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Alba Berlin:Nun auch noch die Wildcard

ALBA Berlin v FC Bayern Muenchen - BBL Playoffs

Basketballtrainer Sasa Obradovic, 46, will auch in der nächsten Saison wieder mit Alba Berlin den wirtschaftlich überlegenen FC Bayern angreifen.

(Foto: Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images)

Alba ist mal wieder sauer: Die Berliner scouten Talente, die reichen Bayern kaufen sie weg. Trainer Obradovic will trotzdem wieder angreifen.

Sasa Obradovic läuft durch die Straßen von Belgrad, und es dauert nicht lange, da ist er am Telefon nicht mehr zu hören. Um ihn herum: Wildes Rufen, "Sasa!", Lachen. Der Trainer des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin verbringt den Sommer in seiner Heimat, wo ihn die Leute verehren. Obradovic ist ja hierzulande der Trainer im Maßanzug, der wild schimpft und stets böse schaut. Doch als er im Januar zuletzt in Belgrad war und mit Berlin bei Roter Stern spielte, seinem Verein als Aktiver, sangen die Zuschauer seinen Namen. Da hat er sich die Glatze gerieben und musste Tränen zurückhalten. Dann formte er mit seinen Händen ein Herz.

Es gab viele Gerüchte um Obradovic in den vergangenen Wochen, mehrere Vereine aus Europa waren an ihm interessiert. "Wenn sein Traumklub gekommen wäre", sagt Albas Geschäftsführer Marco Baldi, "dann hätte er die Möglichkeit bekommen, zu gehen." Doch am vergangenen Mittwoch hat Obradovic erklärt, zu bleiben: "Es gibt nicht so viele gute Jobs in Europa", sagt er, als er jetzt in Belgrad wieder ins Telefon spricht. Es war eine rationale Entscheidung. Obradovic, 46, kennt das Geschäft - und seine Aufgabe. Deshalb sagt er auch zu allem, was in diesen Tagen bei Alba geschieht: "Wir werden reagieren."

In der abgelaufenen Saison sahen die Berliner lange wie die großen Gewinner aus. Sie kamen in der Euroleague unter die besten 16, führten die Liga-Tabelle lange an, hatten die stabilste Defensive, machten von allen Teams das meiste aus ihren Möglichkeiten. Doch dann verloren sie in fünf Spielen im Playoff-Halbfinale gegen den FC Bayern und ein paar Tage später ihren Shooting Guard Reggie Redding, der in die Türkei wechselt. Am Montag bekamen die Bayern statt Alba die Wildcard für die Euroleague, am Dienstag kauften die Bayern Berlins Point Guard Alex Renfroe. Die Berliner werden in den nächsten Tagen auch noch ihren Besten, Jamel McLean, verlieren, alles andere ist "sehr unwahrscheinlich", sagt Baldi. Alba ist gerade der große Verlierer im deutschen Basketball.

Allerdings ist das nicht neu. Es ist die alte Geschichte, die sie in Berlin zuletzt immer im Sommer erzählten - gar nicht so ungern. Denn sie sind in ihrer Geschichte die Guten. Der Böse ist der FC Bayern.

Sechs Spieler sind in zwei Jahren von Berlin nach München gewechselt, mal mit mehr Getöse, etwa bei Nationalmannschaftskapitän Heiko Schaffartzik, mal mit weniger. Renfroe, 29, ist ein flinker Aufbauspieler mit für seine schmale Statur überraschenden Fähigkeiten unter dem Korb, er wird Alba fehlen. "Er hat für uns die beste Saison seines Lebens gespielt", sagt Obradovic, Renfroe passt also ins Klischee, das die Berliner den Bayern vorwerfen: Wir machen unbekannte Spieler wertvoll, ihr kauft sie! "Mal sehen, wie viele es in diesem Jahr werden", sagt Baldi spitz.

Auch McLean, der effektivste Spieler der Liga, würde perfekt ins Bayern-Raster passen, doch nach SZ-Informationen ist er dort kein Thema. Jemand anders wird den Platz auf der Position vier einnehmen, den Robin Benzing mit seinem am Dienstag verkündeten Weggang zum spanischen Erstligisten CAI Saragossa freimacht. Vielleicht war McLean, 27, den Bayern auch einfach zu teuer: Er hat noch ein Jahr Vertrag und soll 200 000 Euro Ablöse kosten.

Es sind vor allem wirtschaftliche Niederlagen, die sich die Berliner gegenüber der potenteren Konkurrenz aus München eingestehen müssen, oder politische, wie die verpasste Wildcard nach undurchsichtigen Vergabe-Kriterien. Berlin hat in den Playoffs zwar gegen München verloren, steht in der europäischen Rangliste aber vor den Bayern. "Sonderbar" findet das Obradovic. In Europa haben sie offenbar lieber die namhaften Bayern zu Gast.

Zuletzt hat Alba die wirtschaftliche Unterlegenheit jedoch sportlich ausgeglichen. Obradovic mit seinem streng angewandten Plan, der keine Egomanen duldet, war dabei besonders wichtig. "Wie wir die letzten drei Jahre gespielt haben, ist massiv sein Verdienst", sagt Baldi. Der Manager weiß, dass Obradovic in Berlin wohl nie ein Herz mit den Händen formen oder zu Tränen gerührt sein wird, wenn ihn die Fans feiern. Aber er ist ehrgeizig und selbstbewusst. "Ich vergleiche niemals das alte Team mit dem neuen", sagt der Trainer.

Er will den Weggängen nicht hinterhertrauern, sondern traut sich auch in diesem Sommer wieder die schwierige Aufgabe zu, eine neue Mannschaft aus den Resten der alten zu formen. Er arbeitet schon daran, am Telefon, während er in Belgrad durch die Straßen schlendert: "Urlaub habe ich eigentlich nie", sagt er.

Alba hat bereits den ersten Zugang verpflichtet, Dragan Milosavljevic von Partizan Belgrad als Ersatz für Redding. Vielleicht müssen sie in diesem Jahr alle sechs Ausländerlizenzen neu vergeben, auch die Starter Marko Banic und Leon Radosevic haben andere Angebote. Doch Sportdirektor Mithat Demirel scoutet bereits eifrig, schaut im Juli die Spiele der NBA-Summer-League. "Wir beobachten den Markt", sagt Baldi und lacht: "Damit wieder Bayern davon profitiert." Und er im nächsten Sommer dieselbe schöne Geschichte noch mal erzählen kann.

© SZ vom 01.07.2015
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