Afrika-Cup:Düsteres Fußball-Kapitel für Kamerun

Lesezeit: 3 min

Bei einer Massenpanik vor dem Achtelfinale des Gastgebers gegen die Komoren kommen in Yaoundé acht Menschen ums Leben. Weil zu viele Besucher ins Stadion wollen, kommt es zu schwerem Gedränge an den Eingängen.

Von Jonas Beckenkamp

Als das Stade Omnisport Paul Biya im Jahr 2021 eröffnet wurde, konnte keiner wissen, dass dieser Ort in Kameruns Hauptstadt Yaoundé eines Tages ein düsteres Kapitel des Fußballs erleben würde. Benannt ist die neue Arena nach dem Staatspräsidenten des Landes, der seit 30 Jahren im Amt ist. Doch nach den Ereignissen am Montagabend dürfte sie für lange Zeit mit einer Tragödie in Verbindung stehen. Tote und Verletzte vor den Stadiontoren, eine Massenpanik und ein Fußballspiel beim Afrika-Cup, das nach den Ereignissen vermutlich gar nicht erst hätte angepfiffen werden dürfen.

Das ist die Bilanz, mit der die Verantwortlichen in Kamerun nun leben müssen. Genauso wie mit den Bildern und Videos, die kursieren von den Zuständen im Vorfeld des Achtelfinales zwischen Kamerun und den Komoren (2:1). Anscheinend kamen im allgemeinen Chaos im Eingangsbereich des Stadions acht Menschen ums Leben. Unter den Toten sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums ein Kind, zwei Frauen und vier Männer. Eine weitere Leiche war nicht zu identifizieren, weil Angehörige sie einfach mitnahmen. Hinzukommen bis zu 50 Verletzte, die im Gedränge keinen Ausweg vor dem Ansturm fanden.

Afrika-Cup: Schockiert: Patrice Motsepe, Präsident der Afrikanischen Fußball-Konföderation Caf, versucht am Dienstag während einer Pressekonferenz Fragen zu den Geschehnissen vom Vorabend zu beantworten. Ob die Zahl der Opfer noch steigen könnte, vermochten lokale Behörden zunächst nicht zu sagen.

Schockiert: Patrice Motsepe, Präsident der Afrikanischen Fußball-Konföderation Caf, versucht am Dienstag während einer Pressekonferenz Fragen zu den Geschehnissen vom Vorabend zu beantworten. Ob die Zahl der Opfer noch steigen könnte, vermochten lokale Behörden zunächst nicht zu sagen.

(Foto: Sebastian Frej/imago)

"Wir sind nicht in der Lage, ihnen die Gesamtzahl der Opfer zu geben", sagte der regionale Gouverneur am Abend. Die Situation sei noch nicht klar einzuordnen, es gebe nur vorläufige Zahlen. Laut den örtlichen Behörden seien die Opfer "sofort" in Krankenwagen abtransportiert worden, doch der "Verkehr auf den Straßen" habe die Fahrt ins Krankenhaus erschwert.

Grund für die Panik vor dem Südeingang des Stadions, das auch unter dem Namen Stade d'Olembé bekannt ist, waren offenbar Zuschauer, denen der Einlass verwehrt wurde. Aufnahmen zeigen, wie sich hunderte Menschen durch die stählernen Eingangstore schoben, um noch in den Innenbereich zu gelangen. Zeugen berichten von überforderten Ordnern, die letztlich die Türen schlossen. Im Gedränge gingen Menschen zu Boden und bekamen unter der Last der Masse keine Luft mehr.

Angaben der Nachrichtenagentur AFP zufolge wollten deutlich mehr Fans in die Arena, als zugelassen waren. Grundsätzlich fasst der moderne Bau 60 000 Besucher, wegen der Corona-Vorgaben durften diesmal zum K.-o.-Spiel des Kontinentalcups nur 48 000 hinein. Wegen des Ausmaß der Geschehnisse ordnete Präsident Paul Biya eine Untersuchung des Unglücks an.

Ungeachtet der Tumulte an den Eingängen war die Partie angepfiffen worden, Außenseiter Komoren musste mit Linksverteidiger Chaker Alhadhur als Torwart antreten. Die eigentliche Nummer eins, Salim Ben Boina, hatte sich verletzt und zwei weitere Keeper (sowie sieben andere Spieler) standen wegen Corona unter Quarantäne.

So endete das Turnier für das Überraschungsteam der Komoren bitter, obwohl es sich nach der frühen roten Karte für Kapitän Nadjim Abdou (7. Minute) nach Kräften wehrte. Für die Kameruner, bei denen auch Bayern-Profi Eric Maxim Choupo-Moting auflief, trafen Karl Toko Ekambi (29. Minute) und Vincent Aboubakar (70.) - Komoren-Regisseur Youssouf M'Changama gelang noch ein sehenswertes Freistoßtor (81.).

Afrika-Cup: Das Olembé-Stadion in Yaoundé wurde neu gebaut - vor seinen Toren ereignete sich nun die Katastrophe.

Das Olembé-Stadion in Yaoundé wurde neu gebaut - vor seinen Toren ereignete sich nun die Katastrophe.

(Foto: Themba Hadebe/AP)

Doch die eigentliche Geschichte des Spiels hatte mit Sport wenig zu tun. Der afrikanische Fußballverband Caf teilte mit, man sei über die Szenen vor dem Stadion informiert und kümmere sich um die Aufarbeitung. Man befinde sich im Austausch mit der Regierung Kameruns und dem lokalen Organisationskomitee. Generalsekretär Véron Mosengo-Omba sei für einen Besuch zu den Verletzten ins Spital entsandt worden.

Dorthin begab sich auch Gesundheitsminister Manaouda Malachie, der sich in einem Tweet zur Lage äußerte. Er "habe die Krankenhäuser besichtigt, die die Opfer des Vorfalls aufgenommen haben, um ihnen das Mitgefühl des Präsidentenpaares zu zeigen", so der 45-Jährige. "Für ihre kostenlose Versorgung und optimale Betreuung wird alles getan."

Die Frage ist, ob im Vorfeld alles getan wurde, um die Sicherheit des Publikums zu gewährleisten. Der Aufgang zum Stadion ist eine weitläufige Rampe, an deren abgezäunten Seiten ein Abhang hinabfällt. So bildete sich sowohl Richtung Stadioneingang als auch in die Breite ein Menschenpulk, der auf die Tore drückte. Als die vielen Besucher schließlich Richtung Eingang drängten, war es schon zu spät für eine Deeskalation.

Kamerun treffen die Ereignisse hart, denn das Land war durchaus stolz, nach 1972 zum zweiten Mal Gastgeber des Afrika-Cups zu sein. Schon 2019 stand man als Ausrichter bereit, bekam das Großevent aber wieder entzogen. Pikanterweise hielt die Fifa die Stadien für nicht geeignet genug. Ägypten sprang als Veranstaltungsland ein und richtete damals das afrikanische Gegenstück zur Fußball-EM aus. Die aktuelle Katastrophe war nicht der erste schwere Stadion-Zwischenfall in Afrika. 2015 kamen in Kairo bei einer Massenpanik 19 Menschen ums Leben. 2001 starben 43 Personen im Johannesburger Ellis-Park-Stadion während eines Spiels zwischen den Orlando Pirates und den Kaizer Chiefs.

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