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Afrikanische Teams bei der Fußball-WM:Ein bisschen sterben für die Heimat

WM 2010 - Uruguay - Ghana

Asamoah Gyan vergibt in Südafrika in der Nachspielzeit des Viertelfinales einen Elfmeter. Kurz danach fliegt mit Ghana das letzte Team aus dem Turnier.

(Foto: Srdjan Suki/dpa)

Die vergangene Weltmeisterschaft in Südafrika endete für die afrikanischen Teams mit einer Enttäuschung. Der einstige Bundesliga-Profi Anthony Baffoe ist überzeugt, dass sich das in Brasilien ändern wird - weil der Wille groß ist.

Von Kathrin Steinbichler

In Ghana ist an diesem Tag keine Zeit für Eile, doch die Ruhe, die auch die Hauptstadt Accra schläfrig macht, passt Anthony Baffoe gerade überhaupt nicht in die Planung. Der Fußballfunktionär muss vor seiner Abreise zur Weltmeisterschaft noch einiges organisieren.

Ghana liegt wie die meisten anderen Länder Afrikas an diesem letzten Montag im Mai unter dem Ruhegürtel eines speziellen Feiertags. Er erinnert an die Gründung der Organisation Afrikanische Einheit 1963, die später in die Afrikanische Union überging. Es ist ein Tag, der den riesigen und vielfältigen Kontinent an die alte Idee vom gemeinsamen Ziel gemahnt.

"Afrika ist stärker, als viele denken", sagt Baffoe mit der ruhigen Stimme eines weit gereisten Fußballdiplomaten, doch der 49-Jährige meint das jetzt etwas anders. Der in Deutschland aufgewachsene frühere Fußballprofi des 1. FC Köln denkt bei diesen Worten an die Mannschaften, die Afrika bei der WM in Brasilien vertreten. Vor allem an seine eigene. "Wir glauben daran, das Turnier gewinnen zu können", sagt Baffoe, "und das glauben nicht nur wir."

Englands Nationaltrainer Roy Hogdson zum Beispiel ist überzeugt, dass die afrikanischen Teilnehmer neben der "ausgezeichneten Qualität" vieler ihrer Spieler einen unschätzbaren Vorteil hätten: "Ich denke, sie haben bessere Chancen als europäische Mannschaften - aufgrund des Klimas", meint Hogdson. Doch von dem in Europa beliebten Gerede um das brasilianische Wetter hält Anthony Baffoe herzlich wenig.

Die meisten der afrikanischen Topspieler seien ohnehin in europäischen Klubs beschäftigt und daher in ihrem Alltag nur selten einem extremen oder schwankenden Klima ausgesetzt. "Wenn wir einen Vorteil haben, dann nur, weil unsere Spieler gewohnt sind, sich an die Gegebenheiten anpassen zu müssen", sagt Baffoe.

Er führt lieber ein anderes Argument an, das ihn für Brasilien zuversichtlich macht: "Bei einer WM, speziell bei dieser, kommt es letztlich auf den Willen an. Ob Vorbereitung, Fitness, Umfeld oder Qualität der Spieler - ab einem gewissen Level haben alle die gleichen Voraussetzungen. Entscheidend ist dann der Wille, und der ist groß in unseren Reihen."

Vor vier Jahren hatte die WM erstmals in Afrika Station gemacht, in dem Turnier bündelten sich die Sehnsüchte eines ganzen Kontinents. Mit dem Scheitern 2010 sind die Träume nach Brasilien umgezogen, und in Afrikas Öffentlichkeit wird nun wieder daran erinnert, welch tiefe Wunde die WM 2010 geschlagen hat.

Bei einem Abendessen in Accra zur Verabschiedung des Nationalteams in die WM-Vorbereitung bekamen Ghanas Spieler deshalb von Staatspräsident John Mahama eine letzte Botschaft mit auf den Weg: "Wir erwarten, dass ihr ein bisschen sterbt für euer Land. Wir erwarten und beten dafür, dass Ghana das erste Mal in seiner Geschichte den Weltcup in die Höhe stemmt." Solche Worte können Druck aufbauen, doch diesmal, sagt Baffoe, "nehmen die Spieler das nicht als Druck wahr, sondern als Motivation". Heftiger als 2010 kann es mit dem Druck schließlich nicht mehr werden.

Der Welt zeigen, dass Afrika ebenbürtig ist; der Welt zeigen, dass die vielen in Europa begehrten und beschäftigten Spieler auch in der nationalen Gruppe ihr Potenzial entfalten können: Die Hoffnungen des Kontinents auf einen WM-Erfolg sind groß, nachdem Afrika 2010 in Südafrika einen emotionalen Schock zu verarbeiten hatte: den Moment, als Asamoah Gyan diesen Elfmeter verschoss.

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