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Ajax Amsterdam:Total entfesselt

Erst Real Madrid, nun Juventus Turin und Ronaldo: Mit der unerhörten Leichtigkeit des jugendlichen Außenseiters stürzt Ajax die Granden Europas.

Lasset die Kinder spielen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich - oder zumindest das Fußball-Paradies der Champions League, deren Olymp gerade von der lustigsten, frechsten und talentiertesten Mannschaft seit Jahren erstürmt wird. Man kann gar nicht anders als hingerissen zu sein von Ajax Amsterdam, einem Klub, der nach einem denkbar humorlosen griechischen Helden benannt ist, aus dessen Blut der göttliche Ovid Hyazinthen statt Tulpen sprießen ließ.

Und doch hätte auch der altrömische Dichter seine Freude gehabt an den Metamorphosen dieses jungen Teams, das gerade die Granden des europäischen Fußballs entthront. Nicht mit Kampfeswut und teuren Heroen, sondern mit unerhörter Leichtigkeit und Spielfreude. Auf Real Madrid im Achtelfinale folgte am Dienstagabend Juventus Turin, im eigenen Tempel hinweggefegt im Viertelfinal-Rückspiel von den wirbelnden Ajax-Besen, die beim 2:1 erneut derart Funken stoben, dass der Halbfinalgegner vermutlich schon im Geiste Brandmauern errichtet.

Mit Taktik ist der Truppe des listigen Trainers Erik ten Hag allerdings kaum beizukommen. Außer dem puren und entfesselten Talent seiner Spieler verfügt Ajax nämlich über eine Waffe, der die Konkurrenz wenig entgegenzusetzen hat. Diese Waffe ist die unerhörte Unbeschwertheit des Außenseiters, der sich um nichts scheren muss als um das Spiel selbst. Denn dieses Ajax hat keine Zukunft, es spielt weder für eine glorreiche Vergangenheit noch für ein strahlendes Morgen, sondern nur im Hier und Jetzt.

Im Sommer wechselt Frenkie de Jong zum FC Barcelona - Andrea Pirlo gestand, ihn beizeiten auch Juventus empfohlen zu haben, wo sie sich wahrscheinlich ob dieser verpassten Chance in die Hände beißen. Kapitän Mathijs de Ligt ist ebenfalls auf dem Sprung nach Barcelona, Hakim Ziyech flirtet mit dem FC Bayern, auch Donny van de Beek wird von halb Europa umworben. Natürlich konstruiert man eine solche Mannschaft nicht in einer Saison. Mit Trainer Peter Bosz (heute: Leverkusen) hatten die Amsterdamer 2017 bereits das Finale der Europa-League erreicht, um dort dem Manchester United des alten Zynikers José Mourinho zu unterliegen.

Die Juve versuchte es gar nicht erst mit Zynismus, sie probierte ihr altbewährtes Konzept aus Kampf und Kontrolle - plus Cristiano Ronaldo. Eine gute halbe Stunde lang ging diese Rechnung auf. Ajax tat sich schwer gegen die aggressiv aufspielenden Routiniers. Und als der unvermeidliche CR7, der sich für diesen Auftritt einen neuen, messerscharf gezogenen Scheitel zugelegt hatte, die Konfusion im holländischen Strafraum für einen seiner gnadenlosen Kopfbälle nutzte, schien das Schicksal der jungen Wilden besiegelt zu sein: Juve führte 1:0 (28.) und wollte dieses Minimalergebnis anschließend so ausgekocht verwalten, wie man das von diesen Hohepriestern des Vernunftfußballs gewöhnt ist.

Von wegen! Sechs Minuten später war der Ausgleich da, ein Flachschuss von Van de Beek (34.), der die famose Juve-Abwehr als das entlarvte, was sie in diesem Jahr ist: ein müder Abklatsch besserer Zeiten. Grimmigkeit statt Souveränität, Starrsinn statt Empathie - was Leonardo Bonucci und die anderen gegen die Kinder aus Amsterdam aufzubieten hatten, war verstörend wenig. Einzig Torwart Szczesny verhinderte Schlimmeres, nämlich mindestens zwei weitere Gegentore in der zweiten Halbzeit. Dem 2:1 von de Ligt (67./Kopfball nach Ecke) hatte aber auch der stoische Pole als einziger Gigant der einst so riesenhaften bianconeri-Defensive nichts entgegenzusetzen. Nach der Pause waren die Turiner in sich zusammengesackt, als hätten sie vorzeitig aufgegeben.

Tatsächlich reichte wie schon im Hinspiel (1:1) die Kondition nicht mehr. Stattdessen wurde vorgeführt, wie erneuerungsbedürftig diese Mannschaft ist, die seit acht Jahren nahezu unumstritten die immer noch schwerreiche Serie A dominiert, während Ajax an der Peripherie Fußballeuropas mit dem Werksklub aus Eindhoven um den Titel ringen muss. In der Juventiner Abwehr fehlte zwar Kapitän Giorgio Chiellini, doch hätte er allein kaum den Untergang abwenden können. Das Mittelfeld braucht dringend einen Regisseur mit Ideen und Energie. Sami Khediras Zeit ist abgelaufen (er saß auf der Bank), Miralem

Pjanic wirkt kraftlos, Blaise Matuidi hatte schon lange keinen Geistesblitz mehr. Der Deutsche Emre Can zeigte sich als einziger übermotiviert und versuchte sich an mancher Offensivaktion.

Er tat dies ohne große Unterstützung, denn vorn gibt es nur einen König: Ronaldo. In den letzten drei Champions-League-Spielen hat er allein die Tore für Juve produziert, drei im packenden Achtelfinal-Rückspiel gegen Atlético Madrid, jeweils eins gegen Ajax. Ronaldo ist eine Garantie für Juventus, aber auch ein Problem. Als einziger Weltstar erdrückt er seine Teamgefährten eher, als dass er sie unterstützt. Um das Gefälle zu verdeutlichen, genügt ein Blick auf die Gehälter: CR7 bekommt 31 Millionen netto im Jahr, der "zweitplatzierte" Paulo Dybala sieben Millionen. Alle anderen liegen abgeschlagen dahinter.

Um nach 23 Jahren endlich wieder die Champions League zu gewinnen, war Ronaldo im Sommer engagiert worden. Zu diesem Zweck hatte Präsident Andrea Agnelli sogar das erste Gebot abgeschafft, laut dem die Juve keine Götter kennt, sondern nur ein Kollektiv. Nun könnte sich diese Ketzerei bitter rächen. Der Portugiese Ronaldo, im Vorjahr noch Titelverteidiger mit Real Madrid, verpasst erstmals seit 2011 das Halbfinale. Und Juve fliegt genau wie 2018 wieder im Viertelfinale raus.

"Wir gehören zu den Großen in Europa", versicherte Agnelli. Der Patron, dessen Familie seit 1923 Eigentümerin des Klubs ist, sprach im italienischen Fernsehen als erster nach der Niederlage - sein Auftritt sollte offenbar beruhigend wirken. Man mache auf jeden Fall weiter mit Trainer Allegri und auch mit Cristiano Ronaldo. Im Übrigen: "Komplimente an Ajax, die haben einfach toll gespielt und hoch verdient gewonnen." Den letzten Landesmeister-Pokal hatte Juve 1996 im Finale gegen die Holländer geholt, Agnelli war damals gerade 20 Jahre alt. Jetzt wird der Fiat-Erbe Ajax die Daumen drücken. Wie er sagt, aus Begeisterung.