Affäre um WM-Stadien in Brasilien "Absurd" - und trotzdem gebaut

Zusatztribünen und enorme Ausgaben: Das Stadion von Corinthians in São Paulo.

(Foto: Getty Images)
  • Die Aussage eines Baulöwen legt offen: Brasiliens Unternehmer und Funktionäre haben sich schamlos an der Fußball-WM und Olympia bereichert.
  • Dabei hatte der Fußballverband beteuert: Kein Real aus öffentlichen Mitteln werde in die WM fließen.
  • Die Affäre scheint in höchste Kreise zu reichen.
Von Jamil Chade und Thomas Kistner, São Paulo

Am 13. Januar 2011 lud einer der reichsten Geschäftsmänner Brasiliens einen diskreten Zirkel in seine Privatvilla: Marcelo Odebrecht, Vorstandschef der gleichnamigen Baufirma, der größten des südamerikanischen Landes. Das Thema des Treffens: Bau und Finanzierung eines neuen Fußballtempels in São Paulo. Es ging um die Arena Corinthians, in der dreieinhalb Jahre später die WM 2014 angepfiffen werden sollte. Odebrecht selbst hielt den Bau dieses Stadion für "absurd" und "ungerechtfertigt". Aber dennoch, es musste gebaut werden.

So steht es in den Akten der Bundesjustiz in Brasília. Die Korruptionsermittlung um die nationalen Sportstätten geht voran, im Fokus steht der Odebrecht-Konzern, gegen den in ganz Lateinamerika ermittelt wird. Unter dem Ermittlungsdruck haben der Firmenboss und Dutzende früherer Manager Vereinbarungen mit der Justiz getroffen und dargelegt, wie das politische System der Nation mit Korruption durchwirkt war. Odebrechts Offenbarungen gelten inzwischen als "Weltuntergangs-Geständnis". Und sie werfen auch auf die WM 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 ein sehr trübes Licht.

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Zu Gast im Anwesen des Baulöwen waren damals Gouverneur und Bürgermeister von São Paulo, Geraldo Alckmin und Gilberto Kassab; dazu Luciano Coutinho, der Präsident der Nationalbank für Entwicklung. Das Institut segnet Kredite für Projekte ab, die zur Entwicklung des Schwellenlands beitragen, weshalb in Odebrechts guter Stube auch gleich ein WM-Stadion zum Projekt mit "Entwicklungsdimension" erhoben wurde. Mit von der Partie waren zudem Andrés Sanchez, der ehemalige Präsident des Spitzenklubs Corinthians, sowie Brasiliens Fußballheros Ronaldo. Er gab dieser WM sein Gesicht.

Bei Odebrecht wurde der Aufwand für das "absurde" Stadion, das nach der WM auf den Klub Corinthians überging, auf 350 Millionen Real berechnet, etwa 105 Millionen Euro. Am Ende kostete es gut dreimal so viel. Die Anforderungen des Weltverbandes Fifa sollen zum Kostenanstieg der Gaudi-Schüssel beigetragen haben, hieß es; die Klageschrift geht indes auch von "möglichen kriminellen Praktiken im Hinblick auf den Bau der Corinthians Arena" aus. Die sei ja quasi nur für einen "eintägigen Gebrauch" bestimmt gewesen, sagte Odebrecht ausweislich der Akten, "kein anderes Ereignis wird dieses Stadion jemals rechtfertigen". In diesem zentralen Punkt sind selbst die Profiteure korrupter Operationen einer Meinung mit den Kritikern des Sport-Gigantismus.

Kein Real aus öffentlichen Mitteln werde in die WM fließen: Das hatte der nationale Fußballverband CBF den Bürgern vor dem Turnier versichert. Die Akten widerlegen das ebenso wie die Mär von der Nachhaltigkeit, die die Fifa und das Internationale Olympische Komitee (IOC) der Welt gern auftischen: Viele Arenen waren weder notwendig, noch nachhaltig, einige nicht mal gewünscht. Trotzdem wurden sie von Sportfunktionären abgenickt und gebaut.

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Für die WM-Affäre ist die Corinthians-Arena das beste Beispiel. Laut Emilio Odebrecht, dem Seniorchef des Konzerns, sei der ganze Deal als Bestechung zu betrachten - als "Geschenk" der Firma an den Traditionsklub Corinthians, sprich: an die große Liebe des damaligen Staatschefs Luiz Inácio Lula da Silva, genannt Lula. Emilio Odebrechts Sohn Marcelo bekräftigte vor der Justiz: Lula habe seinen Vater um "ein privates Stadion für Corinthians" gebeten.

Die Schüssel habe her müssen und wurde sogar von Odebrecht mitbezahlt - als Dank für alles, was Lulas Regierung über die Jahre für die Firma getan hatte. Die hatte ihre Umsätze zwischen 2003 und 2015, als Lula und dessen Vertraute Dilma Rousseff regierten, von fünf auf knapp 40 Milliarden Euro geschraubt.