Das Deutsche Haus ist bei den Paralympics zugleich das Österreich-Haus – die beiden Länder tun sich hier, anders als bei Olympia, zusammen. Bei den Spielen in Italien war diese Kooperation auch in Sachen Stimmung von Vorteil. Während das deutsche Team die meisten Medaillen im Langlauf und Biathlon gewann, im zwei Fahrstunden entfernten Tesero, gab es für die Österreicher in Cortina d’Ampezzo, wo die Alpin-Bewerbe stattfanden, ständig etwas zu feiern. Fast immer waren es die Geschwister Veronika und Johannes Aigner, die Edelmetall vorbeibrachten: zwei Sprösslinge aus der Ski-Familie Aigner aus Gloggnitz in Niederösterreich, bestehend aus den Schwestern Irmgard (28/„Irmi“), Elisabeth (27/„Lisi“), Veronika (23/„Vroni“) sowie den Zwillingen Barbara (20/„Babsi“) und Johannes (20/„Hansi“).
Irmi (als Guide) und Babsi (als Aktive) haben ihre Karrieren inzwischen beendet, Lisi war in Cortina als Guide für Vroni eingeplant, musste aber verletzt zurückziehen. Dennoch blieb die Ausbeute beachtlich: Vroni gewann Gold in der Abfahrt, in der Super-Kombination, im Riesenslalom und im Slalom sowie Silber im Super-G, Hansi sicherte sich Gold in der Abfahrt, im Super-G und im Riesenslalom sowie Bronze in der Super-Kombination. Mutter Petra, zusammen mit Freunden und Hund im Deutsch-Österreichischen Haus zu Gast, erzählt im Interview, wie aus den Aigners die erstaunlichste Familie des Para-Sports wurde.
SZ: Hallo Frau Aigner, wie heißt denn dieser schöne Hund?
Petra Aigner: Das ist der Charly.
Ist das der Blindenführhund der Familie Aigner?
Das ist nur meiner. Ich sehe von allen am schlechtesten. Die Irmi und die Lisi haben ja gar keine Sehbehinderung. Und die Vroni kriegt im Sommer einen eigenen, der ist noch in Ausbildung.
Sie sind die bekannteste Ski-Familie Österreichs. War das so geplant?
I wo! Rennfahrer, so was kannst du nicht planen!
Ihr Hausberg bei Gloggnitz ist der Semmering. Dort haben die fünf Kinder das Skifahren gelernt?
Die waren eigentlich nie vor Konsolen oder vorm Fernseher gesessen, immer draußen. Und in den Weihnachtsferien eben in der Skischule. Die hatten zum Glück einen tollen Skilehrer, das war immer mit Spaß. Also wollten sie in den nächsten Ferien wieder hin. Und dann haben die Irmi und die Lisi am Semmering etwas aufgeschnappt von einer Skihauptschule in Lilienfeld. Das ist auch in Niederösterreich, bei Sankt Pölten. Nach vier Jahren Volksschule musst du bei uns weiter auf die Hauptschule, und da wollten sie unbedingt auf diese Skihauptschule.
Und somit stand einer Rennfahrerkarriere nichts mehr im Wege.
An sowas hast du doch nie gedacht!

