jugendfreund, sie nun öffentlich machte, da Sabella am Mittwoch in einem Krankenhaus im Alter von 66 Jahren an Herzversagen verstarb. "Als ich verhaftet wurde, brachte Sabella meinen Eltern einen Ball, den alle Spieler von River Plate unterschrieben hatten", sagte Soriani. Und wer sich nur für einen Augenblick das Klima der Angst vorstellt, das in Argentinien herrschte, der weiß, dass dazu Anstand und Mut gehörten, die nicht selbstverständlich sind.

Zu jenen Tagen schon trug Sabella seinen Spitznamen. Ein Radioreporter hatte ihn "Pachorra" getauft, in etwa "der Träge", weil er als Jugendnationalspieler gern und ausgiebig Siesta hielt. Diejenigen, die mit ihm zusammenspielten, nannten ihn aber auch "el mago", den Magier, weil er ein phantasiebegabter Regisseur war, ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnlicher "Zehner". Zum Beispiel in dieser: Sabella war eigentlich ein Rechtsfuß. Doch er schulte um, auf links. Denn: "Zehner sind Linksfüßler", klar. Er war ein betörender Spieler.

Ein englischer Zweitligist buhlte um Maradona - und dann stattdessen um Sabella

Nach der Weltmeisterschaft 1978 wechselte er nach England. Eine Abordnung des damaligen Zweitligisten Sheffield United war nach Buenos Aires gereist, um einen damals 17-Jährigen zu locken, einen gewissen Diego Armando Maradona. Das Vorhaben scheiterte an überzogenen Ablöse- und Schmiergeldforderungen. Sheffield verpflichtete Sabella, der dadurch zwar sein Jurastudium aufgab, aber Englisch lernte - und dem Schatten des genialen River-Plate-Regisseurs "Beto" Alonso entfloh. Anschließend wechselte er zu Leeds United, wo ihn der spätere Weltmeistertrainer Carlos Bilardo 1981 auslöste. Er holte ihn zu Estudiantes, wo Sabella zu einer Legende wurde, als Spieler - und Trainer.

2009 gewann Sabella mit Estudiantes die vierte Copa Libertadores der Klubgeschichte. Und hatte im folgenden Weltpokalfinale die vielleicht beste Mannschaft, die der FC Barcelona je hatte, am Rande der Niederlage; erst in der 89. Minute erzwang Pedro die Verlängerung, in der Barcelona mit 2:1 gewann. Seine Taktik erklärte Sabella später in einem brillanten, zehnminütigen Vortrag. Doch seine Arbeit beruhte nicht nur auf Taktik, wie er einmal der Zeitschrift El Gráfico sagte. "Als Trainer musst du a) wissen, worum es geht; b) Zeit in deine Arbeit stecken; und c) als Mensch verlässlich sein." Das war er, im Kleinen wie im Großen, ohne dass davon viele Menschen erfuhren. In seinem Haus in La Plata waren oft Obdachlose zu Gast, sie erhielten einen Teller Essen oder auch ein Dach über dem Kopf. Zum Beispiel nach den katastrophalen Überschwemmungen von 2013. Doch das wollte er nie in den Zeitungen lesen.

Im Jahr 2011 übernahm Sabella Argentiniens Nationalelf, Lionel Messi sollte später sagen, dass es seine schönste Zeit im himmelblauweißen Trikot war. Sie blieb unvollendet. Denn im Weltmeisterschaftsfinale von Rio de Janeiro 2014 verlor Argentinien mit 0:1, gegen das DFB-Team von Joachim Löw.

"Er war voller Anerkennung und Respekt", sagte Joachim Löw in einer Würdigung des WM-Finalkollegen

Vor nicht allzu langer Zeit erhielt Sabella den "Premio Democracia", gestiftet von einem progressiven Medienhaus, und es wurde deutlich, wie sehr ihn die Niederlage in seinem letzten Spiel als Trainer schmerzte. In seiner Dankesrede erinnerte er an die Worte, die er den Spielern in der Kabine mitgegeben hatte: "Wir müssen würdig sein. Wir müssen unseren Kameraden und unseren Rivalen gegenüber würdig sein, im Sieg und in der Niederlage würdig sein." Als er zum Ende kam, versagte seine Stimme: "Es tut mir leider in der Seele weh...", sagte er noch, ehe die Hand, mit der er das Mikrofon hielt, zu zittern begann, ihm Tränen die Augen schossen, und er dann doch noch den Satz zu Ende zu führen konnte: "...diesen Pokal nicht geholt zu haben. Für uns, für Argentinien."

Sabellas Tod mache ihn traurig, ließ Bundestrainer Joachim Löw am Mittwoch der Süddeutschen Zeitung ausrichten. Die einzige persönliche Begegnung sei das Finale gewesen. Er habe sich weit vor der WM mit Argentinien beschäftigt und festgestellt, dass es Sabella gelungen war, "aus Individualisten und Superstars mit einer unglaublichen spielerischen und technischen Klasse eine Einheit, ein Team zu bilden". Sabella, so Löw, sei "ein ruhiger, analytischer Trainertyp" gewesen, der auf ihn "sehr souverän" gewirkt habe und "ein Trainer mit einer klaren Spielidee" gewesen sei.

Er habe großen Respekt vor seiner Arbeit und seiner Mannschaft gehabt. Aber vor allem sagte Löw dies: "Nach dem Finale hat mir Sabella trotz seiner Enttäuschung sofort gratuliert. Er war voller Anerkennung und Respekt. Dieser Moment wird mir in Erinnerung bleiben." Es macht wohl anschaulich, dass die Argentinier, die ihre Tränen um Maradona noch nicht trocknen konnten, nun auch um einen Menschen weinen, von dem sie nicht nur etwas über Fußball lernten, sondern auch über das Leben.

© SZ/klef/grö/chge/bkl
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