Emma Aicher machte wieder Emma-Aicher-Dinge: Sie glitt den Hang hinab, besonnen und ruhig setzte sie die Schwünge in den Schnee, nein, mehr mit einer Ausdrucksform von Gemütlichkeit, die für einen ganzen Stammtisch ausgereicht hätte. Aicher hätte unterwegs noch Zeit gehabt für einen Umweg zur Almhütte, für ein andorranisches Pilzomelette, bei Bedarf samt Kaffee to go, ganz bestimmt. An diesem Tag hätte Emma Aicher trotzdem gewonnen.
Die postolympische Saison gleicht bisweilen einem ausgeräuberten Buffet. Der Skirennläuferin Aicher scheint aber der Appetit auf ihre Kernkompetenz Skifahren geblieben zu sein. Zwei Silbermedaillen hat die 21-Jährige aus Cortina mitgebracht, beide hätten auch gold glänzen können, vier und fünf Hundertstelsekunden fehlten, und als hätte sie das zusätzlich angespornt, gestaltete sie die Zeitrechnung diesmal in ganz anderen Dimensionen. Im Weltcuprennen in Soldeu, Andorra, gewann sie vor Alice Robinson aus Neuseeland und der Dritten Corinne Suter aus der Schweiz; beide hatten im Ziel knapp eine Sekunde Rückstand auf Aicher, eine kleine Skiwelt. Kira Weidle-Winkelmann, auch Silber in Cortina, kam als zweitbeste DSV-Starterin auf Rang sieben ins Ziel.

24 Stunden zuvor war Aicher auf diesem Hang als Vierte der Abfahrt ins Ziel gezischt, ein Super-G-Rennen hatte sie hier aber zuvor nie bestritten. Und der Lauf war knifflig gesetzt, für nicht wenige Läuferinnen zu knifflig. Aber nicht für Emma Aicher, die nicht nur sehr schnell Pisten hinabrauschen, sondern auch besichtigen kann. Sie wählte eine Ideallinie wie aus dem 3D-Drucker in den Hang gestanzt. Nicht zu direkt und nicht zu rund, an zwei, drei Stellen gönnte sie sich einen weiteren Radius, der ihr dann aber mehr Anlaufstrecke ermöglichte, um zu beschleunigen. An der Schlüsselstelle kurz vor der Ziellinie würzte Aicher ihre Fahrt im Abgang mit einer Prise Risiko, kurvte so knapp an den Toren vorbei, dass sie selbige nahezu aus der Verankerung riss. Und dann riss sie höchstselbst die Arme in die Luft: Bestzeit.
Fünfter Weltcup-Sieg, der dritte in diesem Winter also. Und wie gewohnt, fand Aicher auch diesmal eine Analyse, die kein Stammtischbruder dieser Welt widerlegen wird. „Ich bin schon ganz zufrieden mit dem Lauf“, sagte Aicher: „Oben hab’ ich es ganz gut getroffen und konnte viel Speed mitnehmen ins Flache raus.“ Die anschließende steile Passage „war okay, ich glaube, man kann ein bisschen sauberer fahren, aber so ist es ganz okay“. Fazit zum Weltcupsieg in Soldeu: „Fühlt sich ganz gut an.“
Ähnlich fiel Aichers Analyse am Sonntag aus, als sie abermals eine ganz gute Linie erwischte beim zweiten Super-G in Soldeu. Diesmal war die Italienerin Sofia Goggia um 24 Hundertstelsekunden schneller und sicherte sich den Sieg vor Aicher und der Norwegerin Kajsa Vickhoff Lie.
Für den Deutschen Skiverband (DSV) dürfte sich das alles auch ganz gut anfühlen. Man darf sich dort auf die Schultern klopfen, für den Schachzug, die in Schweden aufgewachsene Aicher vom DSV zu überzeugt zu haben. Und dass man diesen Prozess durchgezogen hat, auch wenn dem Talent Aicher in den ersten Wintern nicht der erhoffte Durchbruch in die Weltspitze gelungen war. Mit der Ski-WM in Saalbach setzte der Wandel ein, spätestens seit Beginn dieser Saison zählt Aicher zu den Schnellsten der Szene, auch in den zentralen Statistiken.
Im Super-G-Gesamtranking liegt sie als nun Drittplatzierte noch 116 Punkte hinter der führenden Sofia Goggia. In der Abfahrt hat Aicher als Gesamtzweite noch realistischere Chancen auf den Gewinn der kleinen Kristallkugel als Disziplin-Beste des Winters: Sie hat dort als Zweitplatzierte 94 Zähler Rückstand auf die US-Amerikanerin Lindsey Vonn, die diesen Winter aber verletzungsbedingt keine Punkte mehr sammeln kann. Im Gesamtranking aller Disziplinen führt die US-Slalomspezialistin Mikaela Shiffrin (1133 Punkte) vor der Schweizerin Camille Rast (963) – und Allesfahrerin Emma Aicher (914).