Was haben Sie gedacht?
Ganz ehrlich? Ich dachte, dass das auch so eine Art Skischule ist, wo du den ganzen Tag auf der Piste bist. Ich wusste gar nicht, dass es so was wie Sportschwerpunktschulen überhaupt gibt, mit Freistellungen, um zum Trainieren auf den Gletscher zu gehen. Aber dann haben wir uns eben erkundigt. Da musste man eine Aufnahmeprüfung machen. Oha, dachten wir: Dann müssen die beiden jetzt wohl ein paar Privatstunden nehmen. Sie haben es dann beide geschafft.
Und am Ende waren alle fünf in Lilienfeld?
Alle fünf. Das hat denen so gut gefallen, die haben nie gesagt: depperte Schule. Die sind immer gerne gegangen.
Dann wurde die Irmi zunächst der Guide von der Vroni, richtig?
Genau. Die Lisi ist damals selbst noch Fis-Rennen gefahren beim ÖSV. Aber irgendwann wurde die Irmi vorn zu langsam für die Vroni. Die Irmi war inzwischen auf der Tourismusschule, der hat das Training gefehlt. Das war ziemlich genau zu der Zeit, als die Lisi gemerkt hat, dass es für sie im ÖSV nicht recht weitergeht. Also hat die Lisi gesagt: Dann probiert sie es als Guide von der Vroni.
Gut, wenn man so viele Kinder hat.
Da sagen Sie was.
Die Vroni wurde auf der Schwerpunktschule trotz ihrer Sehbehinderung angenommen?
Der Direktor wollte die Vroni unbedingt. Wir haben dann gesagt: Die sieht aber schlecht. Die war dort die Erste mit Behinderung. Heute nehmen sie in Lilienfeld Bewerbungen mit Behinderung sofort – weil sie bei uns gesehen haben, wohin das führen kann.
Waren Sie noch öfter Pioniere?
Ständig! Bei der Lisi ging es ja irgendwann darum, wie sie als Guide abgesichert ist.
In Deutschland können Guides der Bundeswehr beitreten. Und für Para-Skifahrer gibt es das Skiteam des Zolls. So können sich beide voll auf den Sport konzentrieren.
Bei uns ist das ähnlich, aber der Guide konnte damals nur zusammen mit dem Sportler beitreten, beim Zoll und beim Bundesheer. Aber das ging nicht, die Vroni war noch in der Schule. Das haben wir in den Ministerien erst mal erklären müssen. Einen solchen Fall gab’s vorher nicht.
Sie haben in Ministerien vorgesprochen?
Aber mehrmals. Wir haben gekämpft! Der Sport- und Innenminister war damals der Herr Strache von der FPÖ …
… das war, bevor er sich auf Ibiza hat filmen lassen.
Das war davor. Der Minister Strache hat damals getönt, dass jetzt auch die Polizei für den Spitzensport geöffnet wird. Also sind wir hin und haben ihm die Situation geschildert. Der war auch interessiert. Aber das Problem war: Ein Behinderter kann erst mal kein Polizist sein. Der kann meistens nicht Auto fahren, und der Vroni eine Waffe in die Hand zu geben, ist auch keine gute Idee (lacht).

Inzwischen sind sowohl Lisi als auch Vroni bei der Polizei, und Hansi ist beim Bundesheer.
Bei der Lisi war das als Guide irgendwann möglich. Und dann hat die Vroni bei der Polizei auch die Chance gekriegt, aber halt im Innendienst.
Die ersten Paralympics für die Aigner-Family standen dann 2022 in Peking an.
Da waren die Babsi und der Hansi noch minderjährig, deshalb waren wir, also mein Mann Christian und ich, als Erziehungsberechtigte ganz eng in dem Trubel dabei. Das erlebst du als Eltern normalerweise nicht. Dann hat der Hansi gleich fünf Medaillen gewonnen, die Vroni zwei und die Babsi zwei.
Die Chinesen sollen ziemlich fasziniert gewesen sein.
Die waren aus dem Häuschen. Die haben uns eine ganze Woche mit der Kamera begleitet und eine Reportage gemacht. Die hab ich aber nie zu sehen bekommen.

Und nun gibt es hier in Cortina ständig was zu feiern. Dabei ist die Vroni gar nicht mit der Lisi als Guide angetreten, sondern zunächst mit der 16-jährigen Lilly Sammer.
Die Lisi hat sich leider das Kreuzband gerissen. Die hat alles versucht, die hat Geld für Therapien investiert, die hat sich in Amerika sogar die gleiche Schiene bestellt, die auch die Lindsey Vonn gehabt hat. Und am Anfang hat sie gemeint, sie fährt trotzdem, sie macht das jetzt wie die Lindsey Vonn.
Bei der ist das bekanntlich nicht gut ausgegangen.
Ja, eben. Irgendwann hat die Lisi gesagt, es hat keinen Sinn. Sie hat auf der Piste ja nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern gleich hinter ihr fährt die Vroni. Wenn es da einen Sturz gibt, kann das gefährlich werden.
Klingt alles ganz schön aufregend.
Ja. Und das nimmt dir keiner mehr, was wir hier erleben. Ich kann das nur jedem empfehlen. Vielleicht hab’ ich diese Furchtlosigkeit den Kindern auch deshalb mitgegeben, weil ich selbst eine Behinderung hab. Nicht sitzen und jammern! Machen! So einfach.

